Festival-Nachlese

Classix Kempten: Musik, die man nicht alle Tage zu hören bekommt

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Composer-in-Residence Virginia Guastella (l.) im Gespräch mit der Musikwissenschaftlerin Irene Suchy vom Österreichischen Rundfunk.

Kempten – Das Classix-Festival 2018, das unter dem Motto „a piacere – Überraschungen aus Italien“ stand, ging mit dem Nachmittagskonzert am vergangenen Sonntag zu Ende. Was bleibt für den interessierten Konzertgänger nach einer Woche intensiven Musikhörens? 

Der künstlerische Leiter und Spiritus Rector Oliver Triendl fasste in seinem Abschiedsgruß vor der allerletzten Rossini-Zugabe noch einmal seine Intention zusammen: Ihm sei es ein Anliegen, die Vielfalt der existierenden Musik zu zeigen und die Ohren seiner Zuhörer offen und neugierig zu machen für zukünftige Musik.

Denn Musik verändert sich ja genauso, wie sich alles andere um uns herum ständig verändert. Damit wir auch musikalisch am Ball bleiben und nicht nur in bestehenden Hörgewohnheiten schwelgen, dazu bot dieser Querschnitt durch 230 Jahre italienische Kammermusik einen aufschlussreichen Einblick. Bleiben wir zunächst bei beeindruckenden Zahlen: In sechs Konzerten kamen 35 Werke von 27 Komponistinnen und Komponisten zur Aufführung, die Rossini-Zugaben sind hier noch gar nicht mitgezählt. 22 Gastmusiker und als weitere Interpreten auf der Bühne Oliver Triendl und die Komponistin-vor-Ort Virginia Guastella übten eine Woche lang in öffentlichen Proben im Stadttheater und in der Stadtsäge die auch für sie größtenteils neuen Stücke ein und brachten sie dann abends quasi taufrisch auf die Bühne. Das Publikum war gekommen, zwar nicht immer so zahlreich wie bei anderen Klassikveranstaltungen über das Jahr hinweg, aber in durchaus beachtlicher Anzahl, wenn man die Exklusivität dieser Musik bedenkt.

Gerade das reichhaltige diesjährige Programm bot eine Vielzahl von unterschiedlichen Aspekten, unter denen man es hören und neue Musikerfahrungen machen konnte. Beginnen wir mit dem Letzten, den Zugaben. Fest im Programm jeweils als Schlussstück eines Konzerts eingeplant, waren sie dem 150. Todestag von Gioachino Rossini gewidmet. Von genialen Jugendwerken über spannende Bearbeitungen seiner Opernthemen durch andere Komponisten bis zu seinen „Alterssünden“ konnte man ganz neue Seiten eines Komponisten erhören, den wir fast ausschließlich über seine Opern kennen. Das Stichwort Oper ist ja in der italienischen Musik allgegenwärtig. Und so konnte man im Programm dieses Festivals die Komponisten einteilen in solche, die von der Oper kommen, und solche, die sich von dieser Tradition abheben. Zu ersteren zählte Gaetano Donizetti mit einem wohlklingenden Streichquintett, Giovanni Pacini mit einem Oktett, und Ermanno Wolf-Ferrari mit seiner Kammersymphonie, zu letzteren Giuseppe Martucci, Gian Francesco Malipiero, Alfredo Casella und Giorgio Federico Ghedini, allesamt mit schwergewichtigen und eindrücklichen Kammermusikwerken größerer Besetzung vertreten. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts verlor die italienische Oper ihre Bedeutung und lebte vielleicht weiter in der Filmmusik, für die in der zweiten Hälfte zwei italienische Komponisten stehen, die geradezu beispielhaft die Bedeutung von Filmmusik auf eine höhere Ebene gestellt haben: Nino Rota und

Ennio Morricone. Beide waren mit kammermusikalischen Werken auf dem Festival vertreten, Nino Rota mit einem in der Tonsprache der klassischen Moderne gehaltenen, prächtigen Nonetto, bei Ennio Morricone‘s „Vivo“, in Zwölftonmanier gehalten, ist der Spektralabstand zu seinem Mundharmonika-Lied vom Tod maximal. Weitere sehr interessante Vertreter der zeitgenössischen Musik, bei der sich Töne in Cluster, Diatonik in Dodekaphonie und Komposition in Aleatorik auflösen, waren Bruno Maderna, Salvatore Sciarrino und Luciano Berio, dieser mit eindrucksvollen Beispielen aus seinen Duetti für zwei Violinen.

Am Samstag vor dem Abendkonzert war ein Podiumsgespräch mit der diesjährigen Composer-in Residence Virginia Guastella angesetzt. Die Moderatorin Irene Suchy, Musikwissenschaftlerin und Redakteurin des Österreichischen Rundfunks, sprach mit ihr über ihre Biografie und ihr kreatives Programm. Jeweils eine Komposition pro Konzert von ihr – darunter sogar eine Uraufführung – zeigte ihr großes Spektrum an musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Sie verkörpert den Typus des Künstlers, der nicht mit einer festen Stilistik auf die ihn umgebende Welt reagiert, sondern der offen und vielgestalterisch seinen künstlerischen Ausdruck erst aus den Themen ableitet, mit denen er sich auseinandersetzt. Entsprechend groß war die Bandbreite ihrer Stücke von klassisch-modern bis zeitgenössisch. Bemerkenswert war die Präsenz der neununddreißigjährigen, in Palermo geborenen Komponistin als Mitspielerin bei den Proben, als Zuhörerin ihrer eigenen Kompositionen und als Interpretin auf der Bühne, die auf Selbstsicherheit und Überzeugung in ihrem künstlerischen Schaffen hindeutet.

Ein letzter Aspekt von vielen weiteren sei noch erwähnt: die Gitarre, die in Kempten als klassisches Instrument eher selten zu hören ist. In diesem Festival war sie so präsent, dass man den nicht ganz zutreffenden Eindruck gewinnen konnte, aus der Kammermusik wäre sie nicht wegzudenken. Und tatsächlich, wenn man sucht, dann findet man in der Musikgeschichte immer wieder Werke, die eine Gitarre enthalten, hier angefangen von Boccherinis Fandango von 1790 über Paganinis Terzett von 1833 bis zum Quintett für Gitarre und Streichquartett von Mario Castelnuovo-Tedesco von 1950. Der erfahrene finnische Gitarrist Ismo Eskelinen konnte über die Woche verteilt sein ganzes Können ausspielen, sein Solo-Meisterstück gab er beim Konzert am Freitag mit der Rossini-Zugabe: Mauro Giulianis Le Rossiniane Nr. 1.

Abschließend seien noch die Musiker erwähnt, die trotz ihrer vielen anderweitigen Verpflichtungen eine Woche in Kempten ausgeharrt haben und mit Engagement und großer Freude – das sah man ihnen immer wieder in den sechs Konzerten an – ihr Können in den Dienst der Musik und der Unterhaltung des Publikums gestellt haben.

Wie sagte noch Dr. Franz Tröger in einem Interview vor einigen Wochen: „Ohne Harmonie fällt das alles auseinander.“ Diese Harmonie untereinander haben sie zum guten Gelingen des diesjährigen Classix Kempten bewiesen.

Jürgen Kus

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