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Buchbesprechung von Lajos Fischer

Umeswaran Arunagirinathans "Der fremde Deutsche"

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Umeswaran Arunagirinathan bei der Lesung in Kempten.

Kempten – „Meine Eltern sehen in mir immer noch das tamilische Kind. Sie erkennen nicht, dass die Wurzeln eines Bäumchens, das aus einem Land in ein anderes verpflanzt wird, in dem neuen Land weiter wachsen und unter der Erde größer werden. Dass die Wurzeln von dem neuen Land ernährt und geprägt werden, sieht keiner. Sie nehmen nur den Baum, das Äußere, wahr und sehen immer noch einen Baum aus Sri Lanka. Sie vergessen dabei, dass dieser Baum vieles aus der neuen Heimat in sich trägt.“ Ich finde, das sind die Schlüsselsätze von Umeswaran Arunagirinathans zweitem Buch mit dem Titel „Der fremde Deutsche“.

Kürzlich hat er es auf Einladung des Kulturamtes im Alpin-Museum als Teil des Begleitprogramms der Ausstellung „Mensch.Land.Flucht“ vorgestellt. Seine Bescheidenheit, empathische Erzählweise und seine klare Weltsicht erfüllten von der ersten Minute an den vollbesetzten Saal. 

Seitdem er mit zwölf Jahren nach monatelanger Flucht, die er in seinem ersten Buch „Allein auf der Flucht“ ausführlich dargestellt hat, in Deutschland ankam, hat Arunagirinathan wegen seines „fremden“ Aussehens und wegen seiner Homosexualität oft Diskriminierung, Ablehnung und Ausgrenzung erlebt: In Rosenheim, wo Türsteher ihn daran hinderten, mit seinen Freunden in der Diskothek zu feiern. Im Fitnessstudio, wo er als „Asylant“ betitelt und mit „Du nix Sauna?!“ angeredet wurde. In der Hamburger Universitätsklinik, wo man ihm die Facharztprüfung verweigerte mit der Begründung, dass er froh sein könne, dort überhaupt eine Stelle zu bekommen. In der Arbeit, als ein Patient dagegen protestierte, „von einem pakistanischen Flüchtling“ behandelt zu werden. In der Lübecker Einbürgerungsbehörde, wo sich eine gereizte Sachbearbeiterin weigerte, ihn zu beraten. In der Schule, wo er als „Schwuchtel“ beschimpft und in der U-Bahn, wo er wegen seiner sexuellen Orientierung bespuckt wurde. 

Nichts davon hat ihn daran gehindert, seinen Weg zu gehen. Er bestand darauf, den besagten Patienten weiter zu behandeln; bei seiner Entlassung ging derjenige mit den freundlichen Worten: „Du bist ein guter Junge.“ „Vielleicht habe ich mit meinem Verhalten einem 80-jährigen Mann die Chance gegeben, nicht als Rassist zu sterben“, schreibt Arunagirinathan. Um den informellen Netzwerken seines Chefs in Hamburg zu entgehen, arbeitet er jetzt in einem multikulturellen Team im fränkischen Neustadt an der Saale und steht kurz vor seiner Facharztprüfung. Zur Einbürgerungsbehörde hat er eine befreundete deutsche Familie mitgenommen, mit dem Ergebnis, dass er innerhalb von vier Wochen den deutschen Pass in der Hand halten konnte. 

Als er in Amerika von einem Nachfahren von Holocaust-Überlebenden gefragt wurde, ob er mit den Nazis in Deutschland klar komme, erwiderte er, dass die meisten Deutschen gegenüber Fremden und fremden Kulturen offen und tolerant seien und dass er inzwischen mehr Deutscher als Tamile sei. Als er nach der Beerdigung seines Vaters in Sri Lanka mit dem Flugzeug in Hamburg landete, sagte er sich: „Hier bist du zu Hause, Umes.“ Bei der sexuellen Diskriminierung fand er in seinem Freundeskreis Trost und er lernte es, offen, aber behutsam damit umzugehen. 

Arunagirinathans Herkunftsland, Sri Lanka, wurde in einem zweieinhalb Jahrzehnte dauernden Bürgerkrieg zerstört. Eine seiner Schwestern starb, weil sie im Krieg keine ärztliche Behandlung bekommen konnte, die anderen Geschwister leben heute in den USA, in Kanada und in England. In jeder Zeile des Buches ist seine große Liebe zu seiner Familie zu spüren und sein Leid, dass ihre Mitglieder in der ganzen Welt zerstreut sind. „Dr. Umes“ blickt jedoch auf viele Elemente der Kultur seines Herkunftslandes kritisch: auf das Kastensystem, auf die arrangierten Ehen, auf den Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen und auf die politische Führung. „Der Bürgerkrieg in Sri Lanka ist vorbei, aber es gibt noch keinen Frieden“, sagte er in der Lesung. 

„Ein Fremder bleibt ein Fremder, wenn kein Dialog entsteht. Ein Fremder hat durch den Dialog die Möglichkeit, ein Freund zu werden, und ein Feind kann sogar durch einen Dialog das Feindbild brechen“, schreibt er. Und er geht mit gutem Beispiel voran: In Hamburg wurde er von einer afghanischen Familie wie ein Sohn aufgenommen mit dem Ergebnis: „Ein geflüchteter Junge aus Sri Lanka mit hinduistischem Glauben feiert Weihnachten mit einer afghanischen muslimischen Familie. Ein wunderbares Bild.“ Außerdem wurde er Taufpate von Oskar, dem Sohn einer befreundeten Familie aus dem tiefst katholischen Bayern. „Ich bin dankbar und glücklich, dass der Priester aus Rosenheim zugestimmt hat, dass ich Verantwortung für ein christliches Kind übernehme“, interpretiert er diese Geste als ein Zeichen positiver Änderungen in den Religionen Richtung Toleranz und Akzeptanz der Vielfalt. 

Das Buch spricht aber auch eine ganz andere Problematik an: Umeswaran Arunagirinathan übt scharfe Kritik an den Machtstrukturen im deutschen Gesundheitswesen. Er beklagt, dass hunderte von Assistenzärzten ohne Abschluss und frustriert die Kliniken verlassen, weil sie der Willkür von Klinikdirektoren und Fachgesellschaften ausgeliefert seien. Und die Politik, vor allem die Bundesärztekammer, ignoriere „diese undemokratische, unmoralische, unterdrückende Praxis“. Er schreibt: „Jeder Widerstand gegenüber dem herrschenden System in der Weiterbildung kann dazu führen, dass ich meinen Facharzt nicht bekommen werde.“ 

Das sei teilweise auch der Grund dafür, dass es schwierig ist, einen Arzt als Kandidaten für den Betriebsrat im Klinikum zu gewinnen. Er hat es gewagt, einen harten Kampf für bessere Arbeitsbedingungen geführt und viele Repressalien erlebt. 

An anderer Stelle betont er, dass der hohe medizinische Standard im deutschen Gesundheitswesen nur durch die Mitarbeit von Menschen aufrechtzuerhalten ist, die aus dem Ausland zu uns kommen. Dass es gelingt, „setzt aber auch Anerkennung und Respekt“ ihnen gegenüber voraus. 

Das dünne, 140 Seiten umfassende Buch, das man in zwei, drei Stunden lesen kann, ist ein authentischer Bericht über die gelungene Integration eines Geflüchteten. Auch Umeswaran Arunagirinathan bekam Ende der 1990er Jahre einen Bescheid, dass er innerhalb von 30 Tagen das Land verlassen müsse, um nicht abgeschoben zu werden. Dank der Proteste seiner MitschülerInnen, LehrerInnen und Hamburger BürgerInnen durfte er bleiben. Abschiebung bedeutet, dass man die Pflanze mit den zarten Wurzeln, die sie im neuen Land geschlagen hat, mit brutaler Gewalt aus dem Boden reißt, sagte er in seiner Einführung. Sein Beispiel zeigt, dass sich der Kampf dagegen langfristig auszahlt: Sowohl für den betroffenen zukünftigen deutschen Neubürger als auch für unsere Gesellschaft, die fachlich kompetente, hoch motivierte und engagierte Menschen wie „Dr. Umes“ gewinnen kann.

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