Umgedrehte Welt?

Bündnis klimaneutrales Allgäu: Umweltparteien skeptisch, CSU und FW begeistert

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Etwa 3342 Tonnen CO2 stieß die Kemptener Stadtverwaltung im Jahr 2019 aus. Mit dem Beitritt zum Bündnis klimaneutrales Allgäu 2030 soll sich diese Menge bis 2030 auf Null senken.

Kempten – „Scharfe Schüsse“ knallten im letzten Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz. Auch hier macht sich, so scheint es, der Wahlkampf bemerkbar.

„SIE sind doch bei den Grünen! Ein Nein nützt doch dem Klima nichts! Das ist doch armselig!“, schoss Dr. Dr. Robert Wiedenmann von den Freien Wählern in Richtung seiner Ratskollegin Barbara Haggenmüller. Zur Entscheidung stand, ob die Stadt dem Bündnis für ein klimaneutrales Allgäu 2030 beitreten soll und somit der von Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller ins Leben gerufenen Allianz für Entwicklung und Klima. Während Wiedenmann und Oberbürgermeister Thomas Kiechle darauf drängten, die Stadtverwaltung samt Liegenschaften bis 2030 über dieses Projekt CO2-neutral zu machen, hatten ÖDP und Grüne Sorge, dass Teilnehmer verleitet sein könnten, sich über die mitunter angedachten CO2-Kompensationsprojekte „freizukaufen“, ohne selbst CO2 einzusparen.

Dass ein „Freikauf“ mitnichten angedacht sei, betonten der städtische Klimamanager Thomas Weiß und der Geschäftsführer des Energie- und Umweltzentrums Allgäu (eza) Martin Sambale während der Projektvorstellung mehrfach. Das Bündnis richtet sich an Unternehmen, Institutionen, Schulen, Hotels oder auch Kommunen. Mit Hilfe von jährlich aktualisierten individuellen CO2-Bilanzen sowie Impulsberatungen sollen die Teilnehmer ihren CO2-Ausstoß jährlich verringern, um im Jahr 2030 treibhausgasemissionsfrei zu sein. 

Die Dringlichkeit der Situation führte Sambale den Anwesenden vor Augen. Wenn das 1,5-Grad-Ziel von Paris nicht eingehalten werde, komme es zu sogenannten „Kippelementen“, die den Klimawandel nochmals beschleunigen und den Planeten noch viel stärker erhitzen. Zum Beispiel könne das geschmolzene Eisschild die Sonne nicht mehr reflektieren. Aus dem auftauenden Permafrost entweicht Methan. Das Ziel der Bundesregierung, bis 2030 55 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen zu streichen, bezeichnete Sambale als „nicht ausreichend“. Das Bündnis „der Willigen“ könne Tipps liefern, wie die Mitarbeiter klimafreundlicher zur Firma gelangen können, welche Möglichkeiten der Dämmung, Lüftung oder Materialbeschaffung alternativ möglich sind. Auch um erneuerbare Energien wie PV soll es gehen. Die Bündnispartner berichten dann jährlich von ihrem Fortschritt und verpflichten sich, ihre Daten offenzulegen.

 "CO2-Vermeidung an erster Stelle"
„Nicht-vermeidbare Rest-Emissionen sollen über hochwertige, zertifizierte CO2-Einsparprojekte schrittweise“ kompensiert werden, heißt es im Papier, das dem Umweltausschuss erklärend vorgelegt wurde. Und bei den Kompensationen kommt Müllers „Allianz für Klima und Entwicklung“ ins Spiel: Für jede Tonne kompensiertes CO2 seien zehn Euro an ein klimaförderliches Projekt in Afrika oder Südamerika zu entrichten. Ein Beispiel war ein so finanzierter Brunnen in Ruanda, durch den die Dorfbewohner ihr Wasser nicht mehr über offenem Feuer abkochen müssen und somit den benachbarten Wald stehen lassen können. 

Hohe Standards gelten bei den Kompensationsprojekten, erklärte Sambale: Die CO2-Einsparung müsse dauerhaft sein, zum Zeitpunkt der Ausgabe müsse die Reduktion messbar sein, Doppelzählungen würden vermieden. Die Macher wollen bestehende Partnerschaften nutzen oder neue direkte, dauerhafte Partnerschaften aufbauen. Gebündelt könne mehr erreicht werden, als wenn Unternehmen sich einzeln engagieren. Externe Büros würden die zertifizierten Projekte überprüfen. Weil die Nachfrage nach hiesigen Kompensationsprojekten wie Aufforstung, die Herstellung von Pflanzenkohle oder ähnlichem hoch sei, werde auch daran gedacht. 

„Später, wenn zertifizierte Projekte im Allgäu verfügbar sind“, seien sie eine Alternative zur Kompensation in Entwicklungsländern. Die Kosten für die Kemptener Stadtverwaltung, die sich nach deren Mitarbeiterzahl berechnen, liegen bei einem Einstiegspreis von einmalig 5000 Euro und einem Jahresbeitrag von 2600 Euro. Weil Kempten European-Energy-Award-Kommune ist, würden die eigentlich fälligen 3250 Euro um 20 Prozent rabattiert.

2019 emittierte die Stadtverwaltung 3342 Tonnen CO2 (Daten sind teils geschätzt, zum Beispiel bezüglich Mitarbeitermobilität). Wollte sie bereits dieses Jahr klimaneutral sein, könnte sie alle CO2-Emissionen kompensieren und die insgesamt fälligen 37.600 auf einen Schlag zahlen. Dafür plädierte Robert Wiedenmann von den Freien Wählern. „Können wir nicht gleich hineinschreiben in den Beschlussvorschlag, dass Kempten klimaneutral ist?“, drückte er aufs Tempo. „Das ist keine Summe, die unseren Haushalt durcheinander bringt“, fand er. Der OB pflichtete ihm bei: „Wenn man das Problem ernst nimmt, müsste man das machen.“

"Potemkin‘sche Dörfer"

Skeptisch zeigten sich ob der Kompensation Barbara Haggenmüller (Grüne) und Dr. Philipp Jedelhauser (ÖDP). Zwar sei, „2030 klimaneutral zu sein, ein gutes Ziel“, so Haggenmüller, doch war sie der Meinung, dass Afrika „nicht all unsere Probleme lösen kann“ – bereits Elektroschrott, Hühnchen-Teile oder Altkleider würden von uns dort entsorgt oder verramscht. In Deutschland liege der Energieverbrauch um ein Vielfaches höher, als auf dem südlichen Kontinent. Deshalb sprach sie sich für lokale Kompensationen aus. In Österreich würden zum Beispiel die Bauern beim Humusaufbau unterstützt. 

Haggenmüller interessierte sich dafür, ob die Beteiligungen der Stadt auch mit einbezogen würden, schließlich sei man über das AÜW ja auch an einem Kohlekraftwerk beteiligt. Die Unternehmen, an denen die Stadt Anteil haben, sind eigenständige Rechtspersonen, die ihre eigenen Beschlüsse fassen müssen, fand der Kreisbote im Nachgang heraus. Mit dem AÜW liefen Gespräche, wie Martin Sambale erklärte. ÖDP-Mann Jedelhauser befürchtete, dass sich viele dazu „verführen lassen“, mit der Kompensation zu arbeiten und sich dadurch „pseudo-gute Gefühle“ verschafften. Er hatte auch Angst, dass die Gelder in dunklen Kanälen verschwinden, eine Sorge, die der Stadtrat-Umweltbeauftragte Richard Hiepp (CSU) teilte. 

Dieser befürchtete auch, dass Bürokratie und Zertifizierungsmaschinerie das ganze Projekt obsolet machen könnten. Auch die zeitliche Schiene zog er in Zweifel: „Der erste Monat ist schon rum“, so Hiepp. Unsere Zukunft "entscheidet sich in Afrika" „Ob die Klimakatastrophe eintritt oder nicht, entscheidet sich in Afrika“, widersprach Sambale. Das Bevölkerungswachstum sei dort so stark. Ziel sei, dass die Entwicklungsländer fossile Brennstoffe gar nicht erst nutzen müssen, sondern direkt in Erneuerbare Energien einsteigen. 

Dafür brauche es unser Know How und unser Kapital, sagte Sambale. Er befürchtete, dass ohne diese Maßnahme der Klimawandel nicht zu bremsen sei. Und auch der Oberbürgermeister legte sich ins Zeug: „Dort, wo wenig Menschen leben, kann keine CO2-Reduktion stattfinden“, so sein Credo. Humus müsse dort aufgebaut werden, wo die Wüstenbildung fortschreite. Laut Sambale sei es im Allgäu gar nicht so einfach, geeignete Projekte zu finden. Eine Anfrage bei der Moorallianz habe gezeigt, dass es ihr nicht an Geld fehlt, sondern an Grundstücken, die vernässt werden können. 

Der OB hielt den Vorwurf des „Ablasshandels“ für „absurd“, weil die Stadt bereits in den letzten 20 Jahren schon so sehr an der CO2-Reduktion gearbeitet habe. Und etwas trotzig setzte er nach: „Wenn wir zehn Jahre Zeit haben, warten wir halt zehn Jahre!“ Bekanntlich will der OB seit seinem Gespräch mit dem Bundesentwicklungsminister Ende 2019 der Allianz für Klima und Entwicklung beitreten. Letztlich sprach sich das Gremium einstimmig für einen Beitritt zum Bündnis aus. Jedelhauser gab sein OK, auch wenn ihm nicht gefiel, dass der Stadtrat über die jährlich zu entrichtenden prozentualen Kompensationszahlungen entscheidet. 

Wiedenmanns Vorschlag, die CO2-Emissionen für 2020 gleich vollständig zu kompensieren, wollte sich Haggenmüller nicht ohne Absprache mit ihrer Fraktion anschließen, was der Doktor nicht hinnehmen wollte: „Das ist doch armselig! Da bin ich aber enttäuscht von den Grünen!“, rief er durch den Saal. Weil letztlich der Stadtrat in seiner Sitzung am 20. Februar über das Thema befindet, schlug Kiechle als Kompromiss vor, dass sich die Fraktionen bis dahin noch einmal beraten können. 

Maßnahmen zur CO2-Einsparung in der Verwaltung:

Vertreter der Verwaltung erklärten dem Kreisbote, dass Kempten in den letzten Jahren mit dem Masterplan „100 % Klimaschutz Kempten“ viele freiwillige Maßnahmen umgesetzt habe. Darunter die Umstellung auf Ökostrom in Liegenschaften und bei der Straßenbeleuchtung, energetische Sanierungen in den städtischen Liegenschaften, der fixierte Passivhausstandard bei Neubauten (Oberlinhaus als erster städtischer Bau), die Anschaffung von E-PKW für den städtischen Fuhrpark (Förderung durch den Masterplan), oder die Nutzung von regenerativen Energien: Die Anschaffung mehrerer Lastenfahrräder sei für dieses Jahr geplant. Letztes Jahr habe man den Recyclingpapier-Anteil auf 87 Prozent erhöht.

Susanne Lüderitz

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