»Masken-Ball« in der Apotheke

Chaos bei der FFP2-Maskenverteilung – Apotheker fühlen sich im Stich gelassen 

Warteschlange vor der Bahnhof-Apotheke
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Den Andrang der Masken-Abholer hat die Bahnhof-Apotheke mit einer Hüttenlösung vor den Verkaufsräumen abgefedert.

Kempten/Landkreis – Es hat lange gedauert, bis der Bundesgesundheitsminister sein vollmundiges Weihnachtsversprechen für mehr als 27 Millionen Deutsche eingelöst hat. „Jede/r über 60 und bestimmte Risikopatienten bekommen von uns zertifizierte Schutzmasken, um sich damit gegen das COVID-19- Virus schützen zu können“, so Gesundheitsminister Jens Spahn vor Wochen. Jetzt ist es endlich soweit: In den Allgäuer Apotheken werden seit Dienstag gegen Vorlage des Personalausweises bzw. anderer Berechtigungsnachweise diese Masken abgegeben. Die Verteilung haben sich unsere Reporter Lutz Bäucker und Helmut Hitscherich näher angesehen.

Es musste alles sehr schnell gehen In die „Marien-Apotheke Weitnau“ von Dr. Martina Müller-Faßbender kamen bereits in der vergangenen Woche die ersten KundInnen, die sich ihre ersten Gratis-Masken abholen wollten. Zu diesem Zeitpunkt lagen aber noch keine Informationen über das genaue Procedere dieser aufwändigen Verteil-Aktion vor. „Wie sooft in der Corona-Krise gab es erst öffentlichkeitswirksame Presseauftritte, erst danach sind die Betroffenen scheibchenweise informiert worden“, ärgert sich die Apothekerin. Diese Politik kritisiert auch Matthias Bauder von der „pluspunktApotheke“ im Kemptener Forum. „Das Ganze war schlecht vorbereitet.“ Spahns Entscheidung, den über Sechzigjährigen vor Weihnachten noch schnell eine erste Tranche von je drei FFP2- Masken zu spendieren, ließ den Apotheken kaum Zeit für die Planung und Organisation dieser Aktion. „Wir wurden auch nicht zentral beliefert, sondern mussten die Masken selbst organisieren und vorfinanzieren“, so Bauder. Kollege Bernd Wolfart in der Sonnen-Apotheke spricht gar von einem „panikartigen Schnellschuss“, denn „die Verordnung war noch nicht veröffentlicht, aber rückwirkend in Kraft gesetzt“. Ungeklärt ist dem Vernehmen nach auch die Refinanzierung. Alles in allem sorgt das Masken-Thema für großen Unmut bei den ApothekerInnen, da sie teilweise nur über einen Altbestand an Masken verfügten und eine schnelle Lieferung innerhalb von zwei Tagen nicht möglich war.

Nur zertifizierte Masken schützen auch

Die Masken werden über den pharmazeutischen Großhandel geliefert, sie müssen den amtlichen Prüfvermerk „EN 149:2001+A1:2009“ tragen. Nichtzertifizierte Masken werden nicht als Virenschutz anerkannt und sollten von den VerbraucherInnen auch nicht akzeptiert werden. In der Bären-Apotheke von Jens Breckwoldt traf die Lieferung verspätet ein, der Großhandel war offensichtlich überfordert. Apotheker Dietmar Wolz ,Inhaber der Bahnhof-Apotheke, schickte nächtens sogar extra einen Fahrer hinauf ins westfälische Münster, „dort hab ich noch Masken für unsere Kunden auftreiben können“. „Es musste eben alles wieder mal sehr schnell gehen“, stellt Thomas Metz vom „Bayerischen Apotheker-Verband“ (BAV) lapidar fest.

Vorteil für Vor-Ort-Apotheken

Die Verteilung an sich lief ohne größere Probleme. Da und dort gab es kürzere Warteschlangen, auch wurden Kunden beobachtet, die sich in verschiedenen Apotheken mehr als die drei genehmigten Masken holten. „Das ist sehr ärgerlich“, sagt Bauder, „aber wie sollen wir das vermeiden?“ Johannes Fischer von der Kastanien Apotheke moniert, „nichts ist organisiert, wir sind uns selbst überlassen“. Am Dienstagvormittag wurden in seiner Apotheke rund 400 Masken abgegeben. Der Andrang an den Apotheken fiel dabei recht unterschiedlich stark aus. Wolz und sein Team haben allein am ersten Tag an die 10.000 Schutzmasken ausgegeben. Ausgegeben wurden sie in zwei Verkaufshütten aus Holz vor der Apotheke. „Wir vertrauen auf die Ehrlichkeit der Leute, anders geht’s ja nicht, bei diesem Andrang.“ Der Pharmazeut ist stolz darauf, dass die deutschen Vor-Ort-Apotheken „diese kurzfristige Aufgabe megaschnell gelöst haben“. Denn „jetzt zeigt es sich, dass Vor-Ort-Apotheken unabhängiger sind, Versandapotheken könnten das, was wir jetzt leisten, nicht leisten. Da würde es bis Januar dauern, bis man dort FFP2-Masken erhalten könnte“.

Insgesamt gibt’s 15 Masken

Insgesamt bekommt jede/r Deutsche über 60 Jahre 15 FFP2-Masken. Im Dezember, also bis Silvester, drei Stück pro Person und zwar kostenlos und gegen Altersnachweis. Im Januar und Februar gibt’s dann nochmal je sechs Stück pro Monat. Für diese muss man fälschungssichere Bezugsscheine der Krankenversicherung in der Apotheke vorlegen und den Eigenanteil in Höhe von zwei Euro je halbem Dutzend Masken bezahlen. Die Ausgabe der zweiten Masken-Tranche kann aber erst dann beginnen, wenn die Krankenkassen die entsprechenden Berechtigungen gedruckt und an ihre Versicherten verschickt haben: „Genauer Termin noch offen“, so BAV-Sprecher Metz gegenüber dem Kreisboten. Übrigens: Die jetzt verteilten FFP2-Masken sollten spätestens nach 75 Minuten mal abgesetzt werden. „Ihre Wiederverwendung ist nicht vorgesehen“, erklärt Apotheker Wolz, nach neun bis zehn Stunden in Gebrauch sollten sie entsorgt werden.

Lutz Bäucker / Helmut Hitscherich

Kommentar von Helmut Hitscherich

Eine Bananenrepublik hätte die Schnellschussaktion Ausgabe FFP2-Masken an Menschen der Corona-Risikogruppen und Menschen über 60 Jahre besser organisiert. Da wollte doch zunächst die Regierung die Maskenverteilung an die Apotheken organisieren. Das Versprechen hat unser ach so umtriebiger und stets präsenter Gesundheitsminister Spahn gemacht. Aber auch unser „Superman Söder“ will zeigen, was er alles kann und was in ihm steckt. Schnelle Entscheidung im Zusammenhang mit Corona-Maßnahmen ohne (langfristige) Planung kennen wir nun schon zur Genüge. Es kam aber ganz anders. Man hat die Apotheker alleingelassen, sie sollten jetzt plötzlich die Masken beschaffen. Jetzt werden Apotheker beschimpft, weil sie keine Masken haben bzw. der Altbestand an Masken erschöpft ist.

Wie sollten Apotheken mit einer Vorlaufzeit von einem Tag Tausende von Masken beschaffen? Denn die Verordnung wurde erst am Montagnachmittag veröffentlicht, also einen Tag vor Beginn der Maskenausgabe. Die genauen Regelungen waren vorher nicht bekannt. Gab es überhaupt Gespräche mit den Herstellern, ob diese in der Lage sind, die mehreren Hundertmillionen benötigten Masken kurzfristig auszuliefern? Im Frühjahr hat ein Unternehmen der Regierung angeboten, Masken zu fertigen und zu liefern, da hatte Herr Spahn keinen Bedarf gesehen. Jetzt hat ihn die Realität eingeholt. Da nutzt auch kein Hoffen, dass nicht in den ersten Tagen alle Berechtigten ihre Masken haben wollen. Hier hat sich die Regierung aus der Verantwortung gestohlen. Ohne die vorhandenen Vorräte in den einzelnen Apotheken wäre dieser Schnellschuss der Maskenverteilung in die Hose gegangen.

Die Staatsregierung ihrerseits war auch weder in der Lage die Maskenausgabe zu organisieren noch zu steuern. Lag es daran, dass die handelnden Personen überfordert waren und die Reichweite dieser Maßnahme nicht überblickt haben? Man kann jetzt ja den Schwarzen Peter den Apotheken zuschieben. Was geschieht, wenn in den kommenden Tagen Apotheken keine Masken mehr im Vorrat haben? Was hat man sich eigentlich dabei gedacht, dass die Apotheken die Masken bereithalten und in die Vorfinanzierung gehen? Wie sie das Geld für die Ausgaben – eine FFP2-Maske kostet bis zu sechs Euro – wieder vom Staat zurückbekommen, steht derzeit in den Sternen. Man kann nur hoffen, dass die Apotheken nicht auf den Kosten sitzenbleiben. Hamsterkäufe können dank der „Nichtorganisation“ auch nicht verhindert werden. Wo ist das deutsche Planungs- und Organisationsvermögen geblieben?

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