"Das geht mir auf den Sack"

Michael Kobr (links) und Volker Klüpfel begeistern bei ihrer Lesung auf der Freilichtbühne Altusried das Publikum. Foto: Würzner

Ein Socken fliegt ins Publikum. Der Fänger, (nicht der im Roggen) benennt eine Seite in einem der sechs Bücher, die der Werfer als Co-Autor geschrieben hat. Jetzt kommts. Der Herr aus Österreich, der behauptet, jede Zeile der Krimis des kauzigen Kommissars Kluftinger zu kennen, sagt tatsächlich den Text fehlerfrei und vollständig auf. Die vollbesetzten Ränge der Freilichtbühne Altusried toben. Sie denken an DSDS, Zirkus, Comedyshow, Kabarett? Falsch, es ist eine Autorenlesung.

Und wie könnte es anders sein, eine Fortsetzung vom Hype um Volker Klüpfel und Michael Kobr, den kometenhaft in den Literaturhimmel aufgestiegenen Allgäuer Autoren. Für Volker ist es ein Heimspiel, als Einheimischer darf er den Bürgermeister auf die Bühne bitten, begrüßt ihn mit Herri. Michael ist aus Durach, das lässt man noch gelten. Seit zehn Jahren werfen sich die beiden die Bälle in Form von Manuskripten zu und können sich offensichtlich soweit einigen über Handlungsstrang und Metaphern, dass ein Buch daraus wird. Es fing harmlos an, das Erstlingswerk war für den engeren Familienkreis gedacht. Als sich jedoch herumsprach, dass der Pfarrer, der Arzt, der Polizeichef und andere Honorationen im Dunstkreis von Altusried vom Kässpatzenliebhaber Kluftinger (der Vornamen ist geheim, NfD) auf die Mistgabel genommen werden, potenzierte sich der Leserkreis. Einen Autoren, in diesem Fall beide, zu lesen ist eine Sache. Die beiden auf der Bühne zu erleben, zänkisch wie ein altes Ehepaar, eine andere. Daran konnte sogar Gefallen finden, wer noch nie eine Zeile von „Milchgeld“ bis „Schutzpatron“ gelesen hat. Perfektes Zusammenspiel Da haben sich wirklich zwei gesucht und gefunden. Der eine liest die tschechische Übersetzung und kokettiert mit seinem Erfolg: „Die ewige Signiererei geht mir auf den Sack. Meine Unterschrift können Sie sich auch unter www.leckmichamarsch.de runterladen.“ Der andere könnte auch als Stimmenimitator sein Geld verdienen. „Meine Damen und Herren, hier spricht ihr Flugkapitän“ ist einfach nur Klasse. Ein bisschen Blasphemie wird ihnen nachgesehen, auch der Lieblingsfluch „Kreuzkruzifixsakrament“. Eine neue Symbiose ist entstanden, der Nachfolger von Schimanski und Dosenbier. Den kennt man vom Fernsehen, „Erntedank“, das zweite Buch, geschrieben 2004, ebenfalls. Wie lange es noch so weitergehen wird? Die Antwort erzeugt spitze Schreie bei den Damen im Publikum: „Kluftinger schiebt, nachdem er einen Fluch, der einem Bierkutscher alle Ehre machen würde, in Richtung Richie gebrüllt hat, in Folge 78 seinen Rollator aus dem Vernehmungszimmer“. Also schon noch ein paar Morde, trotz Hausarzt. Dem (echten) Kommissar, der die beiden zu Beginn stilecht im Polizeiauto mit Blaulicht und Martinshorn auf die Bühne gefahren und von den Handschellen befreit hatte, wurde beschieden, er könne sie nach drei Stunden wieder verhaften. Das war gut geschätzt, inklusive der Zugabe. Und die war ein Kracher. Kobr und Klüpfel wechselten die Kopfbedeckungen genauso schnell wie Dialekt samt Stimmlage in ihrem Kurzkrimi. Kenntnisse des Allgäuerischen wurden hierbei vorausgesetzt. Rosenthal hätte gesagt: „Das war Spitze!“ Damit die Besucher in Altusried wieder runterkommen, stimmt der Unterallgäuer Bauernchor das „Allgäu Lied“ auf dem Weg zum Parkplatz an. Das von St. Magnus hatten sie während der Lesung schon gesungen, das Autorenduo kniete solange auf einer Kirchenbank. Wie steht es auf dem Flyer? Mit gewöhnlichen Lesungen haben diese Veranstaltungen nicht viel gemein.

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