Aufeinander zugehen ist wichtig

Muslime in Deutschland – Jetzt reden die Kemptener

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Etwa 100 Interessierte waren zum Thema „Glaube, Skepsis, Vorurteile – Müssen wir Angst vor dem Islam haben?“ in die Eissporthalle gekommen.

Kempten – Wie können Christen und Muslime in Deutschland gut miteinander leben? Das war eine zentrale Frage, die die Sendung „jetzt red i“ aufwarf. Der Grundtenor: Sie müssen aufeinander zugehen.

Ob einer von beiden einen größeren Schritt machen muss und wer das sein soll, darüber waren sich nicht alle Diskussionsteilnehmer einig.

Die Skepsis gegenüber Muslimen wächst. Sie selbst muss sich immer öfter für ihren Glauben rechtfertigen, berichtete SPD-Stadträtin Ilknur Altan, die türkische Wurzeln hat. Zafer Simsek, Vorsitzender der DITIB-Moschee in der Füssener Straße bestätigt: „Kinder in den Schulen werden angesprochen: ,Gehört‘s ihr zu denen?‘“ Der Generalverdacht unter dem der Islam steht, hängt stark mit den Anschlägen zusammen, die in letzter Zeit verübt worden sind. Das zeigten die Zahlen, die Moderator Tilman Schöberl präsentierte: 2010 sagten noch 49 Prozent der Deutschen, „ja, der Islam gehört zu uns“; im Jahr 2016 nur seien es nur noch 34 Prozent gewesen.

In diesem Zusammenhang kam die Sprache auf die Vorfälle am Israeltag Ende Mai vor dem Forum Allgäu, wo es wegen Jugendlichen, die eine palästinensische Flagge geschwenkt hatten, zu einem Polizeieinsatz gekommen war (der Kreisbote berichtete). Gönül Yerli, Vizedirektorin des Islamischen Forum in Penzberg, geladen als eine Vertreterin der Muslime, erklärte, dass der Islam grundsätzlich friedlich sei und die Kernaussage des Korans die Barmherzigkeit. In jeder Religion gebe es „unterschiedliche Strömungen, Meinungen und leider auch ideologische Auswüchse“. Yerli bedauerte, dass in Deutschland „ein Sprachrohr, eine Galionsfigur“ fehle, die sich hinstellt und den Islam klar von Gewalt und Terrorismus abgrenzt. Hier sieht sie die islamischen Moscheengemeinden in der Verantwortung. Damit ging sie konform mit Bürgern, die über das Internet ebenfalls eine klare Abgrenzung gefordert hatten.

Soziale Konkurrenz schürt Angst

Kerstin Goldberg, die für die Diakonie gearbeitet hat, sieht ein Problem im sozialen Bereich. Sie berichtete von Menschen in einfachsten Verhältnissen, die aus ihrer Wohnung herausgeklagt worden seien, weil der Vermieter über den Staat eine größere Rendite durch Vermietung an Flüchtlinge erzielt hätte. Hier sei wichtig, nicht den Eindruck entstehen zu lassen, dass Asylsuchende, bevorzugt werden, sagte der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Georg Nüßlein, der seinen Wahlkreis in Neu-Ulm hat. Ein Beispiel, wo dies gelungen sei, sei die Gesundheitskarte für Flüchtlinge, mit der in den ersten 15 Monaten nur eine Notfallversorgung gewährleistet wird und keine Zusätze wie etwa Zahnersatz.

Falsch im Zusammenhang mit Politik, Christentum oder Islam von Angst zu sprechen, hielt es dagegen Lajos Fischer, Geschäftsführer des Haus International. Angst müsse man nur vor instrumentalisierten Religionen haben. Er hielt es lieber mit

Goethe: „Der ist nicht fremd, der teilzuhaben weiß“. Für ihn ist es wichtig, dass beide Seiten einen Schritt aufeinander zumachen, dass die Migranten die Sprache des Ziellandes lernen, aber auch, dass eine demokratische Erziehung staatlich finanziert wird. Er forderte auch ein kommunales Wahlrecht für alle, die hier leben.

Dass Muslime und Christen auch privat aufeinander zugehen sollten, entsprach dem Wunsch mehrerer Redner: Muslime sollten mehr an hiesigen Festen teilnehmen und auch mal Kirchen besuchen, wünschte sich eine Dame.

Als vorbildliches Beispiel lobte Siegfried Oberdörfer, Beauftragter des Stadtrats für Integration in Kempten, die Arbeit der DITIB-Moschee. Die Bevölkerung ist hier gerade zum allabendlichen Fastenbrechen eingeladen. Es gebe Predigten auch auf Deutsch. Über 50 Muslime hätten sich letztes Jahr in Deutsch ausbilden lassen, um Moscheeführer werden zu können und über den Koran und Islam zu sprechen.

Dass es neben gesprächsbereiten Moscheen aber auch solche gebe, die weniger offen seien, erklärte Yerli mit möglicherweise fehlendem Personal, sprich mit Imamen, die deutsch sprechen oder Vorständen, die in theologischen Fragen Auskunft geben können. Mit Nüßlein war sie sich darüber einig, dass die Imame in Deutschland auf Deutsch und mit hiesiger Sozialisation ausgebildet werden sollten und nicht wie bisher oft üblich in der Türkei, von wo aus sie auch bezahlt werden. Seit 2011 gebe es daher Lehrstühle, an denen man ordentliche islamische Theologie studieren könne. Nüßlein wies darauf hin, dass über die DITIB-Moscheen der Konflikt in der Türkei hier in Deutschland platziert worden sei. Zur Bezahlung der Imame kann er sich eine Art Kirchensteuer vorstellen, über die dann nachgedacht werden müsse.

"Anpassung statt Parallelkultur!"

Aber Nüßlein ging noch weiter. Seine Forderung: „Muslime müssen sich klar hinter Demokratie und Pluralismus stellen und das jeden Tag“, sagte er. Ihn stört, dass die Kinder in muslimischen Familien aus seiner Sicht zu wenig im Sinne der Autonomie und Individualität erzogen würden, dass die Strukturen sehr Hierarchisch geprägt seien und dass es von Seiten der Muslime immer noch oft zu Diskriminierung von Frauen komme. „Die Wertbasis des Islam muss sich über einen Prozess an unsere Kultur anpassen“, forderte er.

Yerli dagegen sieht keinen Widerspruch zwischen islamischen Werten und Normen und der westlichen Demokratie; im Moment könne man noch nicht von Kultur sprechen, dies sei erst aus einer Rückschau in ein paar hundert Jahren möglich. Ihrer Meinung nach brauche es einen „Konsens, wie man Gesellschaft in Zukunft gestalten will“.

Darin pflichtete ihr Werner Tiki Küstenmacher bei: „Eine Kultur entwickelt sich von selber, man kann sie nicht verordnen“, sagte der evangelische Theologe, Bestsellerautor und Karikaturist. Küstenmacher ist dagegen, von staatlicher Seite her stark einzugreifen.

Sein Rezept, um näher zusammenzurücken: das gemeinsae Lachen; man solle lernen, auch über seine Religion zu lachen; am Lachen könne man erkennen, ob eine Religion gesund ist oder nicht.

Worin sich alle einig waren, war die Forderung nach einem staatlichen Islamunterricht an den Schulen. Moschee-Vorstand Simsek sieht darin das richtige Mittel gegen den Extremismus: „Die Kinder müssen früh fundierte Kenntnisse bekommen, damit sie später nicht in Gefahr geraten, abzudriften“, sagte er.

Susanne Kustermann

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