Landwirtschaft am Limit: Totgemolken

Bund Deutscher Milchviehhalter BDM: "Schluss mit immer mehr, immer günstiger!"

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Die Idylle trügt: Die Landwirtschaft, vor allem die Milchviehhalter stecken seit langem in der Dauerkrise fest.

Oberallgäu – Die Politik müsse endlich Schluss machen damit, der Landwirtschaft neue Herausforderungen aufs Auge zu drücken und andererseits mit immer neuen Hilfspaketen und Steuergeldern die Probleme zuzudecken, statt die Lösungen der eigentlichen Ursachen der Dauerkrise anzugehen.

Auf diesen Nenner brachten die Vertreter des Kreisteams Oberallgäu im Bund Deutscher Milchviehhalter BDB die Zielrichtung des „Milchfrühstücks auf dem bäuerlichen Milchviehbetrieb Steidele in Sulzberg. Die Agrarpolitik brauche eine völlige Neuausrichtung, um aus der Sackgasse des „immer mehr, immer günstiger“ herauszukommen. 

„Unsere Kosten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verdreifacht, ja vervierfacht – die Erlöse dümpeln auf niedrigem Niveau dahin“, beklagt Markus Böckler, Vorstand des Oberallgäuer BDM-Kreisteams. Bislang sei das nur durch ständige Effizienzsteigerungen zu schaffen gewesen, erklärt der Milchviehbauer weiter. „Aber es geht nicht mehr...“ Die bäuerlichen Familienbetriebe seien längst an der Grenze der Belastbarkeit. „Da muss sich etwas ändern.“ Auch Simon Steidele dreht an der Stellschraube Effizienz beim Familienbetrieb in Sulzberg. Schon seine Eltern setzten auf den Tourismus und das Angebot Urlaub auf dem Bauernhof als weitere Erwerbsmöglichkeit. 

65 Milchkühe und die Nachzucht stehen im Stall. Vor zwei Jahren schaffte er einen Melkroboter an. „Eine tolle Sache.“ Dennoch: Von der Landwirtschaft allein könnten die beiden Familien nicht leben. „Die Probleme werden nicht weniger, sondern mehr“, fasst Steidele jun. zusammen. Hans Foldenauer, Pressesprecher des BDM, bringt die Situation der Milcherzeuger auf den Punkt: „Politisch legitimierter Diebstahl eines Produktes.“ Es sei letztlich politisch gewollt, dass Milch nichts weiter sein solle, als billiger Rohstoff, um global handeln zu können. Marktschwankungen könnte so im Handumdrehen ausgeglichen werden. Wie das in der Praxis aussieht? 

Foldenauer: „Wir liefern ein Produkt ab und warten dann wochenlang auf die Bezahlung.“ Das zeige letztendlich, wie ausgeliefert die Bauern als Erzeuger den Molkereikonzernen nach wie vor seien. „Die Marktstellung der Milchviehhalter gegenüber den Verarbeitern steht im Ungleichgewicht“, so Foldenauer weiter. Das sei seit langem bekannt,aber es werde nicht gehandelt. Wir müssen unsere Marktposition verbessern und die Verhältnisse vom Kopf wieder auf die Füße stellen.“ Zudem müsse endlich eine Interessensvertretung der Milcherzeuger gebildet werden, betont der BDM-Sprecher weiter. Es fehle eine schlagkräftige Branchenvertretung als Gegengewicht zur Macht der großen Verarbeitern. Bislang stehe das Kartellrecht einer solchen eigenständigen Vertretung der Milcherzeuger entgegen, bedauert Foldenauer. 

Wenn man Zahnschmerzen habe, bemüht der BDM-Sprecher einen Vergleich, könne man sich ein paar Tage irgendwie behelfen. Wenn es aber nicht mehr auszuhalten sei, müsse man an die Wurzel des Übels gehen. Daraus folgere für den BDM als Interessensvertretung die Forderung: Umsteuern in der Agrarpolitik – eine Agrarpolitik für den ländlichen Raum. „Geld verteilen allein, reicht nicht!“ Sonntagsreden und Schönreden der Situation tauge nicht; jetzt sei es höchste Zeit, anzupacken. Die Neuausrichtung sehen Foldenauer und der BDM in einem Krisenmanagement und einem Mengenmanagement. „Das sind konkrete Schritte, die die EU und Bayern anpacken könnten, wenn sie nur wollten!“, unterstreicht Bernhard Heger vom BDM im Landkreis Weilheim. Der BDM, so Foldenauer, fordere seit langem ein Ende der Überproduktion gerade bei Milch und Fleisch: „Es kann doch nicht sein, dass wir Produkte erzeugen, die keiner braucht und das dann mit Steuermitteln ausgleichen.“ 

„Der Verbraucher wird‘s nicht lösen“, fährt Foldenauer in seiner Erklärung fort. Das sei Aufgabe der Politik, die veränderte Rahmenbedingungen schaffen müsse. Entscheidend bei jedem Mehrerlös sei nur das, was davon beim Erzeuger ankomme, so die Rechnung. „Der Verbraucher wird es zahlen, etwas davon kommt auch bei uns an; aber das Grundproblem löst es nicht.“ Ob die aktuell diskutierte Fleisch- und Milchsteuer ankämen? Da mache er, Foldenauer, „ein dickes Fragezeichen“. „Die Verarbeitungsindustrie reicht es durch.“ Oder umgekehrt: „Die Discounter könnten meinetwegen die Milch verschenken, solange sie bei uns, den Erzeugern, bezahlt wird.“ Der Milchpreis, der bei den Erzeugern ankommt, beziffert Hans Foldenauer auf durchschnittlich 33 Cent je Kilogramm Milch. „Kostendeckend sind 49 Cent“, beruft er sich auf Branchenuntersuchungen. 

Der Preis für Lebensmittel müsse diese Kostenwahrheit darstellen. Die Gesellschaft müsse die Arbeit der Bauern für den ländlichen Raum und die Umweltleistungen honorieren – über den Preis. Und der „Wert der Herkunft“ müsse steigen, genauso wie das Gesamtniveau. Das Krisenmanagement brauche endlich einen verlässlichen Automatismus, verweist Bernhard Heger auf eine alte Forderung des BDM. Eine Verringerung der Milchproduktion sei auch kurzfristig möglich.

Josef Gutsmiedl

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