"Brutstätte dieser Bewegung"

Dr. Erich Farkas (links) übergibt Privatdozent Dr. Otto Prümmer einen Kaktus, den er (Farkas) einst von der berühmten Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross erhalten hatte. Foto: Kampfrath

Sie lindern Schmerzen, spenden Trost und begleiten schwerkranke Menschen auf deren oftmals letzten Weg. Gemeint ist das etwa zehnköpfige Team der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) Kempten-Oberallgäu. Am Freitagnachmittag feierten das Klinikum und der Hospizverein Kempten-Oberallgäu die Etablierung dieses Dienstes im Kornhaus.

Die Truppe besteht hauptsächlich aus Palliativmedizinern und spezialisierten Krankenpflegekräften. Mit dabei sind auch ein Sozialwirt, eine Verwaltungsangestellte und ein Atemtherapeut. „Es ist das zweite Palliativteam in ganz Schwaben“, berichtete Andreas Ruland, Geschäftsführer des Klinikums Kempten-Oberallgäu stolz. Er dankte unter anderem der Paula-Kubitschek-Vogel-Stiftung für die „großzügige Spende“. Der Vorsitzende des Hospizvereins Kempten-Oberallgäu, Josef Mayr, freute sich ebenfalls: „Ich glaube, mit diesem Angebot ist die Nestwärme in unserer Region um einige Grade angestiegen.“ Hospiz und Klinikum hätten zwar unterschiedliche Aufgaben, aber das gemeinsame Ziel zur Versorgung von Schwerstkranken. „Die Hospizbewegung wird in einer Zeit der Kleinfamilien immer wichtiger werden“, sagte Mayr. Neues "Schmerztelefon" Dr. Erich Farkas blickte auf die Kemptener Geschichte der Palliativ-Hospiz-Versorgung zurück. Ende der 1960er Jahre hätten sich er, Professor Dr. Volker Hiemeyer und ein weiterer Arzt zusammengesetzt. Zu dritt hätten sie darüber diskutiert, wie sie den „Geringsten der Gesellschaft“ – den Sterbenskranken – helfen könnten. „Die Ablösung der Großfamilie durch die Kleinfamilie führte in den 1970er Jahren in einigen Fällen zur Abschiebung ins Krankenhaus“, berichtete Farkas. „Wir wollten möglichst wenig neue Strukturen schaffen, sondern bestehende so weit wie mög-lich nutzen.“ Auch ein „Schmerztelefon“ hätten sie damals eingerichtet. „Das Haus ‚St. Raphael‘ und das Gemeindezentrum am St.-Mang-Platz wurden geradezu zur Brutstätte dieser Bewegung.“ Eine Internistin habe damals als ständige Ansprechpartnerin die Organisation der freiwilligen Helfer koordiniert. Dr. Farkas bedauerte es, dass im deutschen Sprachgebrauch die Begriffe „Palliativ“ und „Hospiz“ voneinander getrennt sind. Im Englischen sei das nicht so. Erich Farkas erzählte von einer persönlichen Begegnung mit der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross. Diese habe er kurz vor deren Tod im Jahr 2004 in Arizona getroffen. „Ich überlegte damals, ob ich ein größeres Hospiz oder ein kleineres Hospiz im Tal anschauen soll.“ Kübler-Ross habe ihm damals geraten, das Haus im Tal zu besuchen. „They have the right spirit“ habe die gebürtige Schweizerin zu ihm gesagt. Farkas übersetzte diesen englischen Satz („Sie haben den richtigen Geist.“) mit „Es ist diese Achtsamkeit, diese Begleitung.“ Am Ende habe ihm Elisabeth Kübler-Ross einen „heilenden Kaktus“ geschenkt. Das stachelige Gewächs hatte Farkas im Kornhaus dabei und schenkte ihn Dr. Otto Prümmer, Chefarzt der Onkologie und Hämatologie am Klinikum Kempten-Oberallgäu. "Kein Brachland" Der Privatdozent arbeitet seit 1998 im Krankenhaus in der Memmingerstraße. Kempten sei damals „palliativmedizinisch gesehen kein Brachland“ gewesen. Am 24. Juni 1999 hätten er und seine Mitarbeiter die Palliativstation eröffnen können. „Sie lief schnell und sehr gut an“, so Prümmer. „Heute arbeiten dort drei Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Palliativmedizin.“ Dr. Otto Prümmer berichtete über die Versorgungssituation auf der Palliativstation im Jahr 2010. Demnach gab es 270 stationäre Patienten, von denen 106 nach Hause entlassen werden konnten. 96 Patienten seien auf der Station verstorben, 32 seien ins benachbarte Allgäu-Hospiz verlegt worden. Als „palliativmedizinisches Urgestein“ bezeichnete sich der Festredner Sepp Raischl. Seit 2009 ist er Leiter des Christophorus-Hospizes in München und des daran angeschlossenen SAPV-Teams. Der Dienst ermögliche schwerkranken Menschen, in ihrem gewohnten Umfeld, also zu Hause, zu sterben. Doch längst nicht alle Probleme seien gelöst: „Die Implementierung der SAPV in stationäre Pflegeeinrichtungen macht mir große Sorge“, meinte der Theologe und Sozialpädagoge. „In manchen bayerischen Landkreisen hat es gar keinen Sinn über Palliativmedizin zu reden, da noch nicht einmal die Grundversorgung gewährleistet ist.“ Er bewundere jedoch, „was hier in Kempten entstanden ist“. „Tod und Sterben gehören zu unserem täglichen Leben. Die Mitarbeiter der Palliativmedizin lassen diese Wirklichkeit an sich heran“, so Raischl. Das nun etablierte SAPV- Team ist für Erwachsene und Senioren zuständig. „Für Kinder wird es einen eigenen Dienst geben“, erzählte eine Mitarbeiterin des Bunten Kreises dem KREISBOTEN.

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