Bizarr zum Happyend

Kleist-Novelle Marquise von O. als "Dramödie"

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Der Vergewaltigung durch die russischen Soldaten entgeht die Marquise von O. (Lisa Wildmann) nur knapp. Aber auch der rettende Engel, ein russischer Offizier, entpuppt sich im Nachhinein als nicht ganz so engelsgleich.

Kempten – Etwas Gewöhnungsbedürftiges hatte die Inszenierung, die Silvia Armbruster Kleists Novelle „Die Marquise von O.“ mit dem Theater Wahlverwandte angedeihen ließ, schon. Zu sehen war die Wiederaufnahme vergangenen Freitag im Theater in Kempten.

Ob es immer von Vorteil ist, Stücke anderer Epochen (ein bisschen mehr, ein bisschen weniger) modern zu machen? Das wird wohl auf ewig eine Geschmacksfrage bleiben. Ebenso die Frage, ob das „Verwitzen“ – und auch das Was und Wie – von Vorteil für jedes Stück sind.

Geschrieben hat Heinrich von Kleist seine Geschichte der unerklärlichen Schwangerschaft der „Marquise von O.“ 1808. Es ist eine Geschichte von Trauma, von Emanzipation und gesellschaftlichen Normen, von Ausgrenzung, von Betrug und Reue, von Selbstachtung und Mut... Mut auch zur Versöhnung. Seit drei Jahren verwitwet, lebt die junge Marquise der Männerwelt entsagend wieder im Elternhaus, als der Krieg ausbricht und sie von einem russischen Offizier vor der Vergewaltigung durch russische Soldaten gerettet wird. 

Sie wird ohnmächtig und findet sich bald darauf in für sie unerklärlichen „Leibesumständen“. Von den Eltern verstoßen löst sie das Problem allen Spottes zum Trotz auf selbstbewusste Weise: Sie geht in die Offensive und schaltet – welch Ungeheuerlichkeit! – ein Inserat, in dem sie den Kindsvater aufruft, sich bei ihr zu melden und verspricht, ihn zu heiraten. Es ist ausgerechnet ihr einstiger Retter, mit dem es nach einigen Verwicklungen auch zum versöhnlichen und glücklichen Ende durch Reue des entlarvten Täters und Vergebung des Opfers kommt.

Kurios und schrill

Wie aus einem Guss standen hochengagierte, glaubwürdige Meister ihres Faches auf der Bühne: Mit Ursula Berlinghof als resolute wie liebende Mutter, Christian Kaiser als in Normen gefangener Vater und Sebastian Strehler als feuriger Verehrer (in kurzen Episoden auch Hebamme und Arzt) standen Lisa Wildmann als zunehmend unkonventionelle Marquise kongeniale Partner zur Seite. Ein Opfer der komischen Einschübe war allerdings die in der Geschichte ja auch tragische Komponente der Marquise, die trotz des unbestritten fesselnden Spiels von Wildmann ein wenig an der Oberfläche verkümmerte – verkümmern musste und die die Figur immer wieder (gewollt?) auch ins Kuriose abgleiten ließen. 

Dass die in dieser TiK-Saison einzige Vorstellung des Stückes ausgerechnet am Tag nach dem Internationalen Frauentag über die Bühne ging, provozierte gerade bei einer zeitlosen Fassung der Story vielleicht ein kritischeres Hinterfragen als sonst. Denn die Traumata wie Vergewaltigung und Missbrauch mit lückenhafter Erinnerung (Verdrängung) und einem Opfer, allein gelassen von Familie und Gesellschaft standen irgendwie ziemlich luftleer im Raum. Da muten Worte wie die der etwas bizarren Hebamme, die Marquise solle sich doch einfach auf das werdende Leben freuen, schon ein wenig grotesk an.

Gelungenes Sinnbild der bröckelnden Familienidylle und inneren Zerrissenheit: eine aus labilem Papier bestehende Wand (Ausstattung: Stefan Morgenstern) der väterlichen Wohnstatt, die durch eine Explosion zerfetzt und dann mit Klebeband notdürftig wieder gekittet wird. Symbolhaft auch das krampfhafte Festhalten an der gemeinsamen Hausmusik als verbindende Konstante selbst im Kugelhagel – aber zerstört durch die Schande. 

So schrill mancher Slapstick den nur fragmentarisch verarbeiteten Originaltext Kleists durchbrach, so ohrenbetäubend waren Sequenzen, in denen das live gespielte Schlagzeug (Sebastian Strehler) das Militär markierte oder auch die zahlreichen lautstarken Wortwechsel der Akteure. Wer mehr auf den komödiantischen Tenor als den dramatischen gepolt war, kam dennoch auf seine Kosten, was viele sichtbar herzhaft amüsierte Zuschauer während der Aufführung und der tosende Applaus zum Schluss belegten.

Christine Tröger

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