Kaplanhaus wird zum Heimathaus

"Sehr liebevoll gestaltet"

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Ob Brennscheren oder Spuckkasten, Sauzuber, „Bock“ oder „Ziege“ (beides sind Spinnräder) – Hubertus Kretschmer kann zu jedem der ausgestellten Gegenstände eine kleine Geschichte erzählen.

Börwang – Am Wochenende wurde das Heimatmuseum in Börwang feierlich eröffnet. Fast zwei Jahre lang hatte sich eine Handvoll Idealisten ehrenamtlich um die Sanierung und den Umbau des mehr als 120 Jahre alten Kaplanhauses gekümmert.

Unter der Leitung des ehemaligen Haldenwanger Schulleiters Hubertus Kretschmer wurde hier seit dem Sommer eine umfangreiche heimatkundliche Sammlung aufgebaut, die nun der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Wer das schmucke, ehemalige Bauernhaus in der Wagegger Straße 10 betritt, taucht in eine andere Zeit ein. Im Erdgeschoss, gleich neben der alten Bauernstube mit dem Kachelofen, zeigen alte Aufnahmen und Zeichnungen aus den letzten beiden Jahrhunderten, wie die Gemeinde einst aussah. Im ersten Stock sind eine komplette Käsküche, ein „Stilles Örtchen“ und ein Kaplanzimmer aufgebaut – Letzteres komplett mit Messgewändern im Schrank, metallener Wärmflasche im und Bettpfanne unter dem Bett. Für große Augen und Faszination sorgt vor allem bei den Kindern der Raum mit den 26 ausgestopften Tieren unserer Heimat. Daneben gibt es eine von Fidel Wintergerst selbst gebaute, mehrere Quadratmeter große Ganzjahreskrippe sowie ein Modell der früheren Burg Wagegg zu bewundern.

Wer sich für die Historie dieses eindrucksvollen Bauwerks aus dem 12. Jahrhundert interessiert, das einst in unmittelbarer Nähe auf einem Hügel thronte und dessen Hauptgebäude 1807 abgerissen wurde, kann auf einer umfangreichen Infotafel so Einiges erfahren. Das Dachgeschoss des Heimathauses ist hauptsächlich alten bäuerlichen und handwerklichen Gerätschaften gewidmet, deren Verwendung dem Besucher durch eine Vielzahl von Fotos und durch informative Texte verdeutlicht wird.

Ein wahres Prunkstück mit Seltenheitswerk bildet dabei der aus dem Besitz von Werner Wirth stammende, voll funktionsfähige und transportable Handwebstuhl eines „Stör-Webers“ (diese fuhren früher von Hof zu Hof, um dort über mehrere Tage anfallende Weberarbeiten zu erledigen) samt umfangreichem Zubehör, der aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt und mit dem sich die extrem aufwändigen Arbeitsabläufe dieses Handwerks verdeutlichen lassen. „Die Ausstellung ist sehr liebevoll und ansprechend gestaltet“, lobt eine Besucherin. Deren zehnjähriger Sohn findet: „Hier kann man richtig viel erfahren.“ Auch Brigitte Schmid-Brunk, die an der Grundschule in Haldenwang unterrichtet, ist begeistert. „Wunderbar“ sei es, das kleine Museum und aus schulischer Sicht ganz hervorragend. „Hier werden viele Themen aus dem Lehrplan aufgegriffen, wie etwa Käserei oder Flachsbearbeitung. Da brauchen wir gar kein Heimatmuseum in Kempten mehr. Hier wird bei jedem Schulausflug ein Abstecher drin sein“, ist sie sich sicher.

Eine Herzensangelegenheit

Dass es das Heimathaus heute gibt, ist nicht zuletzt Bürgermeister Anton Klotz (CSU) zu verdanken. „Es war mir persönlich ein Herzensanliegen, dieses Heimathaus zu erstellen, weil ich selbst sehr heimatverbunden bin“, so der gebürtige Börwanger. Die Gemeinde Haldenwang hatte das sogenannte „Kaplanhaus“, in dem von 1921-83 sieben Kapläne wohnten, im Jahr 2007 von der Pfarrgemeinde gekauft. Als sich die anfänglichen Pläne, hier eine Kinderkrippe unterzubringen, zerschlugen, entbrannten heftige Diskussionen um einen möglichen Abriss. Er habe sich damals stark für den Erhalt eingesetzt, weil Börwang ohnehin in den letzten Jahrzehnten viel alte Bausubstanz verloren hat, erklärt der Rathauschef. Danach fanden sich in Hermann Wasserrab, Fritz Fischer, Basti Winzinger, Norbert Wilms und Stefan Prestel fünf unglaublich engagierte, handwerklich versierte Bürger, die das marode Gebäude in den vergangenen zwei Jahren mit enormem Zeitaufwand, viel Liebe zur Sache und den unterschiedlichsten handwerklichen Fähigkeiten in das Schmuckstück verwandelten, das es heute darstellt. Insgesamt 20-25 000 Euro hat die Gemeinde in das kleine Museum investiert – wobei die oben genannten Helfer ihre Arbeitskraft für Gottes Lohn zur Verfügung stellten.

Klasse statt Masse

Genauso wie der ehemalige Haldenwanger Schulleiter Hubertus Kretschmer, der für die Konzeption und Organisation verantwortlich zeichnet. Er hatte bereits über Jahrzehnte an der Schule eine umfangreiche heimatkundliche Sammlung angelegt, aus deren reichem Fundus das Museum nun gespeist werden konnte. „Mehr als achtzig Mal“, sei er seit Juli von seinem Wohnort Altusried hierher gekommen, um zu planen, aufzubauen, zu bebildern und zu beschriften. Mit dem Ergebnis ist er sehr zufrieden. „Wir setzen auf Klasse statt auf Masse“, sagt er selbstbewusst. Davon sollen sich ab sofort Schulklassen und andere Gruppen ein Bild machen. Die genauen Öffnungszeiten für die Bevölkerung stehen momentan noch nicht fest.

Sabine Stodal

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