Von der Blüte zum Niedergang

Rita Schweidler und ihr Mann Kurt, 38 Jahre lang Gärtner des Kloster Lenzfried, haben sich beim Besuch „ihres“ Gärtnerhauses an vergangene Tage erinnert. Foto: Tröger

Knapp 40 Jahre haben Kurt und Rita Schweidler das Gärtnerhaus im Kloster Lenzfried bewohnt. Vor sieben Jahren wurde der ehemalige Klostergärtner pensioniert und zog mit seiner Frau in die Nachbarschaft. Wegen der Auflösung der Klosters wurde der Posten nicht neu besetzt. Seither bewohnt Christoph Hensel, mit Schweidlers Kontakt haltend, das idyllische Haus, einst Sommerresidenz für Schwestern im Urlaub. Vergangene Woche besuchten die ehemaligen Bewohner ihr langjähriges Zuhause noch einmal, bevor es bald schon der Abrissbirne preis gegeben wird.

Als Rita Schweidler das Haus erstmals wieder betritt, werden ihre Augen feucht. „Fast nur Schönes“ verbindet sie mit diesem Zuhause im Schutz der Klostermauern, wo auch die beiden Töchter groß werden durften. 38 Jahre lang hat ihr Mann hier als Gärtner gearbeitet, verantwortlich für die weitläufigen Blumen-, Gemüse- und Obstgärten, den Blumenschmuck in der Kappelle, die Pflege der Schwesterngräber, des Parks und der Außenanlagen des Kindergartens. Allein an „Karotten wurden jedes Jahr rund 20 Zentner“ geerntet, nennt er eine Größe. „Man hat hinten aufgehört und vorne wieder angefangen“, meint er lachend. Eingezogen war das Ehepaar am 2. Februar 1966, an einem „schönen föhnigen Tag mit viel Schnee“, erinnern sie sich noch genau an ihren dritten Hochzeitstag. Viele Veränderungen haben sie dort erlebt, wie die Lockerung der einstigen Ordenstracht mit großem Schleier. „Das war ja furchtbar bei der Stallarbeit“ oder in der Sommerhitze, schüttelt Rita Schweidler den Kopf. Anfangs hätten im sich „total selbst versorgenden Kloster“ noch 48 Schwestern und rund 200 Zöglinge gelebt sowie Lehrlinge der „Landwirtschaftlichen Hauswirtschaft“. Hühner, Schweine und rund 60 Stück Vieh wurden, so Schweidlers weiter, im Kloster gehalten und nach Bedarf geschlachtet. Rita Schweidler erinnert sich gut daran, dass es im Dorf Lenzfried „oft Ärger gegeben hat“, weil die Kühe des Klosters – die einzigen die es im Dorf gab – beim Austrieb die Straße verschmutzten. Immer weniger Ordensschwestern hätten zur Aufgabe der Landwirtschaft im Jahr 1986 geführt. Auch die Trennung der bis nach Leupolz reichenden Ländereien durch den Autobahnbau nannte Kurt Schweidler als Grund. Das Verhältnis zu den Schwestern bezeichnet er als „innig“, auch wenn diese sich an den Anblick eines Mannes im Kloster erst hätten gewöhnen müssen. Das sei aber schnell gegangen, denkt er amüsiert an die Flucht einer Essensgruppe zurück, als er an seinem ersten Arbeitstag plötzlich im Raum gestanden sei. „Gartenschwester“ Reinholdis kommt ihm in den Sinn, „eine ganz liebe“, die morgens als erste aufgestanden und abends bis zur Dunkelheit im Garten gewesen sei. „Sie ist eine echte Klosterschwester gewesen – nur Beten und Arbeiten“, schmunzelt Rita Schweidler. Oder die „sehr intelligente“ Schwester Elektra, zuständig für die Näherei, die nach dem Geschmack der Schwester Oberin etwas zu viel Zeit mit der Beobachtung von Tieren verbracht habe. Geschichten von Schwester Eterna, Agathe und vielen weiteren sprudeln nur so aus dem Erinnerungsschatz des humorvollen Ehepaares. „Dass Lenzfried bei den Schwestern begehrt war, da sie hier so viel Freiheit hatten wie sonst nirgends“, offenbart Kurt Schweidler als offenes Geheimnis. Die Auflösung des Klosters mit nur sechs verbliebenen Schwestern, „die jüngsten um die 70-jährig“, sei unumgänglich gewesen, meint Kurt Schweidler, der den bereits gefällten Obstbäumen nicht nachtrauert. „Sie waren schon alt und nicht mehr so gesund“, sieht er es realistisch. Dass das 1955 erbaute Gärtnerhaus abgerissen werden soll, mag seine Frau aber nicht verstehen. Vor allem wenn dort nichts hingebaut, sondern das Grundstück nur der „alten Ökonomie“ zugeschlagen werde. „Dann können sie das Haus auch stehen lassen“, wie sie meint. „Wir haben Blüte und Niedergang des Klosters erlebt“, zeigt sich der ehemalige Klostergärtner dankbar für fast vier außergewöhnliche Jahrzehnte.

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