"Man hangelt sich von Gast zu Gast"

Corona-Krise: Bereits jetzt ist die Lage für manche Kemptener Unternehmen dramatisch

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Kemptens Straßen sind leer, viele Geschäfte geschlossen. Die Wirtschaft blutet wegen der aktuellen Corona-Krise. Ein Blick hinter die Ladentheken der Kemptener Geschäfte und Unternehmen.

Kempten – Kemptens Straßen sind leer, die Geschäfte geschlossen. Die Wirtschaft blutet wegen der aktuellen Corona-Krise.

Bund und Freistaat überschlagen sich mit immer neuen Wirtschafts-Hilfen. „Wir wollen, dass möglichst kein Unternehmen in Deutschland nur aufgrund der Corona-Epidemie in die Insolvenz gehen muss“, sagte Bundes-Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Aber wie geht es den Kemptener Unternehmen und Händlern in der jetzigen Situation?

„Wir haben Angst um unsere Existenz“, sagt Vanessa Hirnigl, Büroleiterin beim Profi Reisecenter. Die Reisebranche ist besonders hart von den derzeitigen Maßnahmen betroffen, die das Corona-Virus eindämmen sollen. „Wir sind doppelt bestraft“, erklärt Hirnigl. Zum einen kommen keine neuen Buchungen herein, weil niemand weiß, wann Reisen wieder angetreten werden können. Stattdessen trudeln jeden Tag Stornierungen ein, für die die Kunden ihr Geld zurückbekommen. „Für Leistungen, die wir unter Umständen bereits erbracht haben, wird uns die Provision bei höherer Gewalt wieder abgebucht“, erklärt Hirnigel den Ernst der Lage, gerade für kleine Reisebüros. Acht bis zehn Prozent des Reisepreises erhalten sie in der Regel als Provision, von der sie leben. „Das ist ohnehin nicht viel“, so die Büroleiterin, „wenn die nächsten Monate nicht besser werden, weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.“

Krisenzentrum

Die Mitarbeiter seien auch aktuell in Kurzarbeit für die Kunden da. „Unser Büro gleicht einem Krisenzentrum.“ Im Moment geht es darum, festgesetzte Urlauber zurückzuholen, sie am Telefon zu beruhigen, sie über ihre Rechte aufzuklären und auf eine Liste beim Auswärtigen Amt setzen zu lassen. 

Die Verunsicherung im Unternehmen sei sehr groß, auch trotz der großen Hilfspakete, die Bund und Freistaat zugesagt haben. Die Soforthilfe vom Freistaat sei ein „Tropfen auf den heißen Stein“. Mit der einmaligen Geldspritze könne das Reisecenter nicht einmal ein Drittel der Gehälter zahlen. Im Reisebüro sind neun Mitarbeiter beschäftigt. Für Unternehmen dieser Größe gewährt der Freistaat 7500 Euro. Allerdings zählen für die Berechnung nur die in Vollzeit beschäftigten Mitarbeiter. Das sind im Profi Reisecenter fünf. Somit beträgt die Soforthilfe nur 5000 Euro. Das Geld könne nur behalten werden, wenn bereits alle Ersparnisse in die Firma geflossen sind. Auch von den Krediten zeigt sich Hirnigl enttäuscht. „Die kann kein Mensch zurückzahlen.“

Derzeit kämpft der Verband unabhängiger selbständiger Reisebüros (VUSR) unter anderem dafür, dass die Büros die Provision trotz Stornierungen behalten können. Ein weiteres Streitthema der Branche sind Gutscheine, die einige Reiseveranstalter bei Stornierungen den Kunden statt Bargeld zukommen lassen wollen. „Gutscheine brauchen die Leute in der jetzigen Zeit wirklich nicht“, sagt Hirnigl. Auch die Provisionen, die die Büros auf diesem Weg erhalten würden, seien sehr schmal. 

Der Zukunft sieht die Büroleiterin trotz der nochmals aufgestockten Hilfen und verbesserten Kreditkonditionen mit Skepsis entgegen. „Das hilft auch nur eine gewisse Zeit.“ Zu viele Fragen seien offen: „Wann reisen die Leute wieder? Wird reisen ein Luxusgut, das sich nur noch wenige leisten können? Wird es uns bis dahin noch geben?“

Keine Ausstellungen – keine Verkäufe

Krisenerprobt ist die Bildhauerin Daphne Kerber aus Bolsterlang. „Existenzängste habe ich schon“, sagt die 67-jährige Künstlerin, „aber die habe ich immer.“ Sie kenne auch keine Schauspieler oder Musiker, die stabile Einkünfte hätten. Künstler könnten jederzeit in Not geraten. „Ich muss mir immer irgendwoher Geld leihen“, sagt die sogenannte Solo-Selbständige. Da sie in Baden-Württemberg wohnt, könne sie erst diese Woche die Corona-Soforthilfen beantragen, die das Land gerade auf den Weg bringt. Vor allem weil Kerber gerade eine Ausstellung verschieben musste, ist sie der Meinung, dass ihr die Maßnahme helfen kann. „Mir fehlen die Verkäufe, und die Miete für das Lager und das Archiv muss ich ja weiter bezahlen.“ Notfalls könnte die Künstlerin noch Unterstützung beim Berufsverband Bildender Künstler beantragen, der einen Hilfsfonds betreibt. Die persönliche Hemmschwelle, dort anzufragen, sei aber hoch. Auch bei der Künstlersozialkasse (KSK) könne sie gegebenenfalls einen Beitrag aussetzen. Aber dass der Kühlschrank mal leer bleibe, auch das habe die Künstlerin schon erlebt.

Im einstelligen Bereich bewegen sich derzeit die Kundenzahlen im Hotel Peterhof. Hoteldirektorin Sabine Bartz ist aber noch nicht ganz entmutigt. „Die Hotellerie ist schon in der Lage, einen Monat zu überbrücken“, sagt sie. Auch Bartz hat für die 19 Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt. Andere Hilfe-Maßnahmen will sie derzeit nicht in Anspruch nehmen: „Alles, was ich später wieder zurückzahlen muss, bringt mir nichts“, so die Hotelchefin. Die Soforthilfe vom Freistaat sei eher wichtig für Betriebe, die gar keinen Cashflow mehr hätten, deswegen hätte sie sie noch nicht beantragt, „noch nicht“, schiebt sie nach.

Bartz hat aber auch das Jahr 2020 bereits komplett abgeschrieben. Derzeit beherbergt das Haus lediglich zwei Geschäftsreisende. Am Freitag schließt das Hotel über das Wochenende, ab Montag haben wieder drei Geschäftsreisende gebucht. Im Mai sei das Haus normalerweise 80 bis 90 Prozent ausgebucht. Dieses Jahr liege die Belegung im Mai bei 27 Prozent. „Die Leute sagen bereits bis in den September hinein ab.“

Was der Branche zusätzlich zu schaffen macht, sind die täglich neuen Bestimmungen. Seit Montag dürften die Gäste den Speisesaal nicht mehr benutzen und müssen auf dem Zimmer frühstücken. Dass permanent Änderungen eintreten, führe zu starken Verunsicherungen. Die liege aber auch an der „völligen Unklarheit und Überforderung“ im Umgang mit der Pandemie. „Es kann sein, dass wir in zwei Monaten mit dem Rücken zur Wand stehen“, sagt Bartz.

Schlechte Zeiten für Geburtstagskinder

Mit einem 95-prozentigen Umsatzeinbruch hat „Spiegel’s Genusstreff“ zu kämpfen. Sigrid Spiegel, die den Feinkostladen mit ihrem Mann betreibt, beschreibt die Lage: „Normalerweise kommen an guten Tagen rund 45 Kunden am Tag, an schlechten 20. Derzeit sind es vier bis fünf.“ Das liege nicht nur an den beschränkten Öffnungszeiten. Spiegel vermutet, dass die Menschen versuchen, alle ihre Erledigungen im Supermarkt abzuhandeln und gar nicht bis in die Innenstadt vordringen, geschweige denn in den Feinkostladen.

Auch die Spiegels haben Soforthilfe vom Freistaat beantragt. Außerdem versuchen sie, Rechnungen zu schieben und Kosten zu stoppen, wo es möglich ist. „Im günstigsten Fall können wir das zwei Monate durchhalten“, sagt Spiegel, „wir sind ja nur zu zweit und haben keine Angestellten.“ Auch die Eigenproduktion von Spirituosen, Bränden und Likören hat der der gelernte Winzermeister und Brenner Volker Spiegel bereits gestoppt. Derzeit seien Essig und Öl das Hauptgeschäft. „Die Geschenke stehen still“, so die Feinkosthändlerin, deren Wunsch wahrscheinlich für alle Ladenbesitzer gilt. „Ich wünsche mir, dass nicht jeder nur im Internet bestellt, sondern auch an die Kleinen in der Stadt denkt.“

Susanne Lüderitz

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