Unsere Autorin berichtet

Schule am Küchentisch - Großes Chaos oder konzentriertes Lernen?

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Sieht aus wie Hausaufgaben-Machen, ist aber die derzeitige Form der Schule.

Dietmannsried – Seit zwei Wochen ist die flächendeckende Schließung von Schulen und Kindergärten amtlich, die sich in den vorangegangenen Wochen langsam angebahnt hatte

Was im Februar noch utopisch klang, wird nun von allen Familien mit schulpflichtigen Kindern praktiziert: Schule daheim. Nachdem Feste und Veranstaltungen, Trainings und Turniere eingestellt wurden, nun der Paukenschlag, der für jede Familie Tausende Fragezeichen aufkommen lässt: Wie um Himmels Willen soll das werden? Der normale Familienwahnsinn – jetzt 7x24. Unsere freie Mitarbeiterin berichtet vom neuen Alltag in ihrer Familie.

Heute ist Tag drei bei einem für alle Akteure, Lehrer, Eltern oder Schüler nie dagewesenen Experiment. Um den Tagesablauf ohne Schule und Kindergarten ein bisschen im Griff zu behalten, haben wir einen groben Plan entworfen. Der ist relativ einfach gestrickt, nämlich von 9 bis 12 Uhr herrscht Silentium! Nun, vielleicht nicht im klassischen Sinn, aber es geht in die Richtung. Das frühe Aufstehen fällt weg und so finden sich nun allmorgendlich alle Schulpflichtigen der Familie eher ausgeschlafen gegen 9 Uhr mit ihren Schulsachen zum Ersatzunterricht im Esszimmer ein und es geht los.

Der Anfang: Besser als erwartet 

Das Ziel für die nächste Zeit lautet am ersten Tag, beherzt ein bisschen Routine im heimischen Klassenzimmer etablieren. In der Erwartung, dass einige Abstriche gemacht werden müssen, wurde der Level zunächst etwas höher angesetzt. Das Lernmaterial bereits am Vortag herunterzuladen und gegebenenfalls auszudrucken, spart morgens Zeit. Da lauerten allerdings bereits die ersten Komplikationen. Dennoch. Nach drei Tagen Homeschooling kann ich ein optimistisches Szenario entwerfen, denn bisher läuft es nicht so schlecht. Sogar besser als gedacht. Fest steht, ein paar Strukturen müssen in den Familien stehen, sonst wird’s schwierig.

Vielleicht ist es mit Geschwistern einfacher, vielleicht auch komplizierter – der Vorteil des gemeinsamen Lernens ist gegeben, wenn keiner das Gefühl hat, der einzige zu sein, der jetzt lernt. Wer nicht weiterkommt, kann fragen und wenn alle im selben Raum arbeiten, ist es einfacher sicherzustellen, dass der Drang zur Ablenkung im Zaum gehalten wird und getan wird, was getan werden soll. Die Kinder können die Reihenfolge frei wählen und jeder arbeitet die Liste seiner Aufgaben erstmal eigenverantwortlich ab. Da kann natürlich prima geschummelt werden. Und ohne einen Erwachsenen, der das Ganze zumindest aus dem Augenwinkel beobachtet und bei Bedarf weiterhilft, ist Schule daheim für jüngere Kinder nicht möglich, für die Älteren aber vielleicht eine willkommene Abwechselung mit mehr Eigenverantwortung und Freiheit. Ins kalte Wasser geworfen wie alle Eltern, war der Fernunterricht in den ersten Tagen jedoch leichter umzusetzen, als vermutet. Irgendwie haben die Kinder verstanden, dass nicht wirklich Ferien sind. Dass Ausnahmezustand herrscht und es ohne ihre Kooperation nicht funktionieren kann.

Turbulenzen

Während an den weiterführenden Schulen die Fachlehrer hauptsächlich über das Online-Lernportal Mebis kommunizieren, werden Grundschüler bei uns per Mail mit einem Wochenplan versorgt. Der Wochenplan der Grundschullehrerin begeistert mich als Mutter in dieser Situation. Tag für Tag ein ausgeklügeltes kleines Lernprogramm zum Abhaken. Die schulischen Inhalte der weiterführenden Schulen bereitzustellen, stellte Lehrer und Eltern in der ersten Woche praktisch und pädagogisch vor etwas größere Herausforderungen. Mebis ist ständig überlastet. Die Inhalte zu laden, dauert ewig, erfordert mehrere Versuche oder funktioniert erst gar nicht. Ein Hackerangriff, der das Programm dauerüberlastet hat, bevor es richtig genutzt werden konnte, ist auch ein paar Tage später nicht wirklich überwunden. Das trägt nicht zur Verbesserung der Lage bei und so wartet auch das optimistische Szenario in seiner Anfangsphase mit Frust, Unlust und anderen Widrigkeiten auf.

Streit, Geschrei und Chaos sind auch Teil des optimistischen Szenarios. Es ist ganz normal, wenn Sie mal kurz ausflippen müssen, weil Ihr Junior die Matheaufgabe mit dem Taschenrechner erledigt hat, lieber unter dem Tisch liegt oder schon nach fünf Minuten fertig sein will. Auch wer bisher nur gestrandet ist, beim Versuch alles gut durchzuplanen, darf hoffen. Wichtig ist nur, dass alle wieder runterkommen und sich nicht mit Selbstvorwürfen peinigen à la „Alles falsch gemacht“. Es muss nicht bullerbümäßig, familienidyllisch und konfliktfrei gelernt werden. Es holpert, es kracht und dann beruhigen sich alle wieder. Dann sind eben Abstriche nötig. Ein Gefühl dafür zu bekommen, wann man nachzugeben, wann konsequent zu sein hat, ist die feine Gratwanderung, die wir als Eltern nun mehr als sonst hinbekommen müssen.

Ein erstes Fazit

Und schließlich, davon bin ich überzeugt, kann aus jeder Situation auch das Positive herausgefiltert werden. Der Satz ist zurzeit stark strapaziert, aber das macht ihn nicht weniger wahr. Wir verbringen mehr Zeit mit unseren Kindern. Wir sehen, was für Schlawiner unsere Kinder sind, was uns möglicherweise zu einer realistischeren Einschätzung oder einer neuen Sichtweise verhilft. Wir sehen, wie die Lehrer unserer Kinder mit ihnen kommunizieren, wie sie sich bemühen, die Zeit gut zu überbrücken und Hilfestellung anbieten. Wir setzten uns stärker mit dem auseinander, was die Kinder tagtäglich in der Schule leisten müssen. Klassen-Whats-App-Gruppen sind auf einmal doch nützlich und schließen die Lücken, wenn jemand die Inhalte von Mebis nicht herunterladen konnte oder der Zugang – aus welchem Grund auch immer – nicht funktioniert hat. Man spürt die Bereitschaft zu unterstützen und Unterstützung zu erhalten.

Das beste aber wird vielleicht sein, dass sich alle, wenn das hier überstanden ist, wieder riesig auf die Schule freuen.

Zwei Wochen später haben wir uns eingegroovt. Dass vormittags lernen angesagt ist, hat sich bewährt und konnte bisher durchgehalten werden. So etwas wie Routine ist tatsächlich eingetreten. Da es keine Noten und Proben gibt, ist der Drang zur Erfüllung der schulischen Pflichten zu diesem Zeitpunkt des Experiments, abhängig vom individuellen Lerntyp, jedoch unterschiedlich. Wo die einen stoisch ihr Pensum abarbeiten (wie viel davon das Hirn erreicht, sei erst einmal dahingestellt), müssen die anderen mit größerem Aufwand bei der Stange gehalten werden. Die Nachmittage sind bei dem kalten Wetter in geschlossenen Räumen teilweise zähfließend, weil der Kontakt zu Freunden fehlt.

Es sind außergewöhnliche Zeiten. Sorgen wir dafür, dass sie uns bei aller Unsicherheit doch irgendwie in guter Erinnerung bleiben. Die Chance dazu ist jedenfalls da. Was vor einer Woche noch unklar war, zeichnet sich aber bereits ab: Schule in der Schule ist besser als Schule daheim.

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