Welche Möglichkeiten haben wir in der Corona-Bekämpfung außer Runterfahren und 15-Kilometer-Radius noch?

Freiwilligkeit versus totaler Shutdown

Menschen sitzen in der historischen Altstadt von Stockholm Schweden
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Während in Deutschland bereits der zweite Lockdown öffentliches und kulturelles Leben so gut wie im Keim erstickt, sind die viele Einschränkungen in Schweden freiwillig.

Seit fast einem Jahr erreichen uns täglich Neuigkeiten von Virus-Fallzahlen, Corona-Toten, Corona-Mutationen, und auch neuen Verhaltensregeln, die Covid-19 in Zaum bringen sollen. Aber auch die kritischen Stimmen gegen den Kurs der Regierung mehren sich – ein Blick in die überregionale Presse. 

Magdeburgs Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper kritisierte in seiner Pressekonferenz vom 8. Januar den Lockdown und den 15-Kilometer-Radius für Freizeitbeschäftigungen: „Die 15-Kilometer-Regel ändert nichts an der Infektions-Situation. Trotz aller Maßnahmen steigen die Werte“, sagt er. „Wir diskutieren immer Sachen, die jetzt acht Wochen nichts gebracht haben: Wir waren nicht arbeiten, nicht im Sport, nicht im Theater. Das, was wirklich passiert, passiert hinter den Wänden, wo wir keinen Einfluss nehmen können: im privaten Bereich.“

Trümper plädierte dafür, sich auf das zu konzentrieren, was man tun könne, nämlich zu verhindern, dass jemand stirbt. Die Gefahr, unter 60 Jahren an Covid-19 zu sterben, sei gering. „Die Coronafälle auf den Intensivstationen kommen zu 50 Prozent aus den Altenheimen. Wenn ich schwere Fälle und Todesfälle verhindern will, muss ich strikt dafür sorgen, dass da nichts reingetragen wird“, so Trümper. Verpflichtende Schnelltests und FFP-Maskenpflicht in Heimen sowie die Abstandsregeln sollten seiner Meinung nach die ganz besonders gefährdete Gruppe der Senioren sichern und damit auch verhindern, dass die Intensivstationen kollabieren. Die niedrigen Fall- und Todeszahlen aus Magdeburg, wo Schnelltests in Altenheimen von Anfang an eingesetzt worden seien, würden das belegen.

„Irgendwann ist die Luft raus, das ist auf Dauer keine gute Lösung“

Magdeburgs Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper zum Lockdown

Eine weitere Forderung des Oberbürgermeisters aus Magdeburg ist die Öffnung der Schulen, weil auch Krankenhauspersonal zu betreuende Kinder habe. „Natürlich muss man auch die älteren Lehrer impfen“, sagte er. Allerdings sei Infektionsgeschehen an den Schulen im Sommer nur marginal gewesen. „Einem 80-Jährigen muss man nicht raten, sich nicht 15 Kilometer von seinem Wohnort zu entfernen.“

In ein ähnliches Horn stößt der Medizinprofessor und früherer stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats der Bundesregierung Matthias Schrappe, wie er gegenüber der „Welt“ erklärt. „Dass niedrige Inzidenzen die Alten schützen könnten, hält Schrappe für ‚zu kurz gedacht. Diese Menschen können vom Lockdown gar nicht profitieren, schließlich sind sie sowieso schon eingeschlossen‘.“

Eine langfristige Strategie könne Schrappe derzeit nicht erkennen. Das neue Lockdown-Ziel von 50 Fällen pro 100.000 Einwohnern liegt für ihn jetzt im Winter in unerreichbarer Ferne.

Als „Zweites Standbein“ neben Kontaktbeschränkungen und deren Nachverfolgung müssten die besonders gefährdeten Personengruppen aus der Schusslinie genommen werden, erklärt Schrappe im Focus-Interview. Die Hälfte des Personals aus den Gesundheitsämtern müsse seiner Meinung nach ausgestattet mit Schnelltests an Schulen, Arztpraxen und Heimen direkt vor Ort für Klarheit sorgen, etwa ob Besucher von Altenheimen corona-positiv sind. Daneben spricht sich der Mediziner für Taxischeine und den Einkaufservice aus, damit gefährdete Personen nicht den Bus nehmen müssen.

»Die Zahlen sind unzuverlässig«

Dass die Corona-Maßnahmen mit unzuverlässigen Zahlen begründet werden, hält Schrappe für „schlimm“. Die offizielle Zahl der Neuinfektionen hänge davon ab, wie viel getestet wird. Und da auch viele Infektionen ohne Symptome verlaufen, könne man nie sagen, wie stark das Geschehen wirklich sei. Die Arbeitsgruppe um Schrappe schlägt zusätzliche Index-Werte vor, die auch die Testhäufigkeit und die Zahl der stationär behandelten Covid-Patienten berücksichtigen.

Schafft die Politik den Absprung?

„Wir werden es Ende Februar, Anfang März mit einer deutlich sinkenden Mortalität zu tun haben“, sagte Schrappe kürzlich gegenüber der „Welt“, „ist die Politik dann selbstkritisch und selbstreflektierend genug, dass sie trotz des weiterhin dynamischen Infektionsgeschehens sagt, das Hauptproblem haben wir gelöst, also können wir die Maßnahmen lockern‘?“

Der Münchner Kinderarzt Dr. Martin Hirte hat auf seiner Homepage Stimmen, Artikel und Reportagen gesammelt, die aktuellen Corona-Maßnahmen in ihrer Härte hinterfragen. Bekannt geworden ist er als Autor des Buches „Impfen – Pro & Contra: Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung“. Auf seiner Homepage warnt er in mehrerlei Hinsicht vor den Spätfolgen der derzeitigen Corona-Politik. Zu finden sind auch die Links zu Offenen Briefen aus der Ärzteschaft, die einen Kurswechsel fordern. Hirte hält das Vorhaben, das Coronavirus „zu besiegen“, für zum Scheitern verurteilt und wünscht sich eine Orientierung am schwedischen Weg.

Freiwilligkeit in Schweden

Einen umfangreichen Vergleich zwischen Schweden, Deutschland und Frankreich unternimmt der deutsch-französische Kultursender arte in der Reportage „Corona: Sicherheit kontra Freiheit – Deutsche, Franzosen und Schweden in der Krise“, die noch bis 7. Februar in der arte-Mediathek zu finden ist. Das Redaktionsteam betrachtet hier den Zeitraum zwischen Frühjahr und Herbst 2020 und lässt verschiedene Experten zu Wort kommen. Etwa Epidemiologe Laurent Toubiana. Er sagt, die Sterblichkeit in Schweden sei ohne Lockdown genauso hoch wie die in Frankreich, wo ein rigider Lockdown-Kurs gefahren wird (die Zahlen seien einwohnerzahl-bereinigt).

Frankreich hatte mit über 37.400 Corona-Toten eine der höchsten Todesraten in Europa. Sieben Prozent aller Todesfälle gingen dort auf das Corona-Konto. Zusätzlich ging in Frankreich das Pflegepersonal auf die Straße, weil es sich im Stich gelassen fühlte. Es herrschte ein Mangel an Krankenhausbetten, Pflegepersonal, angemessener Bezahlung.

Von dieser Aufregung sei in Schweden nicht die Rede gewesen. Obwohl gemessen an der Einwohnerzahl von Frühjahr bis Herbst in Schweden fünfmal so viele Menschen wie in Deutschland gestorben seien. Im Herbst letzten Jahres konstatierte Anders Tegnell, der mittlerweile bekannte Leiter der schwedischen Gesundheitsbehörde trotzdem: „Nach sechs Monaten sagen 80 bis 90 Prozent immer noch, dass sie uns folgen.“

In Schweden gab und gibt es keinen Lockdwon. Gesundheitsministerin Lena Hallengren argumentiert: „Wir brauchen Maßnahmen, die lange anhalten.“ Und der Staat müsse trotzdem funktionieren. In Deutschland beschloss der Bundestag im März, dass Gesundheitsminister Jens Spahn für die Dauer eines Jahres weitreichende Entscheidungen treffen darf, ohne das Parlament zu konsultieren. Und auch in Deutschland sei die Zustimmung für die hiesigen Einschränkungen laut der Reportage hoch gewesen. Zwischen Frühjahr und Herbst hätten zwei Drittel der Deutschen die Maßnahmen für angemessen erachtet. Gerhard Strate, Strafverteidiger und Mitglied des Verfassungsausschusses der Bundesrechtsanwaltskammer ist indessen beunruhigt: „Derartig massive Eingriffe in die Grundrechte, die bleiben nur erträglich, wenn sie zeitlich begrenzt sind. Im Moment wissen wir nicht, wie lange die Pandemie noch Grundlage für behördliches Eingreifen bleiben wird. Wenn wir das auf längere Dauer hinnehmen, was im Moment an Einschränkungen stattfindet, sind wir mit unserem Rechtsstaat am Ende.“

John P.A. Ioannidis, von der Stanford University in Californien, laut der Arte-Reportage einer der weltweit bekanntesten Epidemiologen, sagt dazu: „Zu Beginn waren die drakonischen Maßnahmen absolut gerechtfertigt. Man ging von 80 Prozent Infizierten aus. Unsere Daten zeigten aber schnell, dass diese Schätzungen unrealistisch waren.“

Neben der hohen Zustimmung für die Corona-Einschränkungen hätten zudem drei Viertel der Deutschen über den Sommer Unverständnis gezeigt gegenüber Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. Markus Gabriel, Philosoph der Universität Bonn, beschreibt in der Reportage eine Neigung, „Menschen, die nicht rechtsradikal, nicht verrückt sind, zu Dissidenten zu machen. Viele Menschen haben das Gefühl, dass es gefährlich ist, eine abweichende Meinung zu haben.“

Und Ulrike Guérot, Soziologin Donau-Universität Krems, sagt: „Das Spaltungspotential für die Gesellschaft ist enorm.“ Sie sorgt sich, dass sich die Gesellschaft nach Ende der Maßnahmen mit den Corona-Verlierern entsolidarisiert.

Barbo Westerholm, die älteste Parlamentarierin Schwedens, zeigt sich davon überzeugt, dass ein Lockdown in Schweden nicht verhindert hätte, dass so viele Leute in den Altersheimen sterben. Die Ursachen seien vielmehr die schlechten Bedingungen in den Seniorenheimen. Tegnell räumt ein, dass es ein Fehler war, die Älteren nicht besser zu schützen. Aber er sagt auch: „Ein Lockdown kann den Teil der Bevölkerung nicht schützen.“

Lars Trägårdh, Historiker an der Universität Ersta Sköndal in Stockholm, liefert in der Reportage die Zusammenfassung: Bürger seien keine kleinen Kinder. „Geben Sie den Bürgern einen kleinen Vertrauensvorschuss, dann haben Sie auf lange Sicht mehr Erfolg.“

Nachdem die arte-Reporter ihre Recherchen beendet hatten, hat die schwedische Regierung ihren Kurs Schritt für Schritt verschärft. Im öffentlichen Raum dürfen seit November etwa nur noch acht Personen zusammenkommen, ausgenommen davon sind Demonstrationen. Alkohol wird nach 22 Uhr nicht mehr ausgeschenkt. Seit kurz vor Weihnachten sind in Restaurants nur mehr vier Personen pro Tisch gestattet. Masken im ÖPNV zu tragen, wird von Ministerpräsident Stefan Löfven empfohlen. Seit 24. Dezember gibt es nach 20 Uhr keinen Alkohol mehr zu kaufen. Alle Museen, Bibliotheken und Schwimmbäder bleiben bis 24. Januar geschlossen. So lange gilt auch der Fernunterricht für weiterführende Schulen. Auch diese Maßnahme trat am 24. Dezember in Kraft.

Am 8. Januar hat auch der Schwedische Reichstag ein Pandemiegesetz erlassen. Damit kann die Regierung Öffnungszeiten von Fitnessstudios, Sportvereinen und Schwimmbädern sowie von Einkaufszentren begrenzen. Ladenbesitzer sollen sicherstellen, dass jeder Besucher zehn Quadratmeter Platz hat. Privaten Einschränkungen gibt das neue Gesetz vom Januar die rechtliche Grundlage. Auf Feiern sind maximal acht Personen erlaubt. Trotz dieses Pandemiegesetzes, das bis September Gültigkeit behält, braucht die Regierung immer noch die Zustimmung des Parlaments für ihre Beschlüsse.

Und harte Kontrollen habe es laut tagesschau.de bis Mitte Januar noch nicht gegeben. Und von einem Lockdown hält der Chef der Gesundheitsbehörde, Johan Carlson, nach wie vor wenig: „Geschäfte zu schließen und dann zu glauben, dass sich deutlich weniger Menschen anstecken, das ist falsch“, zitiert Tagesschau.de seine Worte in den schwedischen Abendnachrichten vom 8. Januar.

Initiative fordert: alles komplett dicht machen

Seit Mitte Januar macht nun eine Bewegung von sich reden, die das genaue Gegenteil der in Schweden praktizierten Offenheit will. Hinter dem Namen #ZeroCovid verbirgt sich die Forderung, das Land für eine zeitlang fast komplett herunterzufahren und so die Infektionszahlen auf Null zu senken. BR24 berichtet am letzten Sonntag von der Initiative aus Wis­sen­schaftlerInnen, AutorInnen und MitarbeiterInnen des Gesundheitssektors. Geschlossen werden sollten demnach auch Büros, Fabriken und Baustellen. In einer zweiten Phase gehe es darum, trotz Öffnung keine Neuansteckungen in den Regionen zuzulassen. Deshalb seien Reisebeschränkungen, Kontaktnachverfolgung und rasches Eingreifen nötig, falls neue Fälle auftauchen sollten. Zum Vorbild nimmt sich die Bewegung erfolgreiche Nationen wie Australien oder Neuseeland.

In einer dritten Phase könnten coronafreie Gebiete etwa mit Reisekorridoren untereinander verbunden werden, so die Initiative. Sie begründet die Härte der Maßnahmen mit der Geschwindigkeit, mit der das Land und somit auch die Wirtschaft wieder zur Normalität zurückkehren könne.

„Wir müssen weg von dem Schlingerkurs, bei dem die Regierungen immer erst im Nachhinein auf Vorhersehbares reagieren“, sagt Philosophin und Autorin Bini Adamczak gegenüber taz.de. Seien auch die Arbeitsstätten geschlossen, hätten die Familien zudem weniger Probleme bei der Betreuung ihrer Kinder.

Die Verfechter argumentieren auch damit, dass bei einer geringeren Verbreitung des Virus Mutationen unwahrscheinlicher seien. Mit einer Steuer auf Vermögen soll laut ZeroCovid ein großes Hilfspaket finanziert werden. Die Forderungen enthalten auch eine starke Aufrüstung im Gesundheitssektor, unter anderem die erneute Verstaatlichung von privaten Krankenhäusern.

Susanne Lüderitz

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