Länderübergreifender Sicherheitstag

Blick in die Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums

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Beim länderübergreifenden Sicherheitstag am vergangenen Montag durften Medienvertreter einen Blick in die Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums Süd/West in Kempten werfen. Raphael Schorsten ist einer von 50 Mitarbeitern, der eingehende Notrufe entgegennimmt.

Kempten/Landkreis – „Einer meiner schlimmsten Notrufe war, als mich ein Mann aus einem brennenden Fahrzeug angerufen hat“, erinnert sich Raphael Schorsten aus der Polizeieinsatzzentrale. Nicht immer gehen solch dramatische Ereignisse gut aus.

Um diese Szenarien zu verarbeiten, hilft ihm erst einmal „darüber zu schlafen“, „darüber zu reden“ und Sport. Inzwischen arbeitet der 30-Jährige seit sechs Jahren im Herzen des Kemptener Polizeipräsidiums – in der Einsatzzentrale – und hat, wie er sagt, „schon so ziemlich alles erlebt.“ Zusammen mit fünf anderen routinierten Kollegen arbeitet er in einer Schicht und nimmt eingehende Notrufe entgegen, dokumentiert und koordiniert die weiteren Einsatzschritte. „Durchschnittlich bekommen wir alle fünf Minuten einen Notruf“, sagt Sven-Oliver Klinke, Sachgebietsleiter der Einsatzzentrale. 

Seit 2008 laufen alle Notrufe der „klassischen“ 110-Notrufnummer in der Einsatzzentrale beim Polizeipräsidium Süd/West in Kempten auf. Die Einsatzzentrale ist dabei das koordinierende Bindeglied zwischen Präsidium und den einzelnen Dienststellen. Vergangenes Jahr hatte das Präsidium insgesamt 120.000 Einsätze, durchschnittlich also 330 Einsätze pro Tag. An Feiertagen und in den Sommermonaten schnellt die Zahl der Notrufe weiter nach oben. Da können es schon mal bis zu 500 Einsätze am Tag sein, sagt Klinke. Den Einsätzen entsprechend gingen in der Einsatzzentrale 2018 etwa 108.000 Anrufe über den Notruf 110 ein. „Das Stresslevel ist bei uns sehr hoch“, erklärt Klinke. Es ist ein pulsierendes Herzstück, in dem insgesamt etwa 50 Mitarbeiter, „alle keine Berufsanfänger, sondern Profis“, arbeiten. 

Denn Voraussetzung für die Tätigkeit in der Einsatzzentrale ist eine langjährige Erfahrung im Streifendienst. Empathie, Weitblick und Geduld sind weitere charakterliche Eigenschaften, die bei der täglichen Arbeit nicht nur zum Tragen kommen, sondern eine wesentliche Rolle spielen. Schließlich müssen die Mitarbeiter bei der Notrufannahme, sensibel, aufmerksam und mit hellwachem Verstand, brenzlige Situationen einzuschätzen wissen und den nötigen Weitblick entwickeln, was aus einer Situation entstehen könnte. So werden die Mitarbeiter bereits in der Grundausbildung psychologisch geschult. Zu regelmäßig stattfindenden Fortbildungen und Seminaren gehört unter anderem „Gesprächsführung mit unter Stress stehenden Personen“. Denn egal, ob der Anrufer alkoholisiert, emotional berührt oder gar unter Schock steht, für die Mitarbeiter gilt: Ruhig bleiben, beruhigen und möglichst viele wichtige Informationen vom Anrufer zu sammeln. (Wer? Was? Wann? Warum? Wo? Wie viele Personen sind betroffen?) 

Über bestimmte Schlagworte wie z.B. Raub, Mord, Diebstahl u.ä. kann der Mitarbeiter aus einem umfassenden Katalog schnell dokumentieren und präzisiert so die weitere Planung des Einsatzverlaufs. Für die Einsatzplanung und für die Funker ist der Zugriff auf verschiedenes Kartenmaterial und diverse Lagepläne wichtig. Um schnell vor Ort zu sein und die Situation differenzierter einschätzen zu können, versuchen die Funker die nächste Streife oder geeignete Spezialkräfte dorthin zu beordern. „Auch hier gab es 2008 einen Philosophiewechsel“, sagt Klinke. Denn zwischenzeitlich sei nicht nur die Streife der jeweiligen Dienststelle für den Einsatz zuständig, sondern die gesamt verfügbaren Kräfte des Präsidiums. Der, der schneller vor Ort sein kann, fährt zum Einsatzort. Schließlich gehe es darum, dem Bürger schnellstmöglich Hilfe zu leisten, so Klinke. 

Über parallel eingegangene Anrufe, die bei der Integrierten Leitstelle 112 von Feuerwehr und Rettungsdienst eingegangen sind, wird die polizeiliche Einsatzzentrale über weitere Details informiert. Ganz wichtig bei so vielen Einsätzen ist die Aufbereitung einzelner Einsätze, so Klinke. Dazu müsse man besprechen, was bei dem Einsatz gut, was schlecht gelaufen ist, was verbessert werden kann und wie es künftig ablaufen soll. Nicht immer gehen Einsätze spurlos an den Mitarbeitern vorbei, Erinnerungen und Emotionen müssen verarbeitet werden, dabei helfen vor allem Gespräche. Da sind vor allem die Führungskräfte gefragt, die direkt mit den Angestellten sprechen und nachhaken, so Klinke. 

Tamara Lehmann

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