Impfskepsis bei Menschen mit Migrationshintergrund: Lösung gesucht

Corona beschäftigt Integrationsbeirat 

Vor allem das Impfangebot gegen Covid-19 für die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Kempten beschäftigt den Integrationsbeirat.
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Vor allem das Impfangebot gegen Covid-19 für die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Kempten beschäftigt den Integrationsbeirat.

Kempten – Ilknur Altan, SPD-Stadträtin und Integrationsbeauftrage der Stadt Kempten, eröffnete die Online-Sitzung des Integrationsbeirats mit einem Appell und stellte damit einen Bezug zur Situation im Nahen Osten her. Sie rief dazu auf, weiterhin friedlich miteinander umzugehen, ungeachtet welcher Religion und Nationalität die Menschen angehören. „Antisemitismus und Rassismus gehören nicht zu uns. Wir wollen das nicht in Kempten.“ 

Das alles beherrschende Thema „Impfung gegen Corona“ war ein wichtiger Tagesordnungspunkt auf der Agenda dieser Veranstaltung. Es hätten viele Migrantinnen und Migranten Schwierigkeiten, sich online anzumelden, erklärte Altan, denn die Registrierung auf dem Impfportal der Bayerischen Staatsregierung sei nur in deutscher Sprache möglich. Es sei für die Menschen mit Migrationshintergrund wesentlich einfacher, die Impfzentren der Stadtteilquartiere aufzusuchen und sich dort impfen zu lassen. Doch dies sei momentan nur eingeschränkt möglich, sagte die Integrationsbeauftragte, da der vorhandene Impfstoff für Zweitimpfungen verwendet werde. Neben den Stadtteilzentren biete das Haus International und die Diakonie in Kempten Beratung und Unterstützung bei der Anmeldung zur Impfung an. Zudem seien zahlreiche Informationen auf der Homepage der Stadt Kempten und auch auf der Facebook- Seite des Hauses International veröffentlicht, ergänzten Thomas Baier-Regnery, Referent für Jugend, Schule und Soziales, und Lajos Fischer, Geschäftsführer Haus International (HI).

Die Diakonie Kempten informiere bei jeglicher Beratung auch über Corona sowie über die Covid-19-Impfung und es werden fremdsprachliche Aufklärungsunterlagen mitgegeben, berichtete Sabine Lurz-Bianco von der Diakonie Kempten. Die Unterlagen stehen ihr zufolge in zwölf verschiedenen Sprachen zur Verfügung. Unterstützend werden in der Diakonie Videos aus der Schweiz gezeigt, um die Geflüchteten mit diesem besonders wichtigen Thema vertraut zu machen.

Daneben erhalten Bewohner von Asylunterkünften laut Philipp Wagner, Leiter des Amtes für Integration, einen Informationsbogen zu Corona, der auch in verschiedenen Sprachen zur Verfügung steht, und es wird aktiv ein Impftermin angeboten. Zu einem ersten Sonder-Impftermin hätten sich über 50 Personen angemeldet. Doch eine Beratung und Anmeldung sei nur möglich, wenn die Menschen zu den Anlaufstellen kommen, erklärte Altan.

Die Frage nach einer Verbesserung der aktuellen Situation entfachte eine rege Diskussion unter den Teilnehmenden. Die Vorschläge reichten von Informationsschreiben an die Migranten bis hin zu einer telefonischen Kontaktaufnahme durch die Hausärzte. Die Stadt Kempten habe die Bevölkerung mit Migrationshintergrund bereits mit einem Impfangebot angeschrieben, informierte Baier-Regnery, und nicht alle Hausärzte würden impfen, ergänzte Altan.

Ein weiterer wichtiger Baustein sei der Internetzugang in den Asylunterkünften, z.B. stehe nämlich der Integrationskurs für Geflüchtete online zur Verfügung, erklärte Fischer. Doch die Einrichtung von WLAN in diesen Einrichtungen sei mühselig, beschrieb Altan die Situation. „Kommunen wollen Klage einreichen“, sagte Fischer, „durch das fehlende Internet wird das Recht auf Bildung ausgehebelt.“

Bei all diesen Vorschlägen sei es ein großes Problem, die Hemmschwelle zu besiegen und die Vorbehalte gegen die Covid-19-Impfung abzubauen, betonte Wagner. Es gebe zahlreiche Ängste bei den Menschen, verursacht durch Fake News und Fehlinformationen, ergänzte Fischer. So höre er beispielsweise immer wieder, „ohne Impfung kein Corona“, mit der Corona-Impfung könnten sie „keine Kinder mehr bekommen“ oder „mit Impfung werden sie abgeschoben“. Diese Ängste zu durchbrechen, sei nur möglich, indem vorhandene Vertrauensverhältnisse genutzt würden, um Aufklärung und Informationen zu transportieren. Zudem müssten die Wege zur Impfung einfacher gestaltet werden, so Fischers Forderung.

Eine weitere wichtige Maßnahme, den Zugang für Menschen mit Migrationshintergrund zu den Themen Gesundheit, Prävention und Angebote des deutschen Gesundheitssystems zu erleichtern, sei das Gesundheitsprojekt MiMi, das im Jahr 2016 in der Allgäu-Bodensee-Region ins Leben gerufen wurde, erklärte der HI-Geschäftsführer weiter. Ein Projekt von Migrantinnen und Migranten in Zusammenarbeit mit dem Ethno-Medizinischen Zentrum e.V., fügte Gabriele Heilinger, Leiterin Sprachenschule „Deutsch lernen im Haus International“, hinzu. „Es werden gut integrierte und sprachlich versierte Menschen mit Migrationshintergrund zu interkulturellen Gesundheitslotsen, zu ‚MiMis‘, ausgebildet“, erklärte sie. In selbständig organisierten Treffen würden diese interkulturellen Lotsen ihr erlerntes Wissen zur Gesundheitsförde- rung und Prävention in der je- weiligen Muttersprache an ihre Landsleute kultursensibel weiter- geben. Ziel des Projekts ist laut Fischer, Brücken zwischen dem deutschen Gesundheitssystem und Menschen mit Migrations- hintergrund zu bilden.

Doch wie erreicht man die Menschen, die Aufklärungsbedarf haben? Auch dieses Projekt lebe vom persönlichen Kontakt, der durch nichts zu ersetzen sei, sagte Altan. Mit dem vorhandenen Online-Angebot kämen junge Menschen klar, für Ältere sei es eher schwierig. Eine Teilnehmerin hatte die Idee, das regionale Fernsehen zu nutzen, um diese Bevölkerungsschicht mit Informationen rund um die Gesundheit zu erreichen. Ein weiterer Vorschlag ging in Richtung Freitagsgebete. „Es sind viele Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten auf einmal versammelt“, sagte Altan.

Unter dem Motto „Wie kann Integration gelingen“ wird seit 2019 ein kommunales Integrationskonzept für Kempten (KIK) unter der Federführung von Susanne Blenk und Priska Hecht vom Amt für Integration entwickelt. Die finale Version soll im Juli 2021 vorgestellt werden. „Die Integration ist ein wichtiger Bereich für eine Kommune. Das erarbeitete Integrationskonzept ist ein Richtfaden für die Zukunft und für das Zusammenleben von Menschen“, betonte Oberbürgermeister Thomas Kiechle.

Mit dem Aufruf an die Teilnehmer aktiv die Planung am Interkulturellen Herbst 2021 mitzugestalten, endete die Sitzung des Integrationsbeirates der Stadt Kempten.

Christine Reder

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