Mit Zuversicht, Flexibilität und grenzenloser Belastbarkeit

"Classix 2020 lebt!"

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Alle Varianten sind für die Köpfe von Classix, Dr. Franz Tröger und Benjamin Schmid, im Corona-Jahr 2020 für das Musikfestival denkbar.

Kempten – Nachdem die Veranstalter des Festivals Classix Kempten im Frühling fast „verzagten“ angesichts des „frühen und ängstlichen Abdrehens des Kulturbetriebs“, haben sie inzwischen nach eigenem Bekunden wieder Mut geschöpft, zu Zuversicht, Enthusiasmus und organisatorischer Improvisationsfreude gefunden.

Zwar „wissen wir überhaupt nicht wie‘s weitergeht“, bekannte Organisator Dr. Franz Tröger mit Blick auf die Krise um Corona, aber sie seien „nicht so blauäugig alles auf eine Karte zu setzen“. Vielmehr haben er und der Künstlerische Leiter des Festivals, der österreichische Violinist Benjamin Schmid, in den letzten Monaten nicht nur ihr ideales Programm verfeinert, sondern mehrere alternative Festivalabläufe konzipiert. Je nach dem, wie sich das Infektionsgeschehen und die Sicherheitsmaßnahmen entwickeln, können sie nun „mit dem Gesamtprogramm spielen“: Konzerte zweimal spielen – in einer Nachmittags- und einer Abendvorstellung, Spiel- orte mit flexibler Bestuhlung wie etwa den Fürstensaal wählen oder einzelne Programmteile notgedrungen „amputieren“ und das Festival auf wenige Tage verkürzen; – „alle Varianten“ seien denkbar. Sofern Classix Kempten heuer nicht doch abgesagt werden müsse, sei sichergestellt, dass die Veranstalter ihren hohen Ansprüchen an „gute Musik“ genügen werden und den BesucherInnen auch im zweiten Jahr der Zusammenarbeit von Schmid und Tröger „Neues, Rares und zu Unrecht Vergessenes“ geboten werde. Das Classix-Team habe sich bewusst dafür entschieden, sich nicht „ins Digitale zurückzuziehen“: Man wolle das „kalte, seelenlose“ Streaming vermeiden, stattdessen „analog präsent sein“ und freue sich mit den ausgewählten MusikerInnen darauf, einander „live zu erleben“. Und so sah sich der Freundeskreis Classix Konzerte ermutigt, trotz „grausamer Vorgaben, seine Planungen für das diesjährige Kammermusikfestival gut zwei Monate vor dem ersten Konzertabend der Öffentlichkeit vorzustellen.

Anlässlich seines 250. Geburtstags ist die Leitfrage des Festivals dieses Jahr „Alles Beethoven, ...oder was?“, und so bilden von 19. bis 27. September die Klavier- und Violinsonaten des Komponisten den roten Faden des Programms. Der Festivalauftakt am Samstagabend, 19. September, trägt denn auch den Arbeitstitel „Ambitionierter Serenadenton“ und bietet einen spannungsvollen „riesigen stilistischen Gegensatz“: Schmid und Freunde spielen – in teils „rarer Besetzung“ – auf Streich- und Blasinstrumenten sowie am Klavier die eher gefällige Violinsonate Nr. 1 D-Dur op. 12/1 und das Sextett Es-Dur op. 20 von Beethoven sowie ein „starkes, nachdenkliches und hochexpressives“ Sextett des im März verstorbenen Krzysztof Penderecki. Der erste Festivalsonntag will mit der ‚Schicksalssinfonie‘ Nr. 5 c-Moll op. 67 und Beethovens Musik zu Goethes Trauerspiel „Egmont“ (op. 84) „sinfonische Maßstäbe“ und einen Höhepunkt setzen. Eingeladen sind die St. Petersburger Kammerphilharmonie und der Schauspieler Ulrich Tukur, der aus Franz Grillparzers Fassung des Bühnenstücks rezitieren wird. Doch auch für die Verwirklichung dieses Programmpunkts ist wieder Zuversicht und Improvisationstalent gefragt, denn der Dirigent Juri Gilbo kann seine Musikerinnen unter Einhaltung der im Moment geltenden Abstandsregeln nicht auf der Bühne des Stadttheaters unterbringen.

Die folgenden Abende warten mit kleineren Ensembles und – ganz im Sinne der Neuausrichtung des Festivals im vergangenen Jahr – mit einer enorm „facettenreichen Vielfalt“ auf: MusikfreundInnen, die heuer den Jazzfrühling bitter vermisst haben, können sich auf Montag, 21., und Donnerstag, 24. September, besonders freuen: Das Benjamin Schmid Jazzquintett huldigt gemeinsam mit Biréli Lagrène und Diknu Schneeberger dem 2018 früh verstorbenen französischen „Superstar“, Jazzgeiger, Komponisten Didier Lockwood; das Muthspiel Chamber Trio will mit Gitarre, Trompete und Klavier vor Ohren führen: „Jazz kann Kammermusik kann Jazz.“ An allen übrigen Festivaltagen feiert Classix Kempten Ludwig van Beethoven: Der In Kempten bereits bekannte Matthias Bartholomey am Violoncello gastiert am Dienstag gemeinsam mit Schmid und Ariane Haering am Klavier und spielt neben dem ‚Geistertrio‘ in D-Dur op. 70/1 und den Violinsonaten Nr. 3 und 7 das in seiner „Extremität“ „umwerfende“ Klaviertrio in c-Moll Op. 1/3. Auf „ein Wiederhören“ mit dem Pianisten Christoph Soldan dürfen sich die FestivalbesucherInnen am Mittwoch freuen: Er präsentiert die Klaviersonaten Nr. 21, 24 und 32 und rezitiert gemeinsam mit seiner Ehefrau Stephanie Goes aus dem Briefwechsel des Komponisten: Der korrespondierte im Laufe der Jahre nicht nur mit der berühmten ‚Unsterblichen Geliebten‘, sondern widmete auch anderen Frauen Briefe und Musik. Den musikalisch visionären Beethoven stellt am Freitag das Hagen Quartett vor. Tags darauf, am 26., zeigt der Pianist Bernd Glemser mit Sonaten von Beethoven, Schumann und Liszt, wie der ältere seine Nachfolger inspirierte und beeinflusste.

Einen Kartenvorverkauf wird es angesichts der ungewissen Perspektive nicht geben, aber über die Homepage des Festivals können bereits individualisierte Sitzplätze reserviert werden. Weitere Infos unterwww.classix-kempten.de.

Antonia Knapp

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