Vom Land in die Stadt und zurück

Busfahren im Allgäu - Ein Selbstversuch 

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Meine Mitfahrer am Bussteig E2 Richtung Obergünzburg.

Kempten/Allgäu - Das CO2-Sparen ist in aller Munde und auch ich möchte einmal tätig werden, anstatt mich meinem Dieselpendler-Schicksal hinzugeben.

Also probiere ich das Busfahren aus. Mein Mann und ich bilden in letzter Zeit schon öfter eine Fahrgemeinschaft, doch bei dieser Variante muss ich um fünf (!!!) Uhr aufstehen.  Das ist also nichts für jeden Tag. Außerdem lassen Abendtermine oder der Ausgleich dafür meine Arbeitszeit eher unregelmäßig aussehen, weshalb ich nicht täglich mit ihm fahren kann. Wie sieht es also mit dem Bus aus? 

Die Strecke: Von Freien bei Obergünzburg nach Kempten. Ich bemühe das Internet und stoße auf diesen unsäglichen Fahrplan, auf dem gefühlt eine Million Informationen – teils unterbrochen durch verwirrende Zickzacklinien – auf ein DinA3-Blatt gequetscht wurden. Den Plan habe ich schon früher gehasst, weil man ständig in der Zeile oder Spalte verrutscht. Doch halt! Da war doch die App der Mobilitätsgesellschaft für den Nahverkehr im Allgäu (Mona), die bald kommen sollte. Im App-Store finde ich dazu nichts, aber direkt auf der Mona-Homepage kann ich Datum, Uhrzeit sowie Startund Zielort eingeben und das System spuckt mir die gewünschten Fahrplanauskünfte aus. 

Die Fahrplansuche kann ich mit meinem Handy-Startbildschirm verknüpfen, sodass ich direkt eine neue Abfrage tätigen kann. Das erleichtert die Sache tatsächlich enorm und kommt mir wie eine kleine Revolution vor. Unweigerlich fühle ich mich an Aufenthalte in Berlin oder München erinnert, wo die Verkehrsgesellschaften ähnliche Suchen anbieten. Von Obergünzburg sieht das Angebot um halb sieben am besten aus. Um 06:25 Uhr und in zwei Varianten um 06:35 Uhr gelangt man in etwa einer halben Stunde zur Kemptener ZUM. Wow! 20 Minuten bis eine halbe Stunde brauche ich sonst auch zur Arbeit. Allerdings ist mir diese Busverbindung zu früh und die zehn bis 15 Minuten, die ich mit dem Auto (!!) vom Ortsteil Freien zur Bushaltestelle in Obergünzburg brauche (inklusive parken und Fußweg), muss ich zur Fahrzeit noch dazuzählen. Ich entscheide mich für den Bus um halb acht. Der braucht allerdings 45 Minuten, weil er über Untrasried und Hopferbach fährt. Die Mona-Fahrplansuche zeigt mir alle Zwischenhalte und sogar eine detaillierte Karte mit der Route und den Haltestellen an, sodass man gleich weiß, von welchem Bussteig es beim Umsteigen weitergeht. 

Wie viel die jeweilige Fahrt kostet, kann ich über diese Suche aber nicht herausfinden. An einem Mittwochmorgen fahre ich also nicht über Eschers, Ostenried und Börwang zur Arbeit, sondern schlage den Weg nach Obergünzburg ein. Leicht nervös rolle ich den Berg hinunter. Finde ich gleich einen Parkplatz? Reicht die eingeplante Zeit, um rechtzeitig an der Haltestelle zu sein? Ich haste zum Haltepunkt. Mist – zehn Minuten zu früh. Ich setze mich auf die Bank vor dem Modehaus Tschaffon. Auto an Auto brausen die Pendler um die Kurven bei Rathaus und Kirche, um dann am Abzweig Richtung Marktoberdorf zu stocken. Meist sitzt nur eine Person im Wagen, manchmal zwei. Da – ein Bus! Ich springe auf. Aber er scheint nicht der meine zu sein, denn er fährt vorbei – ein Schild, auf dem sein Zielpunkt angegeben ist, finde ich keines. 

Mittlerweile warten noch drei weitere Fahrgäste. Da ist mein Bus. Orange leuchtet die Schrift über der Frontscheibe. „Einmal Kempten und zurück bitte! Oder kann ich gleich das Tagesticket nehmen?“ Es ist das Tagesticket, erklärt mir der Busfahrer freundlich. „10,50 Euro bitte!“ Waaaas?! Da würde das 365-Euro-Ticket nur einen Monat lang gelten. Und mit einem 100-Euro-Jahresticket hat das Ganze im Moment rein gar nichts zu tun. Naja. Im Bus ist es ruhig, jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Rasant geht es nach Untrasried und Hopferbach, was ja nur bedingt auf der Strecke liegt. Keiner steigt ein. In Hopferbach zieht der Busfahrer einen schwungvollen Kreis um die Wendeplatte und weiter geht’s wieder zurück zum Abzweig nach Probstried. 

Dort steigen fünf Fahrgäste ein und auch hier wenden wir, um nach Seebach (ein Fahrgast) und Haldenwang (drei Fahrgäste) weiterzureisen. Je näher wir an Kempten rücken, desto mehr Leute warten an den Haltestellen. Ich genieße die Aussicht. Die Alpenkette leuchtet im Morgenlicht. Entspannt komme ich bei der Arbeit an. Dort fällt mir allerdings etwas spät ein, mich um eine Verbindung nach Hause umzusehen. Den Bus um 16.50 Uhr (43 Minuten) habe ich schon verpasst. Ich nehme also den um 17.30 Uhr (37 Minuten). Verwirrt haste ich an der ZUM von Haltestelle zu Haltestelle. Auf der Abfahrtsanzeige leuchtet Obergünzburg schon ganz oben und ich habe den Bussteig immer noch nicht gefunden. Vielleicht sollte ich doch einmal auf den Plan schauen. Aha, ich muss einfach nur in die Bodmanstraße gehen. 

Das merke ich mir für den nächsten Tag. An Tag zwei läuft alles schon etwas routinierter ab. Ich komme nicht so überpünktlich an der Bushaltestelle an. Wie ich herausfinde, vertrage ich das Lesen im Bus aber nicht – schade. Heute steht um 16 Uhr der Kemptener „Bauausschuss“ auf der Tagesordnung. Vor Sitzungsbeginn suche ich nach möglichen Busverbindungen nach Hause. Einer fährt um 17:31 Uhr, einer um 17.39 Uhr. Er braucht über Hochgreut und Unterthingau eineinhalb Stunden. Eine Teilstrecke bewältigt das Linientaxi, das eine Stunde vorher bestellt werden muss. Der nächste Bus verlässt um 18.30 Uhr die ZUM. Murphy’s law: Natürlich endet der Ausschuss um 17.31 Uhr. Was nun? Für die Fahrt mit dem Linientaxi bin ich einfach zu müde. Ich entscheide mich dafür, in einem Café auf den Bus um 18.30 Uhr zu warten. Wie sich herausstellt, fährt mein Mann gerade von der Arbeit los. Er kann mich abholen. Die Entscheidung ist schnell gefallen: Ich lasse das Busticket verfallen und nehme das Gatten-Shuttle. Mist – ich bin eingeknickt.

Susanne Lüderitz

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