Beethoven – 250 Jahre jung

Christian Zacharias und die Stuttgarter Philharmoniker feiern modern, präzise und geschmeidig

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Die Stuttgarter Philharmoniker brillierten mit Gastdirigent wie Pianist Christian Zacharias und einem Beethoven-Abend.

Kempten – Das siebte Meisterkonzert, das am letzten Montag im Stadttheater aufgeführt wurde, stand ganz im Zeichen eines Giganten der europäischen Musikgeschichte, dessen Geburtsjahr sich heuer zum 250. Mal jährt.

Im Einführungsgespräch mit Michael Stille, dem künstlerischen Intendanten der Stuttgarter Philharmoniker, wurde gesagt, dass die drei Stücke des Programms ausgewählt wurden, um sehr unterschiedliche Facetten des umfangreichen Werks dieses Komponisten herauszugreifen.

Den Anfang machte ein eher untypisches Werk, das wegen seines nicht sehr hohen, musikalischen Gehalts nur selten zu hören ist, das dafür aber einen umso unterhaltsameren Einstieg in den Konzertabend bot. „Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“ lässt schon beim Titel die Phantasie ins Schweifen geraten. Interessanterweise war es gerade dieses knapp zwanzigminütige Stück, das im Dezember 1813 bei seiner Uraufführung die größte Begeisterung aller Beethovenerstlinge beim Publikum erzeugte. Es handelt sich um ein „sinfonisches Schlachtengemälde“, bei dem das gleichnamige geschichtliche Ereignis musikalisch nachgestellt werden sollte. 

Hierzu standen sich bei der Premiere im Wiener Akademiesaal zwei Orchester auf beiden Seiten des Saals gegenüber, sämtliche bedeutenden Musiker Wiens waren aufgeboten, Böllerkanonen postiert und Schlachtenfahnen gehisst; zwei Dirigenten führten unter der Gesamtleitung Beethovens durch das Spektakel. Das Konzert wurde enthusiastisch gefeiert und musste mehrere Male wiederholt werden. Es gibt auch heute noch sehr rustikale Aufführungen, bei denen Gebirgsjäger die kleinen Trommeln schlagen und bemühte Laienorchester den Trompeten und Hörnern hinterherjagen. Christian Zacharias als Gastdirigent und die Stuttgarter Philharmoniker wählten einen feinen Kompromiss zwischen Spektakel und seriösem Konzert. Zugeständnis an jenes waren die englische, die französische und – wie schön – europäische Flagge an prominenter Stelle vor der Bühne und die riesige „große Trommel“ im Bühnengrund, die einen ordentlichen „Wumm“ ins Orchestergeschehen brachte. 

Der seriöse Anteil an der für Beethovenverhältnisse nicht sehr tiefgründigen Musik war dann der präzise und kultivierte Orchesterklang der Stuttgarter Philharmoniker, der sofort Spaß beim Zuhören erzeugte und neugierig machte auf die folgenden Stücke. Christian Zacharias ist ein sehr profunder Dirigent und auch Pianist, der hohe musikalische Intelligenz und Erfahrung in seine Interpretationen legt. Beides zeigte sich beim zweiten Stück des Abends, dem zweiten Klavierkonzert Beethovens in B-Dur, auf das schönste. Dieses ist noch stark der mozartischen Klassik verhaftet – besonders im ersten und dritten Satz –, und bietet dem Pianisten viel klassisch-fließende Linien ohne rhythmische Brechungen. Am Ende des ersten Satzes bei einer längeren Solokadenz hat es der Pianist selbst in der Hand, den musikalischen Gehalt zu verdichten und auf den Punkt zu bringen. Vielleicht liegt es daran, dass Christian Zacharias in Personalunion als Pianist und Dirigent auftrat: Ein so dynamisch und rhythmisch genaues und fein abgestimmtes Zusammenspiel zwischen Klavier und Orchester hat man auf dieser Bühne selten gehört. Die Stuttgarter Philharmoniker sind ein Klangkörper, der alles besitzt, was ein hervorragendes und modernes Orchester besitzen sollte: Präzision, Flexibilität und Präsenz. 

Und wieder einmal ist es die Körpersprache, die nicht lügt: Trotz seiner 70 Jahre bewegt sich Zacharias auf der Bühne, am Klavier und am Pult aufmerksam und wach, kommunikativ, mit federndem Gang, in einem Wort, junggeblieben im Auftrag der Musik. Nach der Pause dann das musikalisch bedeutsamste Werk des Abends. Man muss sie mögen, Beethovens berühmte dritte Sinfonie, genannt Eroica, weil der Stürmer und Dränger sie zunächst seinem vermeintlichen Bruder in Freiheit und Gleichheit, Napoleon Bonaparte, widmen wollte. Als der sich zum Kaiser krönen ließ, fühlte sich Beethoven in seiner Einschätzung verraten und widmete sein Werk kurzerhand dem unbekannten „Heroen“ um. Diese Sinfonie erscheint auch heute noch dem unvoreingenommenen Hörer ein bisschen so, wie der Großteil Beethoven‘scher Musik dessen Zeitgenossen immer erschienen sein mag, zwar leidenschaftlich und voller Energie, aber ungeordnet, regellos und wild phantasierend. 

Letzteres ist aber nur Ausdruck einer neuen, zukunftsweisenden Art, zu komponieren. Beethoven brachte nach seinen Reifejahren mit diesem Werk zum ersten Mal ohne Zugeständnisse an die Vergangenheit seine Kompositionsideale zur vollen Geltung: Entwickeln statt variieren. Musikalische Themen und Motive werden nicht mehr festgeschrieben und über einen Satz lang lediglich variiert, sondern befinden sich – fast möchte man sagen, wie das richtige Leben – in ständiger Veränderung und entwickeln sich bereits im Entstehen weiter. Es gelang dem Orchester unter Christian Zacharias diese ständigen Wechsel und Veränderungen in eine verständliche Form und Interpretation zu bringen, die nicht nur Klarheit, sondern großes Vergnügen bereitete. Nach dieser Aufführung mochte man die Eroica. Großer Beifall.

Jürgen Kus

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