Bunte Vielfalt an Themen

"Die Probleme kommen zu uns"

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Ein nachdenklicher Dr. Gerd Müller auf dem bunten Sofa im Haus International.

Zu den interkulturellen Wochen 2015 gehört auch eine neue Veranstaltungsreihe:

Auf dem bunten Sofa im Haus International sollen Persönlichkeiten vorgestellt werden, die sich auf dem Gebiet der interkulturellen Verständigung besonders verdient gemacht haben. Lajos Fischer, der Leiter des HI lud kürzlich zum Auftakt Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ein, von seiner Arbeit zu berichten und mit dem Publikum zu diskutieren. 

Bunt wie die Decke, auf der Müller Platz nahm, war auch die Vielfalt der Themen an diesem Abend, bunt auch die große Schar der Leute im Saal, die an seinen Ausführungen interessiert war. 

„Was motiviert Sie, Herr Minister?“ lautete eine der ersten Fragen. Als Christ fühlt sich Müller zu tätiger Nächstenliebe und einer wertegebundenen Politik verpflichtet. Die Stärkeren müssen für die Schwachen da sein, weshalb wir, auf der Sonnenseite des Lebens stehenden Menschen, eine besondere Verantwortung haben. Natürlich war die Flüchtlingsfrage die brennendste. Warum gerade jetzt so viele? Die Ursachen sind vielfältig, erklärte Müller, und nannte Kriege, Not, Ungerechtigkeit, Hoffnungslosigkeit und die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich. Zudem gebe es ein kriminelles Schlepperkonsortium, das die Menschen gezielt mit falschen Informationen lockt und ihnen viel Geld abnimmt. Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht, davon werden 95 Prozent nicht in Europa aufgenommen. In Jordanien beispielsweise sind so viel aus Syrien geflüchtete Menschen in Zeltstädten untergebracht wie das Land Einwohner hat. 

Vom EU-Gipfel erhoffte sich Müller, dass Europa das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) intensiver unter- stützt: Das UNHCR musste die Lebensmittelrationen in den Lagern kürzen, die Situation dort ist dramatisch. Als Minister für Entwicklungshilfe zählt es zu seinen Aufgaben, auf das Milleniumsziel für das Jahr 2030, eine Welt ohne Hunger, hinzuarbeiten. Schwerpunkt der deutschen Entwicklungshilfe sind Projekte zur Eigenversorgung, Gesundheitsprojekte und Bildungseinrichtungen in Afrika. „Wir können keinen Zaun um unseren Wohlstand bauen, die Probleme kommen zu uns“, so Müller. Deshalb will er dafür kämpfen, dass die Entwicklungspolitik vom Rand in den Mittelpunkt gerückt wird. Als optimistischer Realist wisse er allerdings auch, dass Deutschland nicht die Kon-flikte der ganzen Welt lösen könne und eine Begrenzung des Flüchtlingszuzugs und Stopp-Signale an die Länder und Flüchtlingslager notwendig sind. 

„Vergessen wir die Einheimischen nicht, sonst kommt es zur Rechtsradikalisierung“, warnt Müller. Wohnungsbauprogramme beispielsweise müssen für alle offen sein. Seine Forderung nach „fairem Handel statt Freihandel“ wurde mit großen Applaus quittiert. Das von ihm initiierte Textilbündnis soll bewirken, dass in den Produktionsländern faire Löhne für Näharbeiten gezahlt und soziale Standards eingehalten werden. 

Die deutsche Entwicklungshilfe ist stets an die Bedingung geknüpft, dass kein Euro in korrupte Kanäle verschwindet. Es werden nur Länder unterstützt, die sich um Rechtsstaatlichkeit bemühen und in denen die Ausbeutung ihrer Ressourcen nicht völlig an der einheimischen Bevölkerung vorbei geschieht. Müller plädierte für eine Marktöffnung für afrikanische Güter und für eine Stärkung der Frauen in den armen Ländern, zu der auch die sexuelle Selbstbestimmung gehört. Dazu stellte er die rhetorische Frage, „ob die Welt besser wäre, wenn sie von Frauen regiert würde? Vielleicht ja.“ In der Fragerunde des Publikums wurden die deutschen Waffenexporte und die Rüstungsindustrie heftig kritisiert. Müller dazu: „Wenn wir Aggressionen abschaffen könnten, würden wir auch die Waffen abschaffen.“ Zum Verständnis führte er die Waffenlieferungen an die kurdischen Peschmerga an, die zur Befreiung versklavter Jesidinnen eingesetzt wurden. Sein Kollege im Kabinett, Sigmar Gabriel, achte streng auf die Einhaltung der für Waffenexporte geltenden Regeln. 

Gespannte Stille herrschte im Raum, als im dritten Teil des Abends Samir, ein Jugendlicher aus Somalia, von seiner Flucht berichtete. In mühsamem Deutsch erzählte Samir von schrecklichen Erlebnissen im überfüllten Schlauchboot auf dem Mittelmeer. Hier in Kempten habe er eine Familie gefunden, die ihm zur Seite steht und zudem einen Ausbildungsplatz. Er will Lagerist werden und sagt „Ich habe Glück gehabt, danke Deutschland, ich werde es nie vergessen in meinem Leben.“ Samirs authentischer Auftritt hat wohl alle tief bewegt. „We are the world“ lautet der Titel des von der jungen Lisa Ramona Böck zur Gitarre gesungenen Liedes, ein Lied er Hoffnung, in das alle einstimmen konnten. 

Es war eine gelungene Veranstaltung mit einem engagierten Referenten und einem nicht weniger engagierten Publikum, drei Stunden, die zahlreiche Denk- und Diskussionsanstöße lieferten – wobei jedes der angesprochenen Themen an einem eigenen Abend vertieft werden müsste.  Elisabeth Brock

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