"Das Engagement ist da"

Besonders Kinder sind im Allgäu von Armut betroffen. So lautete der Tenor einer Diskussionsrunde, zu der Staatssekretär Dr. Gerd Müller (CSU) am vergangenen Montag eingeladen hatte. Vertreter von Caritas und der Diakonie berichteten vor allem von vielen Allein erziehenden und Ausgrenzung von Kindern als große Probleme. Lob gab es an die Adresse des städtischen Jugendamtes, viele Wünsche an die Bundespolitik nahm der Staatssekretär entgegen.

„Fast 30 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, sind allein erziehend“, erklärte Klaus Hackenberg, Sozialberater beim Diakonischen Werk. Der überwiegende Teil empfange Hartz IV und es werden immer mehr. „Wir erleben viel Kinderarmut“, meinte auch Harald Thomas von der Caritas in Lindau. Der Staat unterstütze junge Familien gut, sind die Kinder aber erst einmal sechs Jahre alt, seien die Familien allein gelassen, erklärte er. Laut Hackenberg komme die letzte Kindergelderhöhung bei den Bedürftigen nicht an, weil sie an anderer Stelle gleich wieder abgezogen werde. Er lobte die Stadt, die OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) in der Runde persönlich vertrat. Der Jugendhilfeausschuss hat kürzlich beschlossen, bedürftigen Familien mit Schul- und Kindergartenkindern beim Geld für das Mittagessen unter die Arme zu greifen. Das Lob nahm Netzer gerne auf, gab aber gleich an Staatssekretär Müller weiter: „Wir übernehmen diese Aufgaben, aber das sind eigentlich Aufgaben des Bundes“. Laut Netzer sei das Problem aber nicht allein auf die Kinder beschränkt. Er berichtete von der Grundsicherung, die Senioren und psychisch kranken Erwerbslosen zu Gute kommt. Die Zahl der Empfänger von Grundsicherung in Kempten sei in den letzten fünf Jahren von 291 auf 600 gestiegen. Es gebe zum einen mehr junge Leute, die an psychischen Krankheiten leiden. Zu anderen haben das sinkende Rentenniveau und die demographische Entwicklung dazu geführt, das heute mehr Senioren ihre Rente durch die Grundsicherung aufstocken lassen müssen. Aber: „Es gibt eine hohe Dunkelziffer, vor allem im ländlichen Raum“, meinte Uwe Hardt, Geschäftsführer der Caritas Kempten-Oberallgäu. Die Scham sei ein massives Problem auch bei seinen Klienten, die über 65 Jahre alt sind, bestätigte Hackenberg. Haushalten ein Problem Ein weiteres Problem: Im Oberallgäu fehlen kleine Wohnungen für Familien, die von Hartz IV leben. Oft seien die wenigen Sozialwohnungen teurer als private Mietwohnungen, erklärte Günter Zeller, Geschäftsführer der Arge SGB II Oberallgäu. Auf einen weiteren Aspekt machte Burkhard Fliess, Leiter der Wärmestube Kempten, aufmerksam. „Der Begriff Armut ist definitionsbedürftig“, meinte er, denn viele Menschen können mit ihrem Geld nicht haushalten. Viele Besucher der Wärmestube rauchen und trinken Alkohol – eigentlich ein Luxus, so Burkhart. Die Diakonie, das Rote Kreuz und die Caritas haben Läden, in denen Bedürftige von Lebensmitteln über Kleidung bis hin zu Möbeln viele Dinge günstig einkaufen können. „Wie viel kostet dort etwa ein Anzug, wie ihn Dr. Netzer oder ich tragen“, wollte Müller konkret wissen. „Nicht mehr als zehn Euro“, versicherte ihm Fliess. Nicht in allen Punkten waren sich die Teilnehmer einig, wo Bedarf besteht. Müller etwa schwebte eine Familienkarte nach Oberstaufener Modell vor, die es auch ärmeren Familien ermöglichen soll, zum Beispiel Ski zu fahren und so am öffentlichen Leben teilzunehmen. Für Hackenberg ist es ohnehin utopisch, das Hartz-IV-Empfänger Skifahren gehen können. Netzer fehlte hier ebenso der Zusammenhang mit dem Thema Armut. Dass Kinder von ärmeren Familien nicht mit den Freunden ins Kino gehen können und bei der Klassenfahrt plötzliche „krank“ sind, sei laut Hardt problematisch. Er appellierte außerdem an Müller, sich dafür einzusetzen, dass Bedürftige nicht auf ärztliche Behandlungen verzichten müssen, weil sie sich Zuzahlungen nicht leisten können. Verena Steib vom Verein „Frauen in Not“ gab an, dass für viele Frauen der Weg von der Gewalt in die Armut führe. Positiv bewerteten die Diskutanten die Ehrenamtsstruktur im Allgäu. „Das Engagement ist da“, bestätigten Hackenberg und Thomas.

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