Stück mit Schwächen – starkes Spiel

Bei "Cordoba – Das Rückspiel" scheiden sich die Geister – Hans Piesbergen begeistert

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Ein Mann – viele Gesichter: Hans Piesbergen brillierte auf dem grünen Bühnen-Rasen in jeder Figur.

Kempten – Dem Sport werden ja im Allgemeinen eher völkerverbindende Eigenschaften nachgesagt. Aber Fußball ist zweifelsfrei mehr als Sport. An ihm haben sich deshalb schon oft genug tiefer sitzende Konflikte entzündet.

Ein dramatischer ist gar als „Fußballkrieg“ in die Geschichte eingegangen. Zur Erinnerung: In einem Heimspiel hatte Honduras gegen seinen Nachbarn El Salvador in einem WM-Qualifikationsspiel mit 1:0 gesiegt. Im Rückspiel triumphierte El Salvador mit 3:0. Das war am 27. Juni 1969 und Anlass für einen kurz darauf entbrannten zwar nur 100 Stunden währenden Krieg, aber im Ergebnis mit mehreren 1000 Toten und Zigtausenden, die ihr Dach über dem Kopf verloren hatten.

"Spezielle" Nachbarn Deutschland – Österreich

Gottlob weit weniger dramatisch waren die Befindlichkeitsstörungen nach dem Wunder, das Außenseiter Österreich knapp zehn Jahre später an Deutschland vollbringen konnte und seinem Erzrivalen bei der Fußball-WM im argentinischen Córdoba am 21. Juni 1978 eine schmachvolle 3:2-Niederlage bescherte. Das insgesamt spezielle Verhältnis der beiden Kontrahenten wurde allerdings im Laufe der Zeit noch auf weitere Proben gestellt, z.B. als im Sommer 1989 tausende DDR-Bürger über Ungarn nach Österreich und nur teilweise weiter in die BRD flüchteten; 

auch der spätestens seit Einführung des G8 erfolgte Ansturm deutscher Studienanfänger auf österreichische Universitäten verhalf alten wie neuen Ressentiments zu neuer Blüte. Und die Tourismus- und Hotellerieszene wurde wegen der vielen deutschen Arbeitnehmer offenbar inzwischen ebenfalls zur „Problemzone“ erklärt, wie vergangenen Freitagabend in der Theaterwerkstatt des TiK zu erfahren war.

Denn die Österreicher haben zurückgeschlagen und zwar mit „Córdoba – Das Rückspiel“. Die Satire über Wessis, Ossis, und Ösis des Autorengespanns Florian Scheuba und Rupert Henning, war vergangenen Freitagabend in der Inszenierung der künstlerischen TiK-Leiterin Silvia Armbruster als Deutsche Erstaufführung zu sehen. Scharfzüngig wie fair trifft ihr „Schmäh“ beide Seiten gleichermaßen. Die Lachmuskeln wurden allerdings nur bei einem Teil der Zuschauer getroffen. Neben verstreuten Dauerschmunzlern waren ebenso zahlreiche ratlose Gesichter zu beobachten. Nicht jeder konnte mit der Aneinanderreihung von Klischees und manchen Platti-

tüden im Dauerbombardement etwas anfangen, die vielleicht durch die Kürzung des Stückes von gut über zwei Stunden auf 90 Minuten zu dicht herüberkamen. Anstrengend waren auch die vielen, raschen (wenngleich meisterlich vollzogenen) Rollenwechsel.

Ein Mann, viele Gesichter und – Dialekte

Der Star des Abends war unbestritten Hans Piesbergen, der die Ein-Mann-Herausforderung der über zwei Dutzend verschiedenen Rollen in Personalunion mit Bravour meisterte und dafür verdientermaßen satten Applaus erntete. Mit minimalistischen „Handgriffen“ – da eine andere Kopfbedeckung, dort veränderte Körperbewegungen/-haltungen, ganz zu schweigen von Piesbergens wandlungsfähiger Mimik, die permanent neue Gesichter erstehen ließ – sowie grandiosem Multilinguismus (das Wort ist angesichts der vielen unterschiedlichen deutschen und österreichischen Dialekte bis zu Türk-Deutsch durchaus angebracht) jonglierte Piesbergen zwischen den Figuren: angefangen bei den Mitgliedern der „Ossi“-Familie Mölke aus Schwarze Pumpe in der Oberlausitz, deren Mitglieder mental unterschiedlich in ihrer seit 23 Jahren Heimat Wien angekommen sind; über die fußballbegeisterte österreichische Familie Horvath, den bayerischen „Geld-Onkel“ Franz Kaiser bis zum gscherten Ottakringer Fiakerfahrer.

Sie kämpften sich durch Themen wie Fremdenskepsis („Wir Wiener sind nicht deutschenfeindlich, sondern nur österreicherfreundlich.“), rechtslastige Fremdenfeindlichkeit (Isst Du Schwein, dann darfst Du rein.“), Integration (Ehepaar Mölke nach 23 Jahren in ­Wien: „Zu Österreichern haben wir nicht so viel Kontakt.“); durch Minderwertigkeitskomplexe und Überheblichkeit, die Stellung des Fußballs und – des richtigen Clubs; durch Sprachbarrieren („Es heißt Erdäpfelpüree“ nicht Kartoffelbrei!); und sie kämpfen sich durch, um ihren Platz im Leben zu finden, ihr persönliches Glück. Und so mündet der ganze Kampf um die jeweils eigene Identität in einer versöhnlichen Akzeptanz des Andersartigen. 

Christine Tröger

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