Gabis Schicksal

Buchpräsentation gibt Anlass, über aktuelle Anfeindungen gegenüber Juden zu sprechen

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Leo Hiemer präsentierte Ausschnitte aus seinem soeben erschienenen Buch „Gabi (1937- 1943).Geboren im Allgäu. Ermordet in Auschwitz“

Kempten – Gabi ist ein fünfjähriges Mädchen aus dem Allgäu, das in Ausschwitz auf menschenverachtende Weise umgebracht wurde. Ein berührendes Einzelschicksal, das stellvertretend für die vielen Kinder steht, die von den Nazis ermordet wurden. „Als Gabi auf die Welt kommt, war ihr Todesurteil schon gesprochen“, sagte der Allgäuer Filmemacher und Autor Leo Hiemer. „Rassistische Ideologien, staatlich geschürter Hass auf Juden und gnadenlose Verfolgung durch Gesetze, Verordnungen und Erlasse, die von Helfern und Mitwissern umgesetzt wurden, besiegelten Gabis Schicksal.“

Beim Interkulturellen Herbst 2019 präsentierte letzten Freitag im Haus International der Autor Leo Hiemer dem Publikum nicht nur Ausschnitte aus seinem Buch, sondern gab in einem Vortrag und mit Hilfe von Fotos Einblicke in das Leben von Gabi, sowie Hintergrundinformationen zu ihrem frühen Tod. 

Gisela May, Sprecherin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und des Bundesverbands der Antifaschistinnen und Antifaschisten Allgäu (VNN-BdA Allgäu), erinnerte in ihrem Grußwort an die Reichspogromnacht 1938 – Gewalt, die sich gegen Menschen jüdischer Abstammung richtete. „Die Willkür der Nazis war grenzenlos“, so May. 

Auch heute begegnet uns immer wieder Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Hetze gegen Andersdenkende in der Politik und in der Gesellschaft, wie der verabscheuungswürdige Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale am höchsten jüdischen Feiertag, dem Versöhnungsfest Jom Kippur, so Luis Kornes, stellv. Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Memmingen-Kempten-Allgäu. Er appellierte, den Anfängen entgegenzutreten und Position zu beziehen. 

Viele Jahre hat der preisgekrönte Filmregisseur Leo Hiemer das Schicksal der kleinen Gabriele Schwarz erforscht und recherchiert. In seinem soeben erschienenen Buch „Gabi (1937-1943). Geboren im Allgäu. Ermordet in Auschwitz“ zeichnet er berührend ihren kurzen Lebensweg durch Dokumente, Zeitzeugenberichte und Fotografien nach. Es ist ein Buch für eine verantwortungsvolle Erinnerung und gegen das Vergessen der Geschichte, so Hiemer. 

Die Zahl der Zeitzeugen nimmt immer mehr ab, ihre Geschichten müssen weiter erzählt werden, sie müssen weiterleben als eindringliche Warnung gegen jegliche Form von Rassismus. „Entstanden ist ein 420 Seiten starkes historisches Sachbuch, ein beeindruckendes Zeitzeugnis, das sich nicht zum Vorlesen eignet“, so der Autor. 

Eine tragische Geschichte aus seiner Heimat, dem Allgäu, die ihn mittlerweile sein halbes Leben beschäftigt. Im Jahr 1993 hat der mit dem Titel „Leni… muss fort“ den Schicksalsweg des kleinen Mädchens Gabriele Schwarz bereits verfilmt. Ein Film, der auf mehreren Festivals als „besonders wertvoll“ eingestuft wurde. Vor etwa zehn Jahren dann, erzählte Hiemer, habe ein Kemptener Lehrer den Anstoß zu diesem Buch gegeben. 

Gabriele Schwarz wird am 24. Mai 1937 in Marktoberdorf als Tochter einer getauften Jüdin aus Augsburg geboren. Bereits drei Wochen später gibt sie ihre Mutter Lotte zu den Pflegeeltern Aichele auf einen Bauernhof in der Gemeinde Stiefenhofen. Gabi wächst dort bei der katholischen Bauernfamilie unbeschwert in ländlicher Idylle auf. Als Menschen jüdischer Abstammung mussten Lotte und ihre Tochter Gabi den zweiten Vornamen „Sara“ führen und amtlich eintragen lassen. Lotte versuchte, sich und ihr kleines Kind mit Hilfe von Kardinal Faulhaber ins Ausland zu retten. Doch im September 1941 wird Lotte verhaftet, ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert und in der NS-Tötungsanstalt Bernburg umgebracht. Auch Gabi muss im Februar 1943 auf Anweisung der Gestapo und sofortiger Umsetzung durch Bürgermeister Seelos ihre Heimat verlassen. Beim Abschied sagte Gabi zu ihrer Pflegemutter Therese Aichele: „Gell, Mama, Du betest für mich und ich bete für Euch!“ Sie wird nach München in die „Heimanlage für Juden Berg am Laim“ gebracht, die sich innerhalb des Vincentinerinnen-Klosters befand. Einen Monat später wird die kleine Gabi nach Auschwitz transportiert, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Gaskammer ermordet wird. 

Alle Bemühungen ihrer Pflegeeltern und des Dorflehrers Johann Pletzer, sie zu retten, waren umsonst. Auch ihr Vormund Dr. Ludwig Dreifuß hatte keinen Rat. „Unternehmt bloß nichts, man stellt euch sonst alle an die Wand“, wird seine damalige Aussage zitiert. Gabi wurde nur fünf Jahre alt. 

Die bedrückende und zugleich berührende Geschichte und die Brisanz der Ereignisse, die bis heute aktuell sind, trafen auf großes Interesse bei den zahlreich erschienenen Gästen und machte zugleich sprachlos.

Christine Reder

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