Eine Ausstellung mit Entdeckungspotential

"Schönheit ist ein Allheilmittel"

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Elke Diehl erklärt ein Werk aus der Reihe „Maghrebius-Köpfe; daneben die detaillierte Beschreibung, die Hundertwasser auf die Rückseite geschrieben hatte.

Der Name Friedrich Stowasser dürfte wohl nur Insidern etwas sagen. Friedensreich Regentag (im Regen kommen die Farben seines Erachtens besonders gut zur Geltung), Dunkelbunt oder Friedensreich Hundertwasser („Sto“ bedeutet im Slawischen „Hundert“) dagegen ziemlich vielen Menschen.

Seit Ende November 2017 (der Kreisbote berichtete) sind an die 100 Werke des Ausnahme-Künstlers, darunter zahlreiche von ihm speziell entwickelte (und auch nummerierte) Originalgrafiken, Architekturmodelle, Poster und auch Keramiken im Hofgartensaal der Kemptener Residenz zu sehen.

Wer tiefer in die Hundertwasser-Welt einsteigen will, kann bei einer der angebotenen Führungen noch so manches Schmankerl und über die Texttafeln hinausgehendes Hintergrundwissen generieren.

Vergleicht man ihn mit Picasso, der mehrere 1000 Bilder gemalt hat, wie Elke Diehl bei einer der Führungen erzählt, fällt mit „nur circa 700 Bildern“ zumindest die quantitative Bilanz bei Hundertwassers Malereien eher mager aus. Aber es wäre nicht Hundertwasser, wenn das nicht auch einen tieferen Grund hätte, als nur den, dass er sich „immer sehr viel Zeit gelassen hat“. Seine Bilder bezeichnete er als seine „Kinder“, die in „Gastfamilien“ – gleichbedeutend mit Sammlern und Käufern – kamen; sie sollten nach Hundertwassers Wunsch immer wieder „Familientreffen“, respektive Ausstellungen, veranstalten. Und da sich nach seiner Vorstellung nicht nur die Reichen, sondern auch die normale Bevölkerung seine Bilder leisten können sollten, entdeckte er 1965 die Grafik für sich. Diese bestand bei ihm aus einer Druckverfahren-Mischtechnik: Lithographie – Siebdruck – Prägedruck mit fluoreszierenden Farben in Blau, Grün, Rot, Silber und Gold. Darüberhinaus war es ihm ein Anliegen, dass jeder Sammler ein individuelles Originalbild besitzt, weshalb eine Auflage aus einer Vielzahl an Variationen und Versionen besteht; eine Technik, die Hundertwasser „mit einem Simultanspieler mit vielen Gegnern und verbundenen Augen“ verglich. Ein Beispiel dafür ist das mit einer Auflage von 10.002 auch ebenso viele Unikate zählende „Homo humus“. Ebenfalls eindrucksvoll die „Maghrebius-Köpfe“ über denen nordafrikanische Kuppeldächer (ein immer wiederkehrendes Motiv bei Hundertwasser) zu sehen sind und auf deren Rückseite der Künstler immer eine detaillierte Beschreibung der angewandten Technik und Farben verewigt hat.

Die Fotolithographie bestand aus vier Farben, der Siebdruck aus fünf Farben und die Metallfolienprägung aus drei Farben. Die Farben selbst hat der nicht nur sehr naturverbundene, sondern auch Umweltaktivist Hundertwasser immer selbst aus der Natur hergestellt, zum Beispiel Brauntöne aus Termitenerde oder Grüntöne aus Moos. Dass er eine besondere Beziehung zu Farben hatte, kann man auch daran erkennen, dass am Rand seiner Bilder immer eine Farblegende zu finden ist.

Eine besondere Beziehung hatte der auch Philosoph, Architekturdoktor und „Behübscher“ Hundertwasser (1928 – 2000) zu Neuseeland, wo er seine letzte Ruhestätte auf seinem eigenen Grund und Boden gefunden hat, denn er hatte sich schon darauf gefreut, „selbst zu Humus zu werden, begraben nackt und ohne Sarg, unter einem Baum auf eigenem Land in AO TEA ROA“. Er habe Neuseeland „als sein Land gesehen“, weil die Maoris „im Einklang mit der Natur leben“ und auch er diese Lebenshaltung, „die unscheinbar beginnt und langsam wächst“ bevorzugt habe, erklärt Diehl. Davon zeugen nicht nur Werke des visionären Kernkraftgegners wie „Plant trees avert – nuclear Peril“; die beiden Plakate „Save the Whales“ und „Save the Seas“, die er an Greenpeace Pacific South-West und die Jaques Cousteau ­Society gespendet hat; oder das Bild „Each raindrop is a kiss from heaven“ zum Thema Wasser als lebensspendendes – und „überlebenswichtiges“ – Element, sondern ebenso seine Auffassung von und Aktivitäten für lebensgerechte Architektur, die heute an vielen Orten der Welt Besuchermagneten sind. Kurz vor seinem Tod baute er auch im neuseeländischen Dorf „Kawakawa“, das etwa 30 Kilometer von seinem Grundstück entfernt liegt, noch eine öffentliche Toilette, die jedes Jahr rund 250.000 (!) Besucher verzeichnen kann, was den 1500 Dorfbewohnern die Augen darüber geöffnet habe, wie berühmt „Crazy-Frederic“, wie er dort laut Diehl meist genannt wurde, gewesen ist.

Ebenso ist zu erfahren, dass Hundertwasser der erste europäische Maler ist, dessen Werke von japanischen Meistern geschnitten und gedruckt wurden, wie der filigrane Holzschnitt „Insel der verlorenen Wünsche“; rechts daneben sind Menschen mit skurrilen, bunten Hüten zu sehen, ebenfalls eine Art Markenzeichen Hundertwassers, der laut Diehl der Ansicht gewesen sei, „wenn jeder Mensch einen Hut tragen würde, wäre die Welt bunter“. Und dann sind da neben dem sehenswerten Film „Regentag“ und vielen anderen entdeckenswerten Werken, einige Bilder, auf denen der auch zweimal Verheiratete manch eine verflossene Liebschaft verewigt hat, wie eine schwedische Freundin, in den Farben gelb für Eifersucht und rot als Symbol für Liebe und Tod.

Das vielschichtige Leben und Werk des Friedensreich Hundertwasser ist noch bis 8. April, täglich von 10 bis 17 Uhr im Hofgartensaal erkundbar. Öffentliche Führungen (zubuchbar) mittwochs 14 Uhr und freitags 15.30 Uhr. Am morgigen Dreikönigstag, Samstag, 6. Januar, ist die Ausstellung „Schönheit ist ein Allheilmittel“ bis 20 Uhr geöffnet.  Christine Tröger

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