Klimabeirat plant

"cambonatura" – neues Leitbild für Klimaschutz und Umwelt

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Kempten – Letzten Montag fand in der Stadtsäge des Allgäuer Überlandwerks GmbH (AÜW) die öffentliche Sitzung des Klimabeirats statt.

Nach der Begrüßung durch Stadtrat Richard Hiepp, Umweltbeauftragter der Stadt Kempten, eröffnete Thomas Weiß, Klimaschutzmanagement Kempten, die Sitzung mit einem Überblick zum aktuellen Status und Veränderungen in einzelnen Handlungsfeldern.

Angefangen bei einer nachhaltigen Entwicklungsplanung und Raumordnung für mehr Biodiversität. Dazu hatte es dieses Jahr diverse Projekte und Veranstaltungen gegeben, so Thomas Weiß, zum Beispiel der Vortrag „Fräulein Brehms Tierleben“ oder der Wettbewerb „naturnaher Garten“. Im Bereich kommunale Gebäude und Anlagen wurde eine Potenzialermittlung zur möglichen Solarnutzung aller noch ungenutzten städtischen Dachflächen durchgeführt. Die Analyse ergab 73 energierelevante Flächen. 

Eine technische Detailprüfung, die als Entscheidungsgrundlage dienen soll, werde im zweiten Quartal 2020 fertiggestellt sein, erklärte Weiß. Im Handlungsfeld „Ver- und Entsorgung“ werde für die Gewinnung regionaler erneuerbarer Energie ein Solarkataster angefertigt und die Direktvermarktung von Reststrommengen angestrebt. Auch werde verstärkt auf den Ausbau umweltfreundlicher Mobilität gesetzt, erklärte der Klimaschutzmanager. So werde in Kempten das europäische „eHUBS-Projekt“ getestet, mit dem Ziel, den Anteil an geteilter und elektrischer Mobilität zu erhöhen. 

Dadurch soll der Verkehr in der Stadt umweltfreundlicher und effizienter gestaltet werden. EHUBS sind Mobilitätsstationen, an denen verschiedene E-Fahrzeuge zur Nutzung bereitstehen. In Kempten müssen die Stationen noch installiert werden, so Weiß. Um Hausbesitzer zu motivieren, ihre Häuser energetisch sanieren zu lassen, startete im September 2019 die kostenlose Beratungsaktion „Check Dein Haus“. Die von Energie- und Umweltzentrum Allgäu (eza!) und der Verbraucherzentrale Bayern e.V. angebotenen kostenlosen 70 Gebäudechecks waren komplett ausgebucht, betonte der Klimaschutzmanager. 

Unter dem Motto „Müll clever trennen“ wurde das Pilotprojekt „MÜCKE“ an fünf Kemptener Schulen durchgeführt mit dem Ziel, junge Menschen an Mülltrennung und Entsorgung heranzuführen. Ein weiterer Baustein sei der Beitritt Kemptens zu der Initiative „Blue Community“, so Weiß. Im Oktober 2019 wurde der Stadt das offizielle „Blue Community“-Zertifikat überreicht – Wasser wird als öffentliches Gut anerkannt, nachhaltig genutzt und die Wasserversorgung soll auch zukünftig in öffentlicher Hand verbleiben und nicht privatisiert werden. „Es geht um die Sichtbarkeit des Wassers.“ 

Ein neues, noch nicht ausgearbeitetes Handlungskonzept „Smart Region Allgäu“, das Volker Wiegand vom Allgäuer Überlandwerk vorstellte, setzt auf Digitalisierung und Vernetzung aller Lebensbereiche in Richtung ökologischer, ökonomischer und nachhaltiger Stadtentwicklung. Es sei ein Thema der Daseinsvorsorge, erklärte Wiegand. Einzelne Aktivitäten sollten frühzeitig gebündelt werden. „Wir tragen die Verantwortung“, so Oberbürgermeister Thomas Kiechle, „es darf nicht einzelnen Akteuren überlassen werden“. 

Dr. Hans-Jörg Barth vom Energie- und Umweltzentrum Allgäu (eza!) stellte das aktuelle interne Audit-Ergebnis mit Maßnahmen in unterschiedlichen Handlungsfeldern, wie Leitbild-Aktualisierung, Überarbeitung des Masterplans, Mobilität etc., vor. Hintergrund für die notwendigen Anpassungen ist das für nächstes Jahr anstehende externe Audit – die Rezertifizierung für den „European Energy Award“ (eea) in Gold, so Thomas Weiß. Dabei handelt es sich um ein europäisches Qualitätsmanagement-Programm, das für eine kontinuierliche und tatsächlich nachhaltige Energie- und Klimaschutzpolitik in allen Bereichen, in denen sich Kommunen aktiv für den Klimaschutz einsetzen, steht. 

Die Stadt Kempten wurde 2012 mit dem „European Energy Award“ ausgezeichnet und vier Jahre später erhielt sie das Zertifikat in Gold. Aus dem bisherigen Logo „Klima schützen! Kempten handelt“ sei das neue Leitmotiv „cambonatura“ entstanden, erklärte Dr. Nina Kriegisch vom Klimaschutzmanagement. Entworfen wurde es von der Kemptener Agentur Ascana Neue Medien. „Cambonatura“ ist abgeleitet von dem keltischen Begriff Cambo, übersetzt „Kurve, Schleife, Mäander“, und von „Natur“. Der Begriff symbolisiert die Rückbesinnung auf unsere heimatliche Natur. Unter diesem Leitbild sollen verschiedene Klima- und Naturschutzaktivitäten im Raum Kempten zusammengefasst und für die Bürgerinnen und Bürger sichtbar gemacht werden – als Anreiz für viele Menschen, sich selbst aktiv für Umwelt und Klima einzusetzen. 

So möchte sie ausgewählte Projekte für Klimaschutz und Umwelt ein- bis zweimal jährlich mit der Übergabe einer Plakette ehren, führte die Klimamanagerin aus. Städtische Maßnahmen, wie Blühwiesen, Fahrradstraßen und auch der elektrische Fuhrpark sollen künftig beschildert werden, um Aufmerksamkeit und Sensibilisierung bei der Bevölkerung zu schaffen. Die Kriterien für die Auszeichnungen, die gerade festgelegt werden, sagte Kriegisch, können unterschiedlicher Natur sein. So könnte sich Prof. Dr. Tobias Peylo von der Hochschule Kempten verschiedene Kategorien und bestimmte Erfolgsfelder vorstellen, zum Beispiel ein Hinweis auf CO2-Reduzierung mit Sichtbarmachung der Reduzierung. Auch für Oberbürgermeister Thomas Kiechle sei für das neue Leitbild die Sichtbarmachung der Aktionen wesentlich. 

„Nur so könne es zu einer Strahlungswirkung in der Öffentlichkeit kommen.“ Im letzten Agendapunkt – Aktualisierung „Masterplan 100 Prozent Klimaschutz bis 2050“ auf Pariser Klimaschutzziele – wurde der Bezug zum in Europa ausgerufenen Klimanotstand hergestellt. Der Energieexperte Dr. Hans-Jörg Barth erklärte, dass tiefgreifende Veränderungen erforderlich seien, um die Ziele des Pariser Klimaabkommen bis 2050 zu erreichen. So müssen die Emissionen ab sofort jedes Jahr um 6,5 Prozent gemindert werden. Jedes Jahr später erhöhe den Wert um ein Prozent pro Jahr. Der „Masterplan 100 Prozent Klimaschutz bis 2050“ enthält viele Einzelmaßnahmen, die in der Gesamtheit dazu beitragen, den Energieverbrauch zu reduzieren und klimaschädigende CO2-Emissionen zu minimieren. 

Eine Analyse soll zeigen, wo Hebel für Anpassungen vorhanden sind, führte Barth aus. Bei Verfehlung des Pariser Abkommens, so der Energieexperte, ist ein CO2-Ausgleich zu zahlen, der Entwicklungsländern für erneuerbare Energie zu Gute komme. Aber diese Ausgleichszahlungen entbinden nicht von der Verantwortung, die Emissionen zu reduzieren. Für ihn seien Rahmenbedingungen erforderlich, angefangen beim Controlling und der Überprüfbarkeit der Maßnahmen, über Indikatoren, bis hin zu Nachsteuerungsmöglichkeiten. So soll bis Mitte Januar 2020 der Masterplan analysiert sein, so Barth, um die Aktualisierung der bisherigen Maßnahmen beginnen zu können, für die Erreichung der Pariser Klimaziele 2050.


Christine Reder

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