"Die Politik trägt Schuld"

Bundestagsabgeordnete Petra Pau von "Die Linke" besucht Seniorenbetreuung

Die beiden Bundestagsabgeordneten der Linkspartei Petra Pau (li.) und Susanne Ferschl (re., Wahlkreis Kaufbeuren/Ostallgäu) bei ihrem Besuch in der Seniorenbetreuung AltstadtKempten.

Kempten – Die Bundestagsabgeordnete Petra Pau, von der Partei „Die Linke“, seit zwölf Jahren Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, unterbrach extra ihren alljährlichen Allgäu-Urlaub, um die Seniorenbetreuung Altstadt (SBA) zu besuchen.

Sie interessieren „die Risiken und Nebenwirkungen der Entscheidungen des Bundestags“ und die Meinungen der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner zu ihrer Arbeitssituation.

Daniel Dietlein, seit vielen Jahren (und sehr gern, wie er sagt) Altenpfleger in der SBA, sagte es ganz deutlich: Aufgrund des Personalmangels müssen die Pflegekräfte ständig einspringen, worunter das Privatleben leidet und die physische und psychische Belastung zur Überlastung wird. Auch werde die komplexe Tätigkeit in der Altenpflege zusammen mit dem dafür erforderlichen medizinischen und psychologischen Fachwissen oft unterschätzt. 

Er will, dass die „Pflege ernst genommen und mehr in die gesundheitspolitischen Entscheidungen einbezogen wird“, dass in allen Einrichtungen dem TVÖD-Tarif entsprechend bezahlt und der verbindliche Personalschlüssel erhöht wird.

Die Runde der Fachleute war sich einig, dass die neuen Pflegegrade die Einstufungen aufwändiger gemacht haben, aber auch die inzwischen reduzierten Pflegedokumentationen noch zu viel Zeit verschlingen. Mit Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern als Lückenbüßer sowie jungen Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren, sei eine gute Pflegequalität nicht zu gewährleisten. 

Auch solle niemand, etwa von der Arbeitsagentur, in den Beruf gedrängt werden. Pau fordert eine gebührenfreie Ausbildung, die Anerkennung der im Ausland erworbenen Berufsabschlüsse und eine qualifizierte Einwanderung von Fachkräften, die dann in Deutschland zu gleichberechtigten Bedingungen arbeiten. Den Regierungsparteien der letzten Jahre wirft sie vor, keine Vorsorge getroffen und die akute Mangelsituation verursacht zu haben.

Susanne Ferschl vom Wahlkreis Kaufbeuren/Ostallgäu und ebenfalls für „Die Linke“ im Bundestag sowie Sprecherin für „Gute Arbeit“ in ihrer Fraktion, die mit Pau ins Altenheim gekommen war, stellte kurz das Thema „Pflegevollversicherung“ vor. „Die Linke“ entwickelt derzeit einen Vorschlag für ein System, in das alle einzahlen. Schließlich sei es Aufgabe des Staates, für Alte und Kranke zu sorgen und nicht die Aufgabe gewinnorientierter Privatunternehmen. Das Argument, eine Pflegevollversicherung sei nicht finanzierbar, lässt Ferschl nicht gelten: „In unserer Gesellschaft wird politisch entschieden, wofür wir Geld ausgeben und ob wir die Entsolidarisierung der letzten Jahre korrigieren wollen.“

Dass „viele junge Leute mit Empathie diesen erfüllenden, wunderbaren Beruf ergreifen“ war der abschließende Wunsch der stellvertretenden Pflegedienstleiterin Ute Graue. Ihre mahnende Feststellung: Die Aussage, dass „das Alter heute eine viel längere Phase geworden ist, und wir letztlich alle von der Pflege betroffen sind“, wird die beiden Politikerinnen in ihrer parlamentarischen Arbeit für eine solidarischere Gesellschaft bestärkt haben. 

Elisabeth Brock

Auch interessant

Meistgelesen

Herausfordernde Stücke beim Tanzherbst
Herausfordernde Stücke beim Tanzherbst
Autist Axel Brauns sagt über sich - "ich bin ein schwerer Fall"
Autist Axel Brauns sagt über sich - "ich bin ein schwerer Fall"
Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Großer Andrang herrschte beim Tag des offenen Rathauses 
Großer Andrang herrschte beim Tag des offenen Rathauses 

Kommentare