Vortrag: Wir trennen uns

Kooperative Trennung

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In ihrem Vortrag ließ Kerstin Beckmann die interessierten Zuhörer zu Wort kommen und u.a. Themen benennen, die Paare im Zuge einer Trennung beschäftigen. Seien es verletzte Gefühle, Ängste, Fragen zum Unterhalt, zur neuen Wohnsituation, zur Aufteilung von gemeinsamem Hab und Gut oder auch Überlegungen wie diese: Auf wessen Seite schlagen sich Freunde und Familien? Wo kann ich mir Hilfe holen? Und nicht zuletzt: Was geschieht mit den Kindern?

Kerstin Beckmann berät und begleitet im Rahmen ihrer Tätigkeit beim Bezirkssozialdienst der Stadt Kempten seit vielen Jahren Paare bei Trennung und Scheidung. In ihrem Impulsvortrag machte sie die Wichtigkeit (und auch die Schwierigkeiten) einer kooperativen Trennung zum Wohle der Kinder deutlich.

Die Zahlen sind ernüchternd: Im Jahr 2015 wurden laut aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 163.335 Ehen geschieden (das ist fast jede dritte). 131.749 Kinder waren von diesen Scheidungen betroffen. In Wirklichkeit ist ihre Zahl wesentlich höher, denn die Trennungen unverheirateter Eltern sind in diesen Erhebungen nicht berücksichtigt.

Kerstin Beckmann stellte diese Tatsachen in Bezug zu einer anderen: In zahlreichen Umfragen habe die ganz überwiegende Mehrzahl von Kindern auf die Frage „Was ist das Schlimmste, was Kindern passieren kann?“ mit „Der Tod der Eltern“ und „Die Trennung der Eltern“ geantwortet, so die Referentin. Somit zeichne sich die zentrale Frage, um die es an diesem Abend gehen solle, bereits ab. Die lautet: Wie kann eine kooperative Trennung zum Wohle der Kinder gelingen?

Für die betroffenen Kinder gehe die Trennung der Eltern häufig mit Schuldgefühlen und einem großen Loyalitätskonflikt einher, erklärte Kerstin Beckmann. „Die Kinder geben sich selbst die Schuld an der Trennung. Ich erlebe es auch sehr häufig, dass Kinder beispielsweise keinen Kontakt zum Vater wollen, nur um die Mutter nicht zu verletzen. Oder dass sie die Freude, die sie in der gemeinsamen Zeit mit dem jeweils anderen Elternteil erlebt haben, herunterspielen.“

Es sei ein wichtiger Lernprozess, Wiedervereinigungsfantasien abzulegen und die Trennung der Eltern zu akzeptieren. „Von Kindern erfordert eine Trennung eine enorme Anpassungsleistung“, verdeutlichte Kerstin Beckmann. „Sie müssen auf ein Elternteil verzichten, bisweilen steht ein Wohnort- und Schulwechsel an.“ Dies könne je nach Alter, Geschlecht, Temperament und sozialen Fähigkeiten des Kindes - zu Weinerlichkeit, Aggressionen, Einnässen, massiven Verlustängsten, schlechteren schulischen Leistungen, Problemen mit anderen Kindern bis hin zu Depressionen und suizidalen Tendenzen führen. Diese Auffälligkeiten träten vor allem in den ersten zwei Jahren auf, danach seien sie in der Regel rückläufig, so die Referentin.

„Was die betroffenen Kinder und Jugendlichen während dieser Zeit des Umbruchs brauchen, ist die Sicherstellung des Kontakts zu beiden Elternteilen, deren emotionale Verfügbarkeit, weitere Ansprechpartner (Vertraute, Großeltern u.ä.), Nähe und Alltag, ein wertschätzender Umgang der Eltern miteinander vor dem Kind („Oft sehr schwierig“), Verlässlichkeit und Hilfestellungen bei der Einschätzung der Situation („Was ist hier eigentlich gerade los? Was steht an?“ und nicht „Wen hast Du lieber?“) sowie die Vermittlung eines optimistischen Blicks in die Zukunft („Wir schaffen das, auch wenn es gerade schwierig ist“).

„Nicht dass Eltern sich trennen, sondern wie sie sich trennen, ist entscheidend“, betonte Kerstin Beckmann. „Ihre Aufgabe ist es, das Konfliktniveau zu senken und die Paarebene von der Elternebene zu trennen. So gelingt nach und nach die Anpassung an die neue Situation als Nachtrennungsfamilie.“

Sabine Stodal

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