Ideenfeuerwerk der Baukultur 

»Bewegter Donnerstag«: Wie steht es um die gestalterische Bildung für Kinder Jugendliche? 

Einer 5. Klasse am Allgäu-Gymnasium hat Ma- thias Schuh die Aufgabe gestellt, Modelle für ein historisches Museum zu bauen.
+
Einer 5. Klasse am Allgäu-Gymnasium hat Mathias Schuh die Aufgabe gestellt, Modelle für ein historisches Museum zu bauen.
  • VonAntonia Knapp
    schließen

Kempten – Die vom Menschen gestaltete und gebaute Umwelt umgibt uns ständig, wirkt auf uns ein und ist entscheidend für unser Wohlbefinden. Dennoch fehlt es häufig an Bewusstsein und Sensibilität für eine qualitätvolle Baukultur, wie etwa zahlreiche „beliebig austauschbare Gewerbegebiete“ auch im Allgäu zeigen, die „nichts mit der Region zu tun haben“, wie Franz Schröck anmerkte, der als Geschäftsführer des architekturforums allgäu das Online-Gespräch am Bewegten Donnerstag des Kempten Museums moderierte. Museum und architekturforum hatten vier Podiumsgäste eingeladen, die mit ihren Projekten daran arbeiten, junge Menschen zu aufmerksamen Beobachtern ihrer Lebensumgebung zu machen und ihnen zu zeigen, dass sie mitgestalten können. Denn sie sind es, „die die Zukunft letztendlich in der Hand haben und Veränderungen herbeiführen können“, so Schröck. 

In Kempten hat das architekturforum allgäu mit dem „Reglerhaus der Baukultur“ in der Webergasse einen neuen Ort geschaffen, an dem sich alle Generationen mit Gestaltungsfragen beschäftigen und miteinander ins Gespräch kommen können. Für 2022 hat der Verein das „Jahr der Baukultur“ ausgerufen. Ein umfassendes Thema, das nicht nur die Gestaltung einzelner Gebäude in den Blick nimmt, sondern auch die Entwicklung ganzer Städte und Landschaften, Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sowie der politischen Bildung u.a.m..

Der Bewegte Donnerstag ging der Frage nach, wie und wo Kinder und Jugendliche im Allgäu und in Bayern baukulturelle Bildung erfahren und welchen Stellenwert sie genießt: Was passiert an den Schulen? Welche außerschulischen Angebote gibt es? 

Wie können Jugendliche an öffentlichen Bauprojekten oder in Stadtentwicklungsprozessen mitwirken? Welche institutionellen Strukturen unterstützen die Projektemacher bei ihrer Arbeit, auch jenseits des Kunstunterrichts? Da Katharina Matzig, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der Bayerischen Architektenkammer, kurzfristig nicht teilnehmen konnte, hatten sich drei statt vier Podiumsgäste zugeschaltet. Mit ihren Kurzvorträgen boten sie Einblicke in ihre Arbeit und eine Fülle von Ideen und Anregungen.

Der Architekt Jan Weber-Ebnet (re., Dritter v. o.) präsentierte eine kleine Auswahl der bauwärts-Projekte, darunter auch eine Veranstaltung in Kempten (li.o.) und der Wertach-Balkon (re.o.).

Als „einen der wenigen Pädagogen im Allgäu, dem das Thema Architektur sehr wichtig ist“, begrüßte Moderator Schröck Mathias Schuh, Kunstlehrer am Allgäu-Gymnasium. Da er heute Abend „als Lehrer unter lauter Su- per-Architekten“ fungiere, erläuterte Schuh vor allem, wo baukulturelle Bildung in den gymnasialen Lehrplänen vorgesehen ist; 20 Jahre, nachdem das Thema Architektur quer durch alle Schularten und Jahrgangsstufen erstmals in die bayerischen Bildungspläne aufgenommen wurde. Zwar sei Architektur und Wohnkultur „fester Bestandteil“ auch des aktuellen Lehrplans, jedoch ist die Zahl der Unterrichtsstunden gering: In der Unter- und Oberstufe sind jeweils zwei Wochenstunden vor- gesehen, in der Mittelstufe nur eine. Auch im Hinblick darauf, dass etwa 35 Prozent aller Studienberufe sogenannte Kreativ- berufe seien, müsse man sich fragen, ob man so den individuellen Neigungen der Schüler gerecht werden könne.

Als Pädagoge sei es seine Aufgabe, „Neugierde zu wecken, Kenntnisse zu vermitteln und Haltungen aufzubauen“, um so „die kulturelle Identität“ der Schüler mitzuformen. Das könne jedoch nur „impulsartig“ geschehen und sei auch den teils recht starren Leistungsanforderungen unterworfen. Immerhin, im Lehrplan für die 12. Klasse nimmt die Architektur viel Raum ein und die Projekt-Seminare für Elftklässler ermöglichen dem Lehrer eine gewisse Freiheit. So hat Schuh mit einem seiner P-Seminare ein „Büro für urbane Visionen“ gegründet, in dem jeder Schüler eine Kemptener Sehenswürdigkeit wählte, um sie mit unterschiedlichen Mitteln wieder stärker in den Blick der Stadtöffentlichkeit zu rücken. Die Vielfalt der verwendeten Materialien reichte dabei vom textilen Merchandising-Produkt über die Bronzeskulptur bis zur Computeranimation. Doch letztlich liegt die „Ausbildung individueller Neigungen in der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung und der familiären!“, sind sich Schuh und die anderen Podiumsteilnehmer einig. Die baukulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche sollte „auf ein breiteres Fundament gestellt werden“. Schulen, Museen und Akteure wie das architekturforum sollten sich stärker vernetzen.

„Mehr Kontakt“ zur Stadtverwaltung wünscht sich auch Wolfgang Sodeur. Der Architekt hat vor etwa sechs Jahren gemeinsam mit seinem Sohn, Landschaftsarchitekt Philip Sodeur, und fünf Kollegen den Verein Baustelle Sonthofen gegründet. Mit einer engagierten Lehrerin gestalten sie seit 2015 P-Seminare, die „immer gleich ausgebucht“ sind. Gemeinschaftliche Aufgabe der Seminarteilnehmer ist es, mit der „Stadtoase“ ein temporäres Bau- werk mitten in Sonthofen zu errichten. Von der Standortsuche über den Modellbau und die Auswahl eines Entwurfs bis zu dessen Realisierung machen die Schüler alles selbst. „Wir erzählen ihnen etwas über Architektur und lassen sie dann erstmal machen“, erzählt Sodeur. „Wenn wir dann schauen, was ist machbar, welches Modell lässt sich verwirklichen, bringen wir unsere Fachkenntnisse ein.“ Ist das Gemeinschaftswerk vollendet findet eine große Eröffnungsfeier statt und die Schüler bespielen ihr Gebäu- de drei Tage lang mit einem abwechslungsreichen Programm, bevor es wieder abgebaut wird. Sodeur und seine Mitstreiter arbeiten ausschließlich ehrenamtlich; von der Schule erfahren sie kaum Unterstützung und die Vorgaben der Verwaltung erschweren ihre Arbeit häufig.

2018 bauten die Schüler des P-Seminars „Stadtoase“ mitten in Sonthofen den „Bergkristall“-Pavillon.

Welche positiven, stadtbildprägenden Wirkungen solche Projekte entfalten können, beweist der Architekt und Freiraumplaner Jan Weber-Ebnet. Er fördert die baukulturelle Bildung sowohl ehrenamtlich als auch beruflich. Mit der Firma bauwärts moderiert er Bürgerbeteiligungen und gestaltet im Auftrag von Kommunen oder Institutionen P-Seminare, Raumlabore und andere Workshops. So hat raumwärts im Augsburger Stadtviertel Rechts-der- Wertach gemeinsam mit Jugendlichen verschiedene Rauminszenierungen gestaltet, um „mal auszuprobieren, wie sich das anfühlt“ und so aktiv zur Quartiersentwicklung beizutragen. Das Ergebnis, der „Wertach-Balkon“, auf dem man in der Sonne sitzen und auf den Fluss blicken kann, wurde von vielen Bürgern zunächst misstrauisch beäugt, erfreut sich mittlerweile aber großer Beliebtheit.„Wir veranstalten nicht nur Freizeitbeschäftigungsprogramme“, betont Weber-Ebnet, „sondern tragen auch zur Stadtentwicklung bei.“ Die Jugendlichen erfahren, dass sie wirksam mitentscheiden und -gestalten können, und erleben, dass „öffentliche Räume auch öffentlich sind“. Darin liege eine große Chance: Architekten müssten „aus der Stadtentwicklung heraus denken“, auf Kommunen und Schulen mit einer konkreten Fragestellung zugehen und „Diskurse anstoßen“, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Die Begeisterungsfähigkeit und Kreativität junger Menschen sei dabei „eine großartige Ressource“.

Ehrenamtlich ist Weber-Ebnet als Vorstand der bayerischen Landesarbeitsgemeinschaft des Vereins Architektur und Schule tätig. Der Verein bringt Lehrer und Architekten zusammen und bietet den Lehrkräften „ein Bündel handfester Fortbildungen“. Außerdem gibt es Unterrichtsmaterialien und heuer bereits zum dritten Mal einen landesweiten Wettbewerb. Auch Weber-Ebnet investiert viel Engagement und Herzblut, mahnt aber, ebenso wie Schröck und Sodeur: „Wir müssen ‘raus aus der Ehrenamtsecke.“ Für die weitere Professionalisierung und Förderung ihrer Arbeit sei neben den bereits genannten Institutionen auch die Bundesstiftung Baukultur eine wichtige Akteurin und Netzwerkerin.

Ausstellung und Ferienprogramm

Das architekturforum eröffnet am 30. Juli im Reglerhaus seine Wanderausstellung „Stallbauten. Teil unserer Kulturlandschaft“, sofern es die Pandemieentwicklung zulässt. Im August wird es einen Workshop für Kinder geben: „Häuser für Tiere“. Anmeldungen sind willkommen. Der Verein Architektur und Schule veranstaltet von 7. bis 16. Juli in München die „Woche der Baukulturellen Bildung“ zum 50. Geburtstag der Bayerischen Architektenkammer.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

FDP-Spitzenmann Christian Lindner zu Besuch im Allgäu
Kempten
FDP-Spitzenmann Christian Lindner zu Besuch im Allgäu
FDP-Spitzenmann Christian Lindner zu Besuch im Allgäu
»Schockanrufer« testen neue Betrugsmasche
Kempten
»Schockanrufer« testen neue Betrugsmasche
»Schockanrufer« testen neue Betrugsmasche
Richtungsweisende Entscheidungen in Dietmannsried
Kempten
Richtungsweisende Entscheidungen in Dietmannsried
Richtungsweisende Entscheidungen in Dietmannsried
Rechtsaufsichtsbehörde prüft Beschuldigungen gegen die Gemeinde Haldenwang
Kempten
Rechtsaufsichtsbehörde prüft Beschuldigungen gegen die Gemeinde Haldenwang
Rechtsaufsichtsbehörde prüft Beschuldigungen gegen die Gemeinde Haldenwang

Kommentare