Abschiedswochenende mit zahlreichen Aktionen

Bye Bye Alpinmuseum

Lockte Klein und Groß gleichermaßen an: Das
Theater Ferdinande.
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Lockte Klein und Groß gleichermaßen an: Das Theater Ferdinande.
  • VonChristine Tröger
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Kempten – Im August waren es 30 Jahre, als das damals neue Alpinmuseum im 1730 erbauten Marstallgebäude eröffnete – trotz vorangegangenen Widerstands von Kemptener Jugendlichen, die um den Fortbestand des benachbarten Jugendhauses fürchteten.

Nicht nur Erwachsene, auch viele Kinder und ganze Schulklassen hätten sich hier informiert, zog OB Thomas Kiechle vergangenen Samstag Resümee. Mit einem Aktionswochenende wurde das Ende des Museums eingeläutet. 

Als Zweig des Bayerischen Nationalmuseums lag der Schwerpunkt des Alpinmuseums auf der Geschichte des Alpinismus sowie Umwelt und Natur. Damals „war es das einzige Haus, das sich intensiv mit der Geschichte des Alpinismus beschäftigt hat“, wie Friederike Kaiser, Geschäftsbereichsleiterin Kultur des Deutschen Alpenvereins (DAV), der als Kooperationspartner hier mit im Boot war, betonte.

»Ein großer Schritt«

Kiechle erinnerte an „großartige“ Ausstellungen wie „Zeus“ oder die noch bis Ende des Jahres laufende „Leuchtendes Mittelalter“, wofür der Raum mit neuen Stellwänden und Beleuchtung ertüchtigt worden sei. Nach den Neuerungen habe sich die Besucherzahl verdreifacht. Kiechle verwies zudem auf die „richtige Zielsetzung“ der bereits in vielen Bereichen angegangene Museumsentwicklung. Diese sei aber auch mit „Konsequenzen“ verbunden, wie die Schließung des Museums, die er u.a. mit dem Neubau des Depots begründete, da die Bestände im Marstallgebäude zwischengelagert werden müssten. Jetzt werde „ein Kapitel geschlossen“, das einem über Jahrzehnte vertraut sei. Die Schließung des Alpinmuseums jedenfalls sei „ein großer Schritt, den man auch gebührend feiern sollte“.

Museum mit »Potential«

Dr. Sybe Wartena, Referent des Bayerischen Nationalmuseums (BNM), bekannte, das Alpinmuseum „sehr lieb gewonnen“ zu haben, als er es vor neun Jahren kennengelernt und das in ihm steckende Potential gesehen habe. Insgesamt gebe es derzeit zwölf solcher Zweigmuseen und darüber hinaus sei das BNM bei vielen Museen „mit Leihgaben beteiligt“. Die Kosten für die Kemptener Zweigstelle trägt das Kulturamt der Stadt. Man sei „immer auf Kooperationen angewiesen“, gab Wartena an, dass eine Weiterentwicklung aber nie geplant gewesen sei. Als Schritt in die Zukunft sah er diese aber sehr viel besser in der Hand der Stadt aufgehoben. Schließlich sei es nicht mehr wie früher, als „Mutterhäuser noch Lichtgestalten“ gewesen seien. Heute hätten auch kleinere Kommunen sehr gute Fachleute. Für besondere Leihgaben stehe das BNM auch weiterhin gerne bereit, ließ er wissen.

Kempten als Vorreiter

Kaiser war es ein echtes Anliegen, „dass man diesem Haus einen würdigen Abschied bereitet und es noch viele Leute sehen können“. Respekt zollte sie Kemptens damaligem Oberbürgermeister Dr. Josef Höß sowie dem 2003 verstorbenen Sportfunktionär Dr. Fritz März (DAV Ofterschwang), die beide seinerzeit „ein großes Interesse daran hatten, hier ein Alpinmuseum einzurichten“. Damals habe man überhaupt erst angefangen, sich mit dieser Geschichte zu befassen, freute sie sich umso mehr über den Entschluss des Kemptener Stadtrates, das Sujet weiterzuführen. So bot sie auch gleich an, Objekte vom Allgäu aus dem Münchener DAV-Fundus zur Verfügung zu stellen.

Die museumsbegeisterte Mali (4) begutachtet ihren Abguss eines Fossils zusammen mit Martin Scheidl, zuständig für Museums-Führungen und -Workshops.

Welche Bedeutung der Bergsport hier habe, machte Harald Platz, Vorsitzender der DAV-Sektion Allgäu-Kempten, anhand von zwei Zahlen deutlich: Zu Beginn des Alpinmuseums habe seine Sektion rund 5.000 Mitglieder gezählt, heute seien es rund 22.000 – aus seiner Sicht ein guter Grund, das Thema, das z.B. mit Mountainbiken und Skibergsteigen auch in den olympischen Wettkämpfen an Bedeutung zunehme, im Museum fortzuführen. Die Bedeutung des Bergsports zeige sich auch an der „hohen Frequenz“ in der DAV-Kletterhalle. Platz zeigte zwar Verständnis für die derzeitige Finanzklemme der Stadt, empfahl aber Kulturamtsleiter Martin Fink und Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn „zu bohren“ und dranzubleiben. Für Beratungen will er gerne zur Verfügung stehen.

Weiterentwicklung nicht in dieser Amtsperiode

Kiechle geht davon aus, dass das Marstallgebäude in der Zukunft weiterhin museal – im Gespräch ist ein Allgäu-Museum – genutzt wird, auch eine Landesausstellung kann sich der OB vorstellen. Die finanziellen Möglichkeiten müsse man dabei allerdings im Blick haben. Als wichtig erachte er vor allem, dass der Plan zur Fortführung da sei, dieser aber „sicher nicht mehr in dieser Amtsperiode“ angegangen werde.

Laut Müller Horn wird „das Haus ab 2022 nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich sein“. Im Herbst 2022 soll zwar der Umzug ins Depot erfolgen, da aber nicht alles auf einmal möglich sei, werde der Marstall weiterhin als Zwischenstation gebraucht; u.a. soll die Gemäldezuganlage aus dem alten ins neue Depot verfrachtet werden, weshalb die Gemälde zunächst im Marstall verwahrt werden müssen. Die oberen Räume werden bereits seit 2019 als Lager für die Exponate im früheren Museum im Zumsteinhaus genutzt.

Nach 30 Jahren Alpinmuseum versammelten sich die Kooperationspartner am Abschiedswochenende: (v.li.) Harald Platz (Vorsitzender DAV-Sektion Allgäu-Kempten), Friederike Kaiser (DAV-Geschäftsbereichsleiterin Kultur), OB Thomas Kiechle, Kulturamtsleiter Martin Fink, Dr. Syber Wartena (Referent Bayerisches Nationalmuseum), Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn.

Auch die Kunstausstellung im Rahmen der Festwoche wird Müller Horn zufolge 2022 nicht im Marstall stattfinden können, sondern in den Hofgartensaal ausweichen müssen.

Überzeugt war die Museumsleiterin davon, „ein künftiges Allgäu-Museum gut mit eigenen Exponaten bestücken zu können“. Sie begrüßte aber die Zusage seitens Wartena, besondere Objekte vom BNM leihen zu können. „Wir haben einen eigenen Grundstock“, bekräftigte Fink, „können so aber durch Partnerinstitutionen gezielt Themen unterfüttern“.

Gut besucht bis ausgebucht hieß es dann auch für die szenischen Lesungen, Bastelangebote, Vorstellungen des Puppentheaters Ferdinande und Führungen am Aktionswochenende letzten Samstag und Sonntag.

Bis Ende des Jahres können das Alpinmuseum sowie die Dauerausstellung „Leuchtendes Mittelalter“ und Teile der Weiß’schen Krippe bei kostenfreiem Eintritt noch besichtigt werden. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag, jeweils 10 bis 16 Uhr.

Lesen Sie auch: Was ist der Stadt Kempten Kultur wert?

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