Startschuss für einen Neubeginn

Das Architekturforum Allgäu beginnt mit ersten Baumaßnahmen am Reglerhaus

Gerhard Pahl, 1. Vorsitzender des Architekturforums (af) Allgäu, und Franz Schröck,
af-Geschäftsführer
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Baustart (v.l.): Gerhard Pahl, 1. Vorsitzender des Architekturforums (af) Allgäu, und Franz Schröck, af-Geschäftsführer, gehen mit Idealismus ans Werk. Freiwillige Helfer packen mit an.

Kempten – Das Reglerhaus in der Webergasse unterhalb der Burghalde in Kempten stand Jahrzehntelang leer. Seit Jahren überlegt die Stadt, was mit dem Gebäude geschehen soll. Nun stehen das Konzept und die Finanzierung fest. Das Architekturforum Allgäu macht mit Unterstützung vieler freiwilliger Helfer aus dem Reglerhaus ein „Haus der Baukultur“.

Das Konzept aus der Feder des Architekturforums Allgäu gibt es schon länger. Auch die Stadtregierung hatte sich davon bereits überzeugt gezeigt, nur war die Finanzierung bislang ungeklärt geblieben. „Wir haben gemeinsam am Kostenrahmen gefeilt und diesen auf die nötigsten Dinge reduziert“, sagt Gerhard Pahl, erster Vorsitzender des Architekturforums Allgäu, „und sind dann auf eine Größenordnung gekommen, die als machbar und möglich angesehen wurde“. Konkret heißt das: 350.000 Euro für den Umbau, wobei 150.000 Euro Eigenanteil dem Architekturforum zufallen und der Rest von der Stadt Kempten übernommen wird.

Sponsoren gesucht

Den Eigenanteil will das Architekturforum sowohl über eigene Mittel als auch durch ehrenamtliche Helfer und vor allem durch Sponsoren leisten. Zum Startschuss der Renovierung haben sich bereits 15 Helfer zusammengefunden, darunter auch der Hauptsponsor des Projekts: die Firma Baumit. Der Hersteller von Baustoffen im Bereich Dämm-, Putz-, Farb-, und Bodensysteme spendet nicht nur Baumaterialien, sondern legt auch persönlich mit Hand an. Die Baumaßnahmen sind in zwei Schritten geplant. „Erst macht man mal das Nötigste, damit das Haus bespielt werden kann mit Ausstellungen, Vorträgen und dergleichen“, erklärt der Geschäftsführer des Architekturforums, Franz Schröck, „und über die Zeit versuchen wir dann zum Endzustand zu kommen“. Die Fenster im Erdgeschoss müssen freigelegt und neu verglast werden, Holzeinbauten im Inneren abgebaut werden. Ein lichtdurchfluteter Raum soll entstehen. In der zweiten Phase müssen Wasser- und Abwasserleitungen gelegt, Heizungs- und Sanitäranlage installiert werden. Am Ende soll die Geschäftsstelle des Architekturforums ins Souterrain des Gebäudes einziehen. Das wird allerdings noch einige Zeit dauern. Bis dahin müssen die öffentlichen Toiletten auf der Burghalde benutzt werden.

Gebäude mit Geschichte

Bei den baulichen Maßnahmen solle der Charakter des Gebäudes erhalten bleiben, so Schröck. Das Reglerhaus war einst Schaltstelle des Gaswerkgeländes. Relikte von alten Leitungen befinden sich noch immer im Inneren. „Somit ist das Haus auch eine Art industrielles Denkmal“, findet Gerhard Pahl. Gepumpt wurde hier übrigens nie, auch wenn der Bau in der Bevölkerung als „Pumpenhaus“ bekannt ist. Nachdem 1986 das Gelände samt Gasometern abgeräumt worden war, wurde das Haus nur mehr provisorisch genutzt, mal als Museumsdepot der Stadt, mal als Kulissenlager des Stadttheaters. Die großen Bogenfenster des über 100 Jahre alten Gebäudes hat man irgendwann zugemauert, um dem ständigen Einschlagen der Fensterscheiben Einhalt zu gebieten. Die originalen Fensterstöcke aus dem Jahr 1914 sind jedoch erhalten geblieben, wie viele andere Details im Inneren. Ein Bau mit Geschichte, der nun Baukultur sichtbar machen soll.

Für das Bauen sensibilisieren

„Die Baukultur ist ein besonderer Ausdruck einer Gesellschaft, einer Kultur, die sich im Bauen ausdrückt“, erklärt Gerhard Pahl. So wie der Sozialismus den Plattenbau hervorgebracht habe oder feudale Gesellschaften prächtige Schlösser, so sei auch in der heutigen Zeit die Qualität des Bauens nicht per se gut, so der Ingenieur weiter. Die Gestaltung städtischer Räume beeinflusse alle. Sei die Qualität der Außengestaltung schlecht, so sei auch die Lebensqualität beeinträchtigt. Dafür wolle das Haus der Baukultur ein Bewusstsein schaffen. Das Fehlen eines solchen Bewusstseins führe oft zu sogenannten „Bausünden“. „Gerade bei kleinen Dörfern im Allgäu sind in den letzten Jahren viele Dorfkerne negativ verändert worden“, findet Pahl, die kleinteilige Dorfstruktur mit Geschäften sei durch große Konsumkomplexe am Ortsrand verdrängt worden, „dadurch gibt es natürlich auch kein Leben mehr im Dorf.“

Menschen sollen sich wohlfühlen

„Wir wollen aber durch positive Beispiele für Baukultur werben und nicht mit dem Finger auf die missratenen Dinge zeigen“, betont Franz Schröck. In Kempten seien zum Beispiel der Residenzplatz und der St. MangPlatz städtebaulich geglückt. Oft habe aber die Bevölkerung heute das Gefühl, keinen Einfluss mehr auf bauliche Gestaltung zu haben. Mit dem Haus der Baukultur könnte sich das bald ändern.

Ort der Begegnung

Preisgerichte und Ausstellungen zu geplanten Bauprojekten finden momentan verstreut in der ganzen Stadt, in Turnhallen oder im Foyer der Stadtverwaltung statt. Mit dem Haus der Baukultur gäbe es einen zentralen Ort in Kempten, an dem Diskussionen, Vorträge, Workshops und alles rund ums Bauen für die Öffentlichkeit zugänglich wäre. Schon jetzt hätte die Ausstellung zum Projekt „Burghalde beleben!“ der Fakultät für Architektur und Bauwesen der Hochschule Augsburg im Reglerhaus stattfinden sollen. Leider kam Corona dazwischen. Das Architekturforum Allgäu bleibt jedoch optimistisch: „Wir sind offen in alle Richtungen und stellen uns Kooperationen vor“, so Schröck, „wir wollen alle einladen, sich Gedanken zu machen, wie unsere gebaute Umwelt idealerweise aussehen kann“. Die Ausstellung der Hochschule Augsburg soll im April 2021 stattfinden. Auch in den Reihen der unmittelbaren Anwohner gibt es bereits Interesse an der Nutzung des Reglerhauses.

Lena Fuhrmann

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