Nichts geht mehr

Corona reißt Schwimmer-Lücke: Viele Kinder warten auf einen Platz im Schwimmkurs

Schwimmlehrerin Steffi Strobl mit Rettungsring im Cambomare
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Steffi Strobl bringt Kindern in Kempten das Schwimmen bei.

Kempten – Steffi Strobl hat ihr Bestes gegeben: „Wir haben bis zum Lockdown unsere Kurse abgehalten und nach den Herbstferien sollte es grad so weitergehen“, sagt die Schwimmlehrerin mit den langen braunen Haaren. „Aber jetzt sitzen wir wieder auf dem Trockenen, es ist katastrophal!“ Die Bäder sind geschlossen, nichts geht mehr.

Und das läßt nicht nur die Chefin der Schwimmschule „Wasserspaß“ verzweifeln, sondern auch viele Eltern und solche Fachleute, die die Zahl der jährlich Ertrunkenen mit zunehmender Sorge beobachten.

Riesige Nachfrage

Besonders betroffen von der Gefahr zu ertrinken sind laut DLRG Kinder und junge Menschen. Bei Badeunfällen 2019 kamen 17 Kinder im Vorschulund acht im Grundschulalter im Wasser ums Leben. „Hier ist sicherlich die zurückgehende Schwimmfertigkeit bei den Kindern eine Ursache“, erklärt DLRG-Präsident Achim Haag. Insgesamt sind im vergangenen Jahr 417 Menschen ertrunken, vor allem in Badeseen und vor allem in Bayern. Hart kritisiert er in diesem Zusammenhang die sich weiter verschlechternden Rahmenbedingungen für die Schwimmausbildung. Die Zahl der geschlossenen und akut vor Schließung stehenden Bäder in Deutschland erhöhe sich stetig, betont Haag. Diese Situation ist durch die Corona-Krise weiter verschärft worden: „Von März bis September konnten wir keine Kinder unterrichten“, berichtet Strobl, selbst Mutter zweier Kleinkinder. Danach mußte die Teilnehmerzahl pro Kurs auf sechs reduziert werden, im warmen Wasser des Cambomare war ein Abstand von zwei Metern vorgeschrieben. Trotz mehrerer parallel laufender Angebote konnten Strobl und ihre Kolleginnen die enorme Nachfrage nach Anfängerkursen kaum befriedigen.

Schwimmen ist überlebenswichtig

Oberallgäuer Eltern berichten von einer Wartezeit von einem halben Jahr, manche haben die Hoffnung auf einen Schwimmkurs längst aufgegeben. „Das ist die falsche Einstellung“, meint Steffi Strobl: „Schwimmen ist überlebenswichtig!“ Das beste Alter für den ersten Kurs sei fünf Jahre, da sind sich alle Fachleute einig. Manche wie Alfred Hartmann von der „Schwimmschule Allgäu“ in Waltenhofen führen den Unterricht ausschließlich in den Sommermonaten in Freibädern durch, andere wie Steffi Strobl nur in Herbst und Winter. Hartmann befürchtet einen „weißen Jahrgang“ in puncto Schwimmfertigkeit der Kinder: „Experten erwarten heuer deutschlandweit 20.000 Fünfjährige, die wegen der Pandemie nicht Schwimmen gelernt haben – ich gehe sogar von einhunderttausend aus!“ So schwarz sieht Strobl nicht, aber auch sie schlägt Alarm: „Der Lockdown verzögert die Grundausbildung unserer kleinen Nichtschwimmer immer weiter, bis zum Beginn der Badesaison 2021 wird es also immer enger.“

Fünf Jahre – das beste Alter

Die frühere deutsche Jugendmeisterin über 800 Meter Freistil rät allen Eltern mit Kindern bis zu fünf Jahren, sooft wie möglich mit ihnen ins Wasser zu gehen und die Kleinen mit dem ungewohnten Element vertraut zu machen. Sind Schwimmflügel anfangs als Unterstützung durchaus angesagt, so die Lehrerin, so sollte man mit fortschreitendem Alter des Kindes auf Schwimmgürtel und Poolnudeln umsteigen: „Schwimmen lernt man nur mit freien Armen!“ Sobald es die Corona-Lage erlaubt, möchte Steffi Strobl wieder ins Becken gehen – hoffentlich bald, lacht sie.

Lutz Bäucker

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