Die Chemie muss stimmen

Es ist geschafft: Judith Spiesser (v.l., Sopran), Katia Bouscarrut (Klavier), Tobias Schirmer (Pauke), Thorsten Lindner (Klavier), Christian Hilz (Bass), KMD Frank Müller und der Chor erfreuen sich des Applauses. Foto: privat

In der Woche arbeiten sie als Lehrer, Ärzte, Ingenieure oder in anderen Berufen. Viele unter ihnen sind Mutter oder Vater und haben so im Haushalt zu tun. Doch jeden Donnerstagabend verwandeln sich die Frauen und Männer für zwei Stunden in Chorsänger. Im Gemeindehaus der evangelischen St.-Mang-Kirche probt die Kantorei mit ihrem Chorleiter Frank Müller für das nächste Konzert.

In der Woche vor der Aufführung verbringt der Kirchenmusikdirektor (KMD) besonders viel Zeit mit der rund 90-(kehl)köpfigen Singgemeinschaft. Dann nämlich übt der Chor dienstags, donnerstags und am Samstag, wenn die mehrstündige Generalprobe mit den Solisten und dem Orchester ansteht. Je näher die Aufführung rückt, desto heftiger wird eine gewisse innere Unruhe. Jedenfalls geschieht dies bei so manchem im Chor, während andere eine große Gelassenheit ausstrahlen. Doch alle in der Kantorei wünschen sich, dass alles gut geht. Und vor allem, dass sie oder er überhaupt mitsingen kann. Husten und Schnupfen sind die größten Feinde. Im schlimmsten Fall legen Erkältungskrankheiten die Stimmbänder lahm. Statt lieblicher Töne brächten die Sänger bestenfalls ein Krächzen hervor. „Es war die Krähe, und nicht die Nachtigall“, könnte dann die Überschrift einer Konzertkritik in der Zeitung lauten. Eine Horrorvorstellung für die evangelische Kantorei und Frank Müller. Idealerweise möchte ein Chor mit seinem Gesang eigentlich nicht dem Musikrezensenten gefallen, sondern vielmehr die Zuhörer erfreuen. Bei einem Kirchenchor ist eines sogar noch wichtiger: Der Lobpreis Gottes. Der Reformator Martin Luther gab nach der Theologie der Musik „den ersten Platz“. Johann Sebastian Bach fügte die Worte „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr“ seinen Kompositionen hinzu. Als Mitsänger in einem evangelischen Chor hätte man einen ziemlich schweren Stand, wenn man Luther oder Bach nicht leiden könnte. Requiem-Vertonung Dasselbe gilt für die beiden Romantiker Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms. Letzterem widmete sich das Konzert am 20. November in der St.-Mang-Kirche. „Vier ernste Gesänge“ und „Ein deutsches Requiem“ standen auf dem Programm. Das Datum war in diesem Jahr der Toten- oder Ewigkeitssonntag. So heißt bei den evangelischen Christen der letzte Sonntag im Kirchenjahr, an dem sie der Verstorbenen gedenken. Deswegen entscheidet sich der Dekanatskantor Frank Müller im November häufig für die Requiem-Vertonung eines oder mehrere Komponisten. So führten das Orchester, die Solisten und die Kantorei 2010 das Requiem von Robert Schumann und das zeitgenössische „Requiem for the victims of Nazi persecution“ des Norwegers Stale Kleiberg auf. Doch nun zurück zum diesjährigen Novemberkonzert. Um 17 Uhr ging es los. Anderthalb Stunden zuvor trafen sich der Sopran, Alt, Tenor und Bass des Chors zum Einsingen. Danach blieb den Damen und Herren noch etwas Zeit, um Ruhe zu finden und sich leise zu unterhalten. „Kennst Du die bierernsten Gesänge von Johannes Brahms“, fragte eine Frau aus dem Sopran zum Spaß ihre befreundeten Sangeskollegen. Denn das vorletzte Werk des äußerst vielseitigen Komponisten, der 1897 im Alter von 63 Jahren starb, ist relativ unbekannt. Der Chor hatte dabei nichts zu tun. Der Bariton Christian Hilz und die Pianistin Katia Bouscarrut stellten ihr großes musikalisches Talent und Können unter Beweis. Beim dritten Gesang, der mit den Worten „Oh bitterer Tod“ begann, standen plötzlich bei einigen Chormitgliedern Tränen in den Augen oder flossen schon über die Wangen. Der Gesang rief in ihnen die Erinnerung an einen Verstorbenen wach, der ihnen nahe stand. Nach 20 Minuten ist die Kantorei an der Reihe mit dem „Deutschen Requiem“. Dafür übersetzte Johannes Brahms den lateinischen Text der Totenmesse nicht einfach auf Deutsch, sondern wählte selbst Textstellen aus der Heiligen Schrift, also der Bibel aus. Meistens erschallt das Brahms-Requiem in der sinfonischen Fassung. Das heißt, Streicher, Holz- und Blechbläser, Harfenisten und Perkussionisten bilden das Orchester. Doch in der so genannten Londoner Fassung, für die sich Frank Müller entschieden hatte, begleiten lediglich zwei Klaviere den Chor. Diese Version des Werks schrieb Brahms selbst. Der Komponist Heinrich Poos arbeitete die Fassung im 20. Jahrhundert so um, dass noch die Pauken hinzukamen. Die Kantorei der St. Mang Kirche war bei diesem Konzert also besonders gefordert, da sie sich in den sieben Chorsätzen nicht hinter einem großen Orchester verstecken konnte. Auf einem guten Weg Neben der Harmonie im akustischen Sinne muss auch die Chemie zwischen dem Dirigenten, den Instrumentalisten, Solisten und Chormitgliedern stimmen. Christian Hilz, Katia Bouscarrut, Thorsten Lindner (Klavier) und Tobias Schirmer (Pauke) sind für den Chor schon mehr oder weniger alte Bekannte. Einziger „Neuling“ war die junge Sopranistin Judith Spiesser, die im fünften Satz „Ihr habt nun Traurigkeit“ zusammen mit dem Chor sang. Doch mit ihrer hellen, klaren Stimme und ihrer natürlichen Freundlichkeit hatte sie schon bei der Probe am Donnerstag zuvor die Sympathien der Chorsänger gewonnen. „Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Das wird bestimmt schön“, sagte Frank Müller wenige Tage vor der Aufführung. Und er sollte Recht behalten. Das Publikum war ergriffen, und einige Chormitglieder ebenfalls. „Ich freue mich immer, wenn ich mit und für andere singen kann“, erzählt der Sopran Cordula-Maria Weber. Es sei ein zum Beispiel „herrliches Erlebnis“ gewesen, als die Tenöre ihre Solostelle im siebenten Satz „Selig sind die Toten, die im Herrn sterben“ sangen. Das sieht der Tenor Fritz Blaufuß genauso: „Wir sind stolz, dass wir diese Stelle so gut hinbekommen haben. Ich hatte den Eindruck, dass unser Chorleiter auch ergriffen war.“ Blaufuß wünscht sich jedoch, dass der Chor manchmal noch leiser singen würde. „Aber es war eine unserer besten Leistungen, was auch am klaren Spiel der Pianisten und am Pauker lag“, meint der 72-Jährige.

Meistgelesen

Shawn James im "mySkylounge"
Shawn James im "mySkylounge"
EEG ein "teurer Irrweg!"
EEG ein "teurer Irrweg!"
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Schüsse im Wald führen zu Großeinsatz der Polizei
Schüsse im Wald führen zu Großeinsatz der Polizei

Kommentare