Ein Streich mit Folgen

Daniel Abt:"Ich habe einen Riesenfehler gemacht"

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„Hoch geflogen, tief gefallen: Der Kemptener Formel-E-Fahrer Daniel Abt hat seine Karriere vorerst an die Wand gefahren.“

Kempten – Der Kemptener Formel-E-Rennfahrer Daniel Abt gehört zu den besten Piloten Deutschlands.

Nach einem misslungenen Streich verliert er sein Cockpit bei Audi. Wie geht es jetzt für ihn weiter?Mit deutscher Flagge um den Hals und geballten Fäusten hoppst der Kemptener Daniel Abt seinem Siegerpokal entgegen. 

Die Abendsonne scheint ihm ins Gesicht. Er lächelt über beide Wangen und umarmt seine Rivalen, die er beim Formel-E-Rennen auf dem Asphalt des ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof geschlagen hat. Es ist Mai 2018 und Daniel Abt erlebt gerade den „schönsten Tag“ seiner Rennfahrerkarriere, wie er später sagen wird. Er kann sich in diesem Moment wohl kaum vorstellen, dass er in knapp zwei Jahren sein Cockpit bei Audi verlieren wird - nach einem virtuellen Rennen auf der gleichen Strecke.

Abt ist mit Benzin im Blut geboren 

Sein Großvater Johann fuhr bereits Autorennen. Er gründete in den 1960er Jahren das Kemptener Tuning-Unternehmen, das später als Auto-Veredler „Abt Sportsline“ bekannt wird. Vater Hans-Jürgen führt bis heute die Geschäfte des Unternehmens in Kempten-Leubas und mehrere Abt-Rennteams. Auch er fährt Rennen und gibt das Rennfahrer-Gen an seinen Sohn weiter.Im Alter von neun Jahren beginnt Daniel mit dem Kartsport. Er arbeitet sich bis in die höchsten internationalen Nachwuchsrennserien hoch. 2014 gehört er zu den ersten Piloten in der neugegründeten Elektrorennserie Formel E, die direkt unter der Formel 1 fährt. 

Im Jahr 2018 erlebt er seine erfolgreichste Saison und siegt am „perfekten Tag“ beim Heimrennen in Berlin.2020 kommt die Corona-Pandemie. Die Formel E verlagert ihre Wettkämpfe in den virtuellen Raum, um Fans und Sponsoren auch während dieser Zeit eine Show zu bieten. In den Rennen, die auf Nachbildungen der realen Strecken gefahren werden, geht es nicht um Punkte, Pokale oder Preisgelder. Es geht darum, Spenden für Unicef im Kampf gegen das Corona-Pandemie zu sammeln. Abt kann sich von Anfang an nicht wirklich für diese Rennen begeistern und fährt auf die hinteren Ränge. Schicksalsstrecke Ber-lin-Tempelhof.

Der 27-Jährige hat vermeintlich nichts zu verlieren und denkt sich einen Streich aus. Sein Plan: Ein professioneller Simulatorfahrer soll für ihn das virtuelle Rennen auf dem Flug-hafen-Tempelhof unter seinem Namen fahren und dabei groß auftrumpfen. Später möchte er den Scherz „mit einem lustigen Video“, wie er später sagt, auflösen. 350.000 Abonnenten hat er da bereits auf seinem Youtube-Kanal. Möglicherweise erhofft er sich, dass das Video viral geht und es noch ein paar mehr werden. Mit seinem Arbeitgeber Audi spricht er die Idee nicht durch. Doch die Konkurrenz wird während des Rennens misstrauisch: Sein Vertreter fährt verdächtig gut. Auch bei einer Video-Streamingplattform, wo während der Fahrt die Gesichter der Fahrer gezeigt werden, ist er abwesend. Nach dem Rennen löst er das Vorhaben auf - doch es ist bereits zu spät. 

In den sozialen Medien wird er wüst beschimpft, die welt-weite Presse bekommt Wind und stempelt ihn als Betrüger ab. Ihm wird von der Rennserie eine Spende nahegelegt und er übergibt am nächsten Tag 10.000 Euro an die Allgäuer Werkstätten. Kurz darauf der Schock: Audi suspendiert ihn. „Integrität, Transparenz und die konse-quente Einhaltung geltender Regeln haben für Audi oberste Priorität“, begründet Audi seine Entscheidung. Worte, die nach der Abgas-Affäre aus dem Mund des Konzerns nach purem Hohn klingen. Dennoch bleibt er für einen Tag das Gespött der Sportwelt.

„Ich bin am Boden“

„Ich habe einen Riesenfeh-ler gemacht“, sagt Abt nach der Suspendierung in einem Entschuldigungsvideo, das auf Youtube viral gehen wird. „Ich fühle mich gerade so, als wenn ich nicht tiefer fallen kann“, so der 27-Jährige. Er trägt eine Mütze tief in sein Gesicht gezogen, hat einen Kloß im Hals und feuchte Augen. „Ich bin am Boden, aber ich werde wieder aufstehen.“ Kurz darauf braucht er einen Tapetenwechsel. „Bin jetzt erstmal ein paar Tage raus“, schreibt er auf Instagram und postet ein Bild aus einem Flugzeug. Ziel: Unbekannt. Währenddessen diskutiert die Rennsportgemeinde weiter über den Vorfall. 

Ehemalige Rennfahrerkollegen und Fans solidarisieren sich mit ihm, andere halten die Suspendierung für gerechtfertigt. Wie sein Leben nach seiner Rückkehr aussehen wird - wenn sich der Sturm gelegt hat -, weiß Abt vermutlich selbst noch nicht. Der 27-Jäh-rige könnte bei einem anderen Abt-Rennteam seine Karriere fortsetzen. Doch auch in der Kemptener Politik hat er erste Schritte gewagt. Bei den Kommunalwahlen ließ er sich für die CSU aufstellen. Er landete zwar nur auf Platz 144, doch dass er es auf Platz 1 schaffen kann - das hat er bereits in einer anderen Disziplin bewiesen. 

Cian Hartung

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