Vertrauen ist keine Einbahnstraße

Paralympics-Siegerin und Politikerin Verena Bentele als Gastrednerin beim Landfrauentag

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Kreisbäuerin Monika Mayer (li) dankte Verena Bentele für ihren Auftritt beim Oberallgäuer Landfrauentag.

Dietmannsried – Mit einem informativen und motivierenden Vortrag fesselte Verena Bentele beim Oberallgäuer Landfrauentag am vergangenen Donnerstag das Publikum. Für die seit Geburt an blinde zwölffache Paralympics-Goldmedaillengewinnerin und Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen war der Auftritt fast ein Heimspiel, denn ihre Wurzeln liegen nicht allzu weit entfernt von der Oberallgäuer Marktgemeinde. Aufgewachsen auf einem Biobauernhof in Wellmutsweiler im Bodenseekreis (Baden-Württemberg), den ihre Eltern auch heute noch bewirtschaften, kennt sie sich in einem bäuerlich geprägten Umfeld bestens aus.

„Wir freuen uns sehr Frau Bentele, dass sie da sind“, wandte sich Kreisbäuerin Monika Mayer in ihrer Eröffnungsrede in der voll besetzten Festhalle von Dietmannsried an die Gastrednerin. Mayer erinnerte gleichzeitig daran, dass die Landfrauen im BBV in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiern. Um eine solch lange Zeit zu bestehen, bedarf es Eigenschaften, wie das Ziehen am gleichen Strang, den Einsatz für Belange der Frauen in den Dörfern sowie das Eintreten miteinander und füreinander. Man benötige einen langen Atem, es gelte Richtung zu halten und man müsse dennoch flexibel sowie beweglich bleiben. Damit stellte sie den Bezug zu Bentele her, auf die das Genannte ebenfalls zutreffe. 

Bäuerinnen von heute, so Mayer, sollten fit, groß und stark sein. Die Landwirtschaft stehe vor großen Herausforderungen, unterstrich die Kreisbäuerin und machte gleichzeitig klar, ein Wandel könne auch gewinnbringend sein. Bildung sei die Grundlage jeglichen Fortschritts. Sie richtete den Blick zurück und erinnerte, dass die Angebote des Bauernverbands einst die einzige Möglichkeit für Bäuerinnen waren, sich weiterzubilden. Mit den Worten: „Ich bin überzeugt davon, dass Kinder, die auf einem Hof mit beiden Elternteilen aufwachsen dürfen, Selbstsicherheit entwickeln, genau wie sie Frau Bentele“, übergab Mayer das Mikrofon an die Powerfrau.

Bentele stellte ihren Vortrag unter die Überschrift „Vertrauen schenken und Vertrauen gewinnen: Vertrauen als erlernbare Fähigkeit“. Ohne diese Fähigkeit, machte die Wahl-Münchnerin deutlich, wären ihr niemals so große sportliche Erfolge gelungen und sie hätte wohl kaum den Kilimandscharo erklommen. Dennoch, auch das betonte sie, ganz ohne Risiko kann kein Ziel erreicht werden.

Die Balance, eigene Erfahrungen zu sammeln und klare Grenzen einzuhalten, sei für sie ganz wichtig, betonte sie eingangs. Sie schilderte, wie ihre Eltern ihr und ihren beiden Brüdern, einer ist ebenfalls blind, eine weitestgehend unbeschwerte Kindheit bescherten, ihren Bewegungsdrang wenig einschränkten, dem Nachwuchs allerdings auch klar definierte Grenzen mit auf den Weg gaben. Wie etwa in puncto Fahrrad fahren, da war ab einem bestimmten Punkt Schluss. „Wir rannten als Kinder fast immer durch die Räume unseres Hauses, auch auf die Gefahr hin, uns eine Beule einzuhandeln“, erinnerte sie sich. Außerdem, Orientierung lerne man schnell, zum Beispiel könne sie Wände hören und rechts-links einschätzen. Schon immer sei zu Hause viel Sport getrieben worden. „Ich bin mir sicher, dass meine Eltern den Grundstein für meinen Sport und für meine jetzige Arbeit gelegt haben“, so die 36-Jährige, die viel Persönliches einfließen ließ. Zum Langlauf kam sie, als sie auf eine Blindenschule kam, da dort das alpine Skifahren nicht auf dem Programm stand. Der „Stockstützlauf“, zunächst als langweilig abgetan, wurde dann ihre große Leidenschaft.

Ein gut funktionierendes Team, in dem klar definierte Abmachungen gelten, gegenseitige Kommunikation und 100-prozentiges Vertrauen, auch bei temporeichen Abfahrten, seien das A und O eines jeden Erfolgs. Alleine gelinge gar nichts. Sie wäre ohne Begleitläufer nicht so siegreich gewesen, aber auch ihre Begleitläufer hätten ohne sie keine Medaille erringen können, war eine ihrer Kernaussagen. Man gewinne gemeinsam oder verliere zusammen. 

Eine ganz neue Gruppenerfahrung machte Bentele bei der Kilimandscharo-Besteigung, wo ganz unterschiedliche Charaktere zusammentrafen. Letztlich ließ sich die Mannschaft sogar von ihrer Motivation anstecken und bekam mit, wie sie mit ihrer Begleiterin, als eingespieltes Team, den Aufstieg geschafft hat. Alles in allem sei es für sie eine spannende Erfahrung gewesen.

Ihre sportliche Karriere beendete Bentele mittlerweile, was allerdings nicht heißt, dass sie für sich nicht weiterhin Ziele definiert. Demnächst steht eine Radtour von Trondheim nach Oslo auf ihrem Zettel. Diese Strecke will sie zusammen mit Gleichgesinnten an einem Tag unter 20 Stunden bewältigen. Damit wäre sie zwei Stunden schneller als 2014; als sie für die 540 Kilometer 22 Stunden und 23 Minuten benötigte. „Wenn ich das erreiche, dann bin ich stolz und habe meine persönliche Goldmedaille gewonnen“, so die ehemalige Spitzensportlerin. 

Zum Schluss empfahl sie ihren Zuhörerinnen: „Deswegen liebe Damen, liebe Ladies, suchen sie sich ab und zu ihre persönliche Goldmedaille, oder um es mit den Worten von Monika Mayer auszudrücken, bädsched sie sich ab und zu mal selber.“ Die so angesprochenen Zuhörerinnen spendeten der Moderatorin für einen energiegeladenen, fulminanten Vortrag begeistert Applaus.

Grußredner Landrat Anton Klotz sprach die schwierige Situation der Landwirtschaft an, der es immer schwerer gemacht werde, unrichtige Behauptungen zu widerlegen. Seine Forderung: Schluss mit der Polemik und Rückkehr zu einer sachlichen Berichterstattung in den Medien. Ulrike Müller, Abgeordnete im Europaparlament, berichtete von ihrer Arbeit. 

Sie kämpfe für eine gemeinsame Agrarpolitik und gegen unfaire Handelspraktiken. Vehement setze sie sich gegen Lebend-Tiertransporte ein. Christiane Ade, neugewählte Bezirksbäuerin, nahm sich dem Thema Heimat an. Heimat habe viele Facetten und sei für immer mehr Menschen ein Anker geworden.

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung vom Oberallgäuer Bäuerinnenchor unter der Dirigentin Waltraud Geismayr. Die Lebenshilfe Kempten präsentierte das Theaterstück „Kriminal Tango“.

Hildegard Ulsperger

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