Alles oder nichts

Warum die massiven Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Entwicklungs- und Schwellenländer auch die Industrienationen treffen

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Die desaströsen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Entwicklungs- und Schwellenländer: Einer, der sich zum Thema äußerte, war Ingmar Niemann.

„Wir besiegen die Pandemie nur weltweit oder wir bezwingen sie nicht.“ Dieser unmissverständliche Satz findet sich fett hervorgehoben im Corona-Sofortprogramm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Das Dr. Gerd Müller unterstellte Ministerium weist darin darauf hin, dass die Pandemie gleichzeitig zu einer „massiven Wirtschafts- und Finanzkrise“ führe und Afrika besonders hart betroffen sein werde.

Die Corona-Pandemie bedeutet nicht nur massive Einschnitte in den Industriestaaten, sondern schwere „Schocks“ – ein in den Medien dafür gern benutzter Begriff – vor allem für Entwicklungs- und Schwellenländer. War die Staatsverschuldung vieler Schwellenländer bereits im vergangenen Jahr sehr hoch, droht ihnen jetzt (falls noch nicht geschehen) bei extrem hohen Kapitalabflüssen der Absturz auf Ramschniveau. Nach Angaben des Kreditversicherers coface sind „Kapitalabflüsse in einem noch nie da gewesenen Ausmaß die unmittelbarste Folge der zunehmenden Unsicherheit in den Schwellenländern“. Neben astronomischen Anleihen- und Aktien-Verkäufen ausländischer Investoren mussten viele dieser Länder massive Währungsabwertungen verkraften. Dazu gesellen sich ein Anstieg der Verschuldung aufgrund rückläufiger Einnahmen (Tourismus, „Ölpreisschock“, Jobverluste etc.) und gleichzeitig steigenden Ausgaben, z.B. im Gesundheitswesen oder um die wirtschaftlichen Folgen in der Bevölkerung abzumildern. 

Besorgniserregende Nachrichten bekommt Dachser-CEO Bernhard Simon regelmäßig u.a. aus Südasien, wo der Logistiker zusammen mit dem Kinderhilfswerk terre des hommes verschiedene Entwicklungsprojekte betreibt. Eine der großen Lockdown-Folgen, neben z.B. Kindsmissbrauch oder häuslicher Gewalt, ist die erneute Zunahme von Kinderarbeit. Es sei üblich, dass Kinderarbeit parallel zu wachsender Armut, Beschäftigungslosigkeit und Einkommensverlust zunehme, heißt es in einem Bericht Mitte Juni. Kinderarbeit sei bereits in normalen Zeiten billig, in Krisenzeiten noch billiger; folglich hätte Kinder gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Am von der Indischen Regierung wegen der Schließung von Schulen und Universitäten empfohlenen Online-Unterricht können die meisten Schüler und Studenten nicht teilnehmen, da es ihnen an den erforderlichen Geräten mangelt. Eine Folge könnte sein, dass viele auch nach Öffnung der Bildungseinrichtungen nicht wieder dorthin zurück kehren werden, sondern ihre Familien durch Jobs weiterhin unterstützen müssen. 

Auch Ingmar Niemann, u.a. Hochschuldozent in Kempten, Universitätsprofessor und Politikberater, sieht im Gespräch mit dem Kreisboten dringenden Handlungsbedarf der Industrienationen. Denn ebenso klar wie der eingangs zitierte Satz des BMZ ist, dass eine massive Armuts-Migrationsbewegung in Richtung der verheißungsvollen Länder nur durch kluges Handeln abgewendet werden kann. Die G20-Staaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) wollen viel Geld bereitstellen, um einen wirtschaftlichen Kollaps der Entwicklungs- und Schwellenländer zu verhindern. Für 77 Länder sollen die Schulden für ein Jahr gestundet werden und im nächsten Schritt ein Schuldenerlass für 47 der ärmsten Staaten folgen. Niemann hofft, „dass wir aus der Krise lernen, anders mit den Schwellenländern umzugehen“ und mehr Engagement zeigen. Dabei hat er vor allem zwei Möglichkeiten im Blick: Durch touristische Maßnahmen, „weil wir auf diesem Weg viel Geld hineinbringen können“; oder durch Entwicklungshilfe, die aber „mehr Hilfe zur Selbstentwicklung sein muss, als Entwicklung für die Länder in unserem Interesse“. Vor allem müsse es für die Menschen dort eine Zukunftsperspektive geben. 

Unter anderem von Globalisierungskritikern wird gerne der Kapitalismus bzw. der „Katastrophen-Kapitalismus“ als Hindernis für die Entwicklung von armen Ländern gesehen. Niemann sieht dabei eher als Problem, „dass wir das Wort Kapitalismus heute für alles verwenden“, obwohl wir bei genauem Hinsehen gar keinen hätten. Vielmehr gebe es statt einer „Wettbewerbsfähigkeit der Länder“ weltweit Strukturen, die diese unterbinden würden. Genau das mache „die Armen ärmer und die reichen westlichen Länder reicher“. Den Grund dafür sieht Niemann in „einer dominierenden amerikanischen Interessendominanz“, die andere Länder dazu zwinge, ihre Waren und Rohstoffe günstig abzugeben, was wiederum etwas mit der Menge von Geld zu tun habe, „die um den Globus wabert“. Insbesondere die US-Notenbank habe durch das Drucken von Geld dessen Menge allein in den letzten zwölf Monaten um „sage und schreibe 30 Prozent erhöht“ und nach den Worten Niemanns eine regelrechte „Geldorgie“ veranstaltet. Die europäische Notenbank sei allerdings auch nur „etwas moderater“.

Warum Reiche reicher werden und Arme ärmer

Ein Problem stellt sich für Niemann dar, „weil reiche Menschen in der Regel Sachwerte haben, die sich aber in der Menge nicht so vergrößern ließen wie Geld. „Geld können Sie unendlich drucken, das sind meistens nur Nummern auf den Konten.“ 95 Prozent dieser Gelder seien eben nur Nummern bzw. „künstliches Geld“ und nur fünf Prozent Papierscheine und Münzen. Ärmer werden die Armen ihm zufolge deshalb, weil sie nicht so viele Sachwerte haben, „die eben nicht diesem Prozess der Geldentwertung unterliegen“. 

„Rette sich, wer kann“

Dass die Investoren ihr Geld aus den Schwellenländern abziehen und deren ohnehin schon katastrophale Situation dadurch verschärfen, ist laut Niemann nicht aufzuhalten. „Jeder Investor entscheidet für sich selbst, wo er investiert.“ Meist seien die Investitionen durch Kredite finanziert. Breche der Aktienmarkt zusammen, müssten die Verluste irgendwie wieder ausgeglichen werden. Also „ziehen viele globale Investoren aus Schwellenländern das Geld ab“, einmal um die „Löcher, die in den USA entstanden sind zu stopfen“ und weil sie wissen, dass sich viele aus den Schwellenländern zurückziehen. „Da will keiner der Letzte sein und den schlechten Kurs auffangen.“ Dieses „Rette sich, wer kann“ führe dazu, dass sich diese Währungen in einer relativ schnellen Geschwindigkeit abwerten, wodurch sich die Importe der dollarbasierten globalen Waren in diese Länder verteuern und da sie „alle in fremder Währung verschuldet sind“, müssen sie zugleich mehr Geld für die Tilgung ihrer Dollarschulden aufwenden. Das werde „einige Länder an den Rand des Ruins bringen“, was derzeit relativ deutlich bei Brasilien und der Türkei zu erleben sei. Aber auch Indien oder Südasien generell seien in Gefahr. „Die Summe der Dinge ist die Katastrophe, die sich anbahnt“, warnte Niemann vor einem Jahrzehnt, in dem ökologische Katastrophen sowieso zunähmen, sich aber jetzt auch noch die wirtschaftlichen Rahmendaten „dramatisch verschlechtern“. Die verschuldeten Länder werden seines Erachtens auf ausländische Investoren angewiesen sein, die dort mit „harter“ Währung investieren und die Gewinnoption nutzten, möglicherweise Eigentum oder Eigentumsrechte noch billiger aufzukaufen, „als sie sie vorher verkauft haben“. „Man kommt um einen Schuldenschnitt auf Dauer wohl nicht herum“, meinte Niemann zum Thema Schuldenspirale. Das gelte im Übrigen nicht nur für Schwellenländer, sondern auch für Länder innerhalb oder Eurozone oder Europas. Das bedeute allerdings für die Seite der Gläubiger, dass viele Menschen, die ein Leben lang zur Absicherung ihres Alters gespart hätten, „Verluste hinnehmen müssen“, denn irgendjemand „muss die Zeche ausgleichen“.

Leistungen angemessen vergüten

Besser wäre natürlich, dass die Länder volkswirtschaftlich auf die Beine kommen und ihre wirtschaftliche Leistung auf den globalen Märkten auch akzeptiert und „angemessen vergütet werden“, sieht Niemann „mehr Fairness im globalen Miteinander“ als Ansatz. Diese Fairness ergebe sich, wenn sich „die Welt immer stärker dynamisiert“. So sei inzwischen China der neue Wettbewerber der USA; im Hintergrund Russland, das aktuell allerdings die Chinesen als Kooperationspartner favorisiere; aber auch Länder wie Indien, das sehr gute Beziehungen zu den USA habe oder der Iran, der von seinen Beziehungen zu Russland und China profitiere. Europa sieht Niemann eher als „fünftes Rad am Wagen“. Es habe schlicht versäumt, „sich ausreichend zu positionieren“. Die Einschätzung des BMZ, dass die aktuelle Situation Afrika besonders hart treffen werde, teilt Niemann, denn „in Afrika kommen fast alle Probleme dieser Welt zusammen“. Allein das Problem der Bevölkerungsexplosion in den Subsaharagebieten inklusive West- und Zentralafrika sei „gewaltig“, u.a. wegen der Versorgung mit dem eh knapp vorhandenen Wasser sowie Nahrung. Man müsse sich jedenfalls darauf einstellen, dass Migration stattfinden werde. Den Menschen in den reichen Ländern müsse klar werden, dass sie nicht weiterhin billig die Rohstoffe und Anbauprodukte aus diesen Ländern konsumieren können, sondern einen angemessenen Preis zahlen müssen. „Dafür müssten wir auch die Weltwirtschaftsstrukturen aus meiner Sicht überarbeiten“, verbunden mit einer „Lösung vom Dollar“. Zu einem, wie der Autor selbst sagt, „paradoxen Schluss“ kommt William Easterly, Professor für Ökonomie und Afrikastudien an der New York University, in seinem bereits 2006 erschienenen Buch „Wir retten die Welt zu Tode. Für ein professionelleres Management im Kampf gegen die Armut“ (Campus Verlag), bezüglich der Planbarkeit der Märkte. Da heißt es (Kapitel 3, S.69): „Die freie Marktwirtschaft funktioniert, Versuche hingegen, freie Märkte einzuführen, schlagen nur allzuoft fehl.“ Und etwas weiter: „Märkte entwickeln sich überall, ungeplant und spontan, nach lokalen Traditionen und Bedingungen – nicht nach von außen vorgegebenen Reformen. Der freie Markt lebt von der organischen Herausbildung komplexer Institutionen und gesellschaftliche Normen, die sich dem Verständnis und dem Einfluss Außenstehender entziehen. Dennoch versuchte der Westen, Märkte nach Plan zu errichten. Selbst als sich die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens offenbarte, wogen die Interessen der Armen leider nicht schwer genug, um die Politik des Westens zu verändern. Die Planer unterschätzten die Schwierigkeit, sozial verträgliche Märkte zu erreichen. Die Wege zur freien Marktwirtschaft müssen überall in kleinen, experimentellen Schritten erforscht werden.“

Das Video zum Gespräch können Sie sich hier ansehen.

Christine Tröger

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