Immer wieder donnerstags

Bei der Viehversteigerung in der Allgäuhalle

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Großes Interesse bei der Versteigerung für Kalb Nummer 14: Es erzielte den sagenhaften Preis von 3000 Euro.
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Während die Jungkühe auf ihre Versteigerung warten, werden sie mit Heu und Wasser versorgt.
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Seine Jungkuh hatte über 2000 Euro erzielt. Aus Freude stimmten Konrad Baiz und seine Frau einen Jodler an. Der Auktionator wartet derweil, bis es weitergeht.
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Florian Hierl und eine seiner Jungkühe kurz vor dem Auftritt.
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Im Ring führt bei den Hierls immer Sohn Pius. 

Kempten – „Johojü, johojü, johoü“, der Klang des Jodlers erfüllt die 1928 errichtete Halle bis in den letzten Winkel. Alle Landwirte und auch die Tiere im Vorraum lauschen gespannt. Es riecht nach Kühen, Stall und Heu. Nur eine Kuh stimmt mit einzelnen Muhlauten in den Gesang mit ein.

Auf der Empore des Auktionators, in fünf Metern Höhe stehen Konrad Baiz und seine Frau – er mit Weste und Oberstorfer Hut, sie im blauen Stepp-Anorak, die Hände in den Hosentaschen – und singen. Ein Jauchzer zum Schluss, begeisterter Applaus, und schon wird die nächste Kuh im Ring herumgeführt. Wenn ihm seine Kuh über 2000 Euro einbringt, dann wird er einen Jodler anstimmen, hatte Baiz im Vorfeld angekündigt. Und so ist es gekommen. „Das ist immer so bei uns“, witzelt Thomas Bechteler, der Geschäftsführer der Allgäuer Herdebuchgesellschaft (AHG), die den Markt für ihre Mitglieder veranstaltet. Knapp 400 Landwirte sind an diesem Wintertag nach Kempten gekommen, um Ausschau nach einem neuen Tier für ihren Bestand zu halten, oder eines zu verkaufen. KN, MN, OA, OAL, FÜ, KRU ist auf den Autokennzeichen am Parkplatz zu lesen, aber auch Großeinkäufer aus Italien und Südtirol sind da. Jeden zweiten Donnerstag ist der Parkplatz der Allgäuhalle bis auf den letzten Platz mit Autos, Traktoren und Viehanhängern gefüllt.

Auch Florian Hierl ist mit seinem Sohn Pius aus Bühl am Alpsee angereist. Zwei ihrer Jungkühe möchten sie heute verkaufen. Die beiden Tiere mit den Auktionsnummern 346 und 347 stehen gerade noch im Stall der Allgäuhalle und warten auf ihre Versteigerung. Einen Namen bekommen sie erst bei ihrem neuen Besitzer. Im Moment kauen sie an einem langen mit Heu gefüllten Futtertrog in Gesellschaft von etwa noch weiteren 150 Kühen wieder. Bereitwillig stecken die beiden die Köpfe in den Wassereimer, den Pius ihnen hinhält.

Er hat die beiden und weitere 280 Jungtiere zusammen mit zwei anderen Hirten zwei Sommer lang auf einer Alpe betreut. Nachher wird er Nummer 346 und 347 den Käufern vorführen. Ist er nicht traurig, seine Schützlinge zu verlieren? „Nein“, erwidert er entschieden, „das ist doch die Krönung der Arbeit.“ Man ist immer stolz, wenn man gute Tiere in den Ring führen kann, erklärt der Vater. 3200 Euro wollen die Hierls heute für beide Kühe zusammen bekommen. Auf der Milchliste sind die beiden mit 105 Kolleginnen unter „Wertklasse II“ aufgeführt. Vier Tiere sind in „Wertklasse I“ gemeldet. Daneben gibt es noch „Wertklasse III“ mit sieben Tieren und die „Nutztiere“, wo die Mischlingskühe zusammengefasst sind. Die Einordnung übernehmen Spezialisten der AHG am frühen Morgen nach dem Waschen und der Milchkontrolle. Bei der Milchkontrolle werden die Kühe auf Euterentzündungen geprüft. Das ist wichtig, damit der Käufer, der die Kuh noch am Abend milkt, keine erhöhten Zellzahlwerte in der Milch hat.

1220, -40 -60 -80 -1300, -20 -40 -60 -80 -1400 ----- In atemberaubender Geschwindigkeit rattert der Auktionator derweil in der Halle die Gebote ins Mikrofon. Für ungeübte Ohren ist es schwer, da mitzukommen. „Eine minimale Bewegung mit dem Katalog reicht aus, damit er die Gebote zur Kenntnis nimmt“, erklärt AHG-Geschäftsführer Bechteler. Der Auktionsleiter schaut dabei nicht direkt in die Ränge, sondern darüber hinweg. In der Mitte des Rings stehen zwei Helfer, die manchmal auf Bieter hinweisen. Erhält ein Käufer den Zuschlag, werden die Daten in dreifacher Ausführung festgehalten. Einen Beleg bekommt dann sofort der Käufer, einen die Kasse und einen der Verkäufer. Jetzt wird der Auktionator langsamer: „Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten.“ Nummer 267 ist verkauft. Das spürt sie wohl und macht einen großen Satz zur Seite in Richtung Tisch am Rand des Rings. Ihr Besitzer reagiert geistesgegenwärtig und stemmt sich dagegen. Er führt das Tier in einem engen Kreis, um die Kraft umzuleiten. Weiter geht’s.

An dem Tisch sitzen Mitarbeiter der AHG, die im Auftrag von Käufern mitsteigern. Sie kennen die Bedürfnisse der Auftraggeber: Laufstall oder Anbindestall, Weidegang oder nicht, Melkroboter oder Melkstand und den Höchstpreis. Sie ersteigern ein passendes Tier, das noch am selben Abend im Stall des Käufers ankommt. „45 Prozent aller gehandelten Tiere wechseln auf diese Art den Besitzer“, erklärt Bechteler. Die restlichen 55 Prozent werden direkt von den neuen Besitzern eingesteigert.

Am frühen Vormittag bei der Versteigerung der Kälber hatte es eine kleine Sensation gegeben. Als der Auktionator bei 2000 Euro für Kalb Nummer 14 angekommen war, wurde das Gemurmel in der Halle immer lauter. 3000 Euro erzielte das Tier letztendlich und erhielt Applaus dafür. Normalerweise erlösen „schlechte“ 150 bis 240 und „gute Tiere“ 380 bis 600 Euro. „Das war ein absolutes Elite-Tier“, sagt AHG-Geschäftsführer Bechteler, „für solche Kälber gibt es sogar eigene Auktionen“. Ein Bauer aus Südtirol hat das Kalb letztendlich mittels Kaufauftrag erstanden.

Neben den Auktionen kauft die AHG auch Kalbinnen direkt von den Höfen, um sie zu vermarkten. In 20 Länder gehen die Tiere dann. Darunter auch Tunesien, Marokko oder Albanien. Für den Transport dort hin gelten strenge Regeln. Der Fahrer muss ein genaues Fahrtenbuch mit allen Pausen und Wassergaben führen. Und der Exporteur muss nachweisen, dass die Tiere unbeschadet ankommen. 1893 wurde die AHG gegründet, um die Landwirte bei der Zucht und der Vermarktung zu unterstützen. Mit 22 Alpen und Weidehöfen im Besitz der Gesellschaft fördert sie auch die Jungviehaufzucht ihrer Mitglieder.

Durch die Gänge im Stall der Allgäuhalle wandern interessierte mit Katalog und Stift bewaffnete Käufer und begutachten das Angebot. Sie achten auf die Größe des Tieres, auf die Winkel der Füße, die Beckenbreite und -neigung und die Rippenbogen. Immer wieder heben sie einen Kuhschwanz und inspizieren das Euter, machen Notizen im Katalog. Ist das Euter hoch und fest genug aufgehängt? Sind die Zitzen zu sehr nach außen gestellt? Das ist wichtig für das spätere Melken. Auch zu klein dürfen sie nicht sein. Eine gerade Oberlinie des Rückgrats zeugt von Fruchtbarkeit und Gesundheit. „Wie genau es die Landwirte damit nehmen, ist unterschiedlich“, erklärt Vater Florian Hierl, „jeder hat seine eigenen Top-Kriterien, auf die er achtet.“ Bei manchen Landwirten spielt vor allem die Milchmenge eine Rolle – andere werten die Fitnessmerkmale höher.

Immer wieder grüßt Hierl andere Landwirte im Stall. Man kennt sich gut hier, sagt er, „die Züchter sind eine große Familie.“ Circa 20 Jungkühe bringt der Bühler im Jahr auf die Auktion. „Das ist ein zweites Milchgeld für mich“, sagt er. 25 bis 30 Milch- und 50 bis 60 Jungkühe hat er daheim im Stall stehen. Obwohl das Aufziehen der Jungtiere viel Arbeit macht, hat Hierl Spaß an der Zucht der braunen Brown-Swiss-Kühe, die auch den Hauptanteil im Stall der Allgäuhalle ausmachen.

Bei den Landwirten gibt es verschiedene Philosophien: Damit eine Kuh Milch gibt, muss sie ungefähr einmal im Jahr ein Kalb gebären. Die männlichen Kälber werden meist so bald wie möglich verkauft. Um einen Milch-

kuhbestand zu erneuern, weil alte und kranke Tiere ausscheiden, braucht ein Bauer aber pro Jahr ein Viertel bis ein Drittel seiner Bestandszahl an neuen Jungkühen. Es gibt Landwirte, die genau diese Zahl an Tieren selber aufziehen. Manche Bauern dagegen verkaufen ihre Kälber so bald wie möglich und kaufen bei Bedarf Jungkühe zu, zum Beispiel von Hierl, der mehr weibliche Kälber behält und sie für den Verkauf heranzieht. Zweieinhalb Jahre dauert das. Vor allem die Kälber brauchen intensive Betreuung, erklärt er. Sie dürfen keine Lungenentzündung oder Grippe und am besten auch keinen Durchfall bekommen, um später gute Milchkühe zu werden. Im dritten Jahr, im Alter von 27 bis 32 Monaten bekommen die Tiere dann ihr erstes Kalb und sollten danach mindestens 25 Liter Milch pro Tag geben, um verkauft werden zu können.

Wie die meisten Züchter, die in Kempten vermarkten, schickt Hierl die Jungtiere zwei Sommer lang auf die Alpe. „Es kommen sogar Käufer extra deswegen hierher“, erklärt der Bauer, „die geälpten Tiere sind später gesund und fit.“ Wie bei einem Jugendlichen, der Sport treibt, wirkt sich die Sommerfrische in den Bergen auf Knochen, Muskeln und Sehen aus. Aber auch Arbeit und Kosten werden durch die Alpzeit gespart – wenngleich die Aufzucht durch die extensive Aufzucht mit Älperei ein halbes Jahr länger dauert.

Heute hat sich die Arbeit für die Hierls gelohnt. Nummer 347 wurde für 2120 Euro nach Italien verkauft und 346 ging für 1500 „ins Unterland“. Auch mit dem flotten Marktverlauf ist Hierl zufrieden. „Die Tiere waren aber auch gut – beide über 30 Kilogramm Milch pro Tag bei guter Melkbarkeit…“, sagt der Bauer und lacht. Auch Geschäftsführer Bechteler ist zufrieden mit dem Markttag. 1761 Euro kosteten die verkauften Jungkühe im Schnitt. „Es war einer der besten Märkte, weil Preisniveau ausnehmend hoch war“, freut er sich.

Weil die Parkplatzsituation an der Kotterner Straße mittlerweile sehr angespannt, und es für die Landwirte schwierig ist, mit ihren Anhängern durch den morgendlichen Berufsverkehr durch die ganze Stadt zu fahren, sucht die AHG nach einem Grundstück für eine neue Halle. Im Gespräch ist derzeit ein Teil der Fläche des Biomassehof Allgäu in der Riederau (der Kreisbote berichtete).

„Die AHG führt Gespräche mit der Stadt Kempten, wie die Infrastruktur und die Flächenaufteilung dort gestaltet werden können“, erklärt der Geschäftsführer. Ob die AHG letztendlich dorthin zieht, ist noch offen. Bechteler ist aber zuversichtlich.

Der nächste Markt – am gewohnten Standort – findet am Donnerstag, 1. Februar, statt.

Susanne Kustermann

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