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Das Stadtarchiv Kempten – Teil 2

Erstellt:

Von: Dr. Willi Vachenauer

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Dr. Franz-Rasso Böck Stadtarchiv.
Stadtarchivar seit 1992 ist der Historiker Dr. Franz-Rasso Böck. © Stadtarchiv

Kempten – Das Stadtarchiv am Rathausplatz kann ohne Übertreibung als historisches Gedächtnis Kemptens bezeichnet werden. Denn in ihm sind geschichtlich bedeutsame Schrift- und Bildquellen der unterschiedlichsten Art aus sieben Jahrhunderten für die Nachwelt aufbewahrt.

Lesen Sie hier: Das Stadtarchiv Kempten - Teil 1

Akten

Im Stadtarchiv lagert ein Bestand von ca. 100.000 Akten, die sowohl das gesellschaftliche als auch wirtschaftliche Leben der früheren Stadt Kempten seit dem 16. Jahrhundert und seiner Bürger umfassen. In diesen Dokumenten finden sich Informationen über das Bau- und Siedlungswesen, die Land- und Forstwirtschaft, Gewerbekonzessionen, Handel und Verkehr, aber auch zu Heiratsgenehmigungen. Daher sind sie in sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Sicht von großer Bedeutung.

Familienbögen

Dieser Bestand beinhaltet verschiedene Familienbeschreibungen, die von 1780 bis ins Jahr 1925 reichen. Als Vorgänger der Einwohnermelde- und Standesämter dürften sie besonders für Familienforscher wichtig sein. Denn sie geben Auskunft über Familienstand und Wohnung, Beruf, sowie Zu- und Wegzug aus Kempten und sie enthalten auch besondere Informationen zu bestimmten Personen.

Stadtansichten

Das Stadtarchiv beherbergt etliche Ansichten der Stadt Kempten, die vom 16. bis hinein ins 19. Jahrhundert reichen. Diese Darstellungen gehören zur Abteilung „Graphik“, die daneben auch Holzschnitte, Zeichnungen und Karten umfassen. Diese Ansichten zeigen uns heute Bilder, wie die „Freie Reichsstadt Kempten“ mit ihren wehrhaften Türmen und Toren sowie der imposanten Stadtmauer seinerzeit ausgesehen hat. In den Ansichten sind neben den bedeutenden Bauwerken auch Straßen und Plätze namentlich ausgewiesen. Als wohl älteste Stadtansicht gilt der Holzschnitt von „Hanß Abelin und Hans Rogel“ von 1569.

Foto vom St. Mang-Turm auf Stadtsäge, Illerbrücke und Engelhalde in den 1920er Jahren. Archiv Singer
Foto vom St. Mang-Turm auf Stadtsäge, Illerbrücke und Engelhalde in den 1920er Jahren. ©  Archiv Singer

Besonders beeindruckend ist aber die Stadtansicht von „Hain und Raidel“ aus dem Jahre 1628, da sie wegen ihres Detailreichtums hervorsticht. Interessant ist auch die Stadtansicht des Jahres 1599 von „Heinrich Beusch“. Hier ist nicht nur die Stadt selber abgebildet, sondern auch das nähere Umland Kemptens, mit den Bleichen und seinen 22 Friedenssäulen, die das eigentliche Gebiet der Stadt begrenzt haben. Diese Karte ist auch im „Kempten Museum“ ausgestellt. Eine besondere Stadtansicht ist die von „Matthias Merian“ um 1634. Interessant dabei ist zum einen, dass er die Eroberung (oder besser die Befreiung) Kemptens durch schwedische Truppen beim Pulvertürmle (daher auch Schwedentürmle genannt) im Jahre 1634 während des Dreißigjährigen Krieges zeigt. Und zum anderen, weil er in seiner Darstellung die Alpen, das „Tyrolisch Gebürg“ im Nordosten der Stadt ansiedelte. Über die Gründe für diese Besonderheit darf spekuliert werden.

Sammlung Merkt

Das Stadtarchiv beherbergt auch den umfangreichen „Nachlass Merkt“ sowie die „Sammlung Merkt“. Der frühere Bürgermeister der Stadt Kempten, Dr. Otto Merkt, geboren 1877, gestorben im Jahre 1951, lenkte als Bürgermeister die Geschicke der Stadt Kempten von 1919 bis 1942. Neben diesem politischen Amt erwarb sich Dr. Merkt als unermüdlicher Heimatforscher besondere Verdienste. Fast jedes freie Wochenende – und das unabhängig vom Wetter – begab sich Merkt mit einigen Getreuen auf die Suche nach ehemaligen Burgen, Schanzen, Galgen und Pestfriedhöfen. Zu jedem dieser Objekte legte er einen eigenen Akt an, in dem er den jeweiligen Text und die wichtigsten geschichtlichen Daten festhielt, die dann auf den entsprechenden Gedenksteinen bzw. -tafeln zu lesen sind. Die meisten dieser Merkt´schen Gedenksteine, die wir heute noch in der Stadt und im Umland sehen können und die an die interessante Geschichte Kemptens erinnern, gehen auf ihn zurück. Insgesamt verdanken wir ihm über 800 Gedenksteine und 1.300 Gedenktafeln, wovon er die allermeisten aus seiner Tasche finanziert haben dürfte. Merkt kümmerte sich auch um die Allgäuer Mundart. Dafür hat er in insgesamt zwölf Karteikästen nach wissenschaftlichen Kriterien die Eigenart der Allgäuer Sprache dargestellt und damit der Nachwelt hinterlassen.

 Bürgermeister Dr. Otto Merkt aufgenommen 1934 Stadtarchiv
Bürgermeister Dr. Otto Merkt aufgenommen 1934. © Stadtarchiv

Sammlung Weitnauer

Dem ehemaligen Bezirksheimatpfleger von Schwaben, Dr. Dr. Alfred Weitnauer, geboren 1. Februar 1905 in Kempten, in der damaligen Reichsstraße beim St. Mang-Platz, gestorben am 3. Juni 1974 in Obergünzburg, verdanken wir in Kempten eine vielfältige historische Sammlung. Auf ihn gehen viele Beiträge zurück, die sich mit der Geschichte Kemptens, des Allgäus und seiner bedeutenden Familien befassen.

Der von ihm im Jahre 1935 gegründete Verlag für Heimatpflege veröffentlichte an die achtzig Werke aus seiner Feder, darunter auch die Abhandlung über „Alte Allgäuer Geschlechter“. Seine Bücher dürften es auf eine große Gesamtauflage gebracht haben.

Als einen seiner literarischen Höhepunkte kann man ohne Übertreibung die von ihm verfasste „Allgäuer Chronik“ bezeichnen. In drei Textbänden und einem umfangreichen Bildband (den Registerband bearbeitete Else Fröschler), stellte er in chronologischer Form die Geschichte des Allgäus ausführlich dar. Dieses Werk gilt auch heute noch wegen seines umfassenden Charakters als ein wichtiges Nachschlagewerk für jeden, der sich mit historischen Prozessen Kemptens und des Allgäus beschäftigen möchte.

Erwähnt werden muss auch die riesige Fotosammlung im Stadtarchiv, deren Bilder meistens von Weitnauer selbst stammen und die er zur Geschichte Kemptens und des Allgäus zusammengetragen hat. Da Geschichte besonders durch Visualisierung beeindruckt, bilden diese Aufnahmen einen wesentlichen Beitrag zur jüngeren Vergangenheit.

Kemptener Zeitungen

Bedeutsam ist auch die lückenlos vorhandene Sammlung der verschiedenen Zeitungen. Sie beginnt mit den „Neuesten Weltbegebenheiten“ von 1784, geht weiter zur Kemptener Zeitung aus dem 19. Jahrhundert und umfasst auch die heutigen Zeitungsbestände.

Neueste Weltbegebenheiten von 1784
Neueste Weltbegebenheiten von 1784 Stadtarchiv.jpg © Stadtarchiv

Dieses Zeitungsmaterial bietet dem interessierten Besucher nicht nur die Möglichkeit, die gängigen Neuigkeiten aus der Kemptener Gegend zur damaligen Zeit zu erfahren. Es gewährt auch einen Blick auf die politische Sichtweise der damaligen Zeit.

Interessant ist auch der entsprechende Anzeigenteil in diesen Zeitungen. Aus ihm kann man sowohl Informationen der seinerzeitigen Geschäftswelt als auch des sozialen Lebens in Kempten entnehmen.

Fotografien und alte Postkarten

Das Stadtarchiv verfügt über einen großen Bestand in Form von historisch bedeutsamen Fotografien. Dieses visuell bedeutende Archivmaterial umfasst mehrere zehntausend Ablichtungen, meist in Form von Fotografien in Papierform, wovon der überwiegende Teil nach Themengebieten geordnet ist. Die fotografischen Bestände umfassen aber auch eine große Anzahl von Negativen auf Glasplatten. Da die frühesten Ablichtungen aus der Zeit um das Jahr 1870 stammen, bieten diese Ablichtungen für historisch interessierte Zeitgenossen einen interessanten Blick auf die städtische Epoche dieser Zeit.

Postkarte mit Bild vom 1. Jägerbataillon in Kempten aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg Archiv Schmidt
Postkarte mit Bild vom 1. Jägerbataillon in Kempten aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. © Archiv Schmidt

Umfangreich ist auch die Zahl der alten Postkarten zu verschiedenen Themengebieten, die uns ebenfalls einen Blick auf Kempten aus früheren Tagen ermöglichen. Postkarten dieser Art stehen übrigens in Sammlerkreisen hoch im Kurs.

Zu den Besonderheiten des Stadtarchivs zählt ein aufwändig gestaltetes Fotoalbum, das die Stadt Kempten eigens zum 25-jährigen Dienstjubiläum von Bürgermeister Adolf Horchler im Jahre 1906 erstellen ließ. Horchler, der in der Zeit von 1881 bis 1919 als Stadtoberhaupt die Geschicke der Stadt leitete, konnte auf die längste Dienstzeit aller Bürgermeister der Stadt zurückblicken.

Personalact von Adolf Horchler
Personalact von Adolf Horchler © Quelle: Stadtarchiv

Die Stadtarchivare

Die ersten Hinweise auf die heute so genannten Stadtarchivare finden sich in einem alten Werk zur Kemptener Geschichte. Darin sind sie noch als Stadtschreiber und Kanzleiverwalter, aber nicht als Stadtarchivare genannt. Dies kann als Beleg dafür gelten, dass die Stadtschreiber in früheren Zeiten im Regelfall neben ihrer Schreibtätigkeit auch noch als Verwalter in der städtischen Kanzlei wirkten und damit auch für die Archivierung des anfallenden Akten- und Dokumentenmaterials zuständig waren.

Von diesen Personen, von denen wir bei den älteren Stadtschreibern keine chronologischen Daten finden, sollen einige genannt werden. Als erster Name taucht ein „Walter der Brunnenmeister“ auf, ihm folgt ein Joseph Schutten.

Stadtschreiber und Kanzleiverwalter, die von der Stadtobrigkeit dieses Amt übertragen bekamen, mussten honorige Personen sein, da sie ja wichtige Aufgaben erfüllten. Es gab aber in der Person von Joseph Schutten eine Ausnahme. Ihn hat man wegen großer Verbrechen, die leider nicht näher genannt sind, zum Tod durch den Strang verurteilt. Gnadenhalber hat ihn dann die städtische Gerichtsbarkeit im Jahr 1471 im städtischen Hospital einmauern lassen, wo er dann langsam und qualvoll gestorben ist. Die Liste der Stadtschreiber wird fortgeführt von Hans Schreiber, Hans Sonntag, Lorenz Schmid und Konrad Schneider. Ihm folgt dann der bekannte Magister Bartholomäus Holdenried oder Bartholomeus Holdenriedt, über den wir mehr Einzelheiten wissen. Holdenried wurde 1525 geboren, starb im Jahre 1599 und verfasste die schon erwähnte städtische Chronik für die Jahre 1543 bis 1599. In seiner Eigenschaft als Stadtschreiber und Archivar zwischen 1554 und 1599 verfertigte er auch nachträglich angefertigte Kopien verschiedener Zunftsatzungen aus früheren Jahren.

Nach Holdenried kamen folgende Personen in dieses Amt: Dr. Friedrich Pregler, Zimprecht Sattler, der im Archiv bzw. in der Registratur ungefähr 40 Jahre tätig war. Ihm folgten: Josaphat Weinlein, Dr. Wolfgang Jacob Sattler, Notar Chrysotomus Esser; Jacob Fischer, Johannes Fischer, Notar Theodor Andreas Faulhaber und Daniel Friedrich Bolz. Nach dieser alten Quelle zeichneten sich Magister Holdenried und Jacob Fischer besonders „vorteilhaft aus“. Ebenso wird Faulhaber besonders hervorgehoben und das, obwohl „dieser Mann keine Akademie besucht hat, so hat derselbe durch eigenen Fleiß und Erfahrung sich dennoch solche Kenntnisse erworben, die man sonst nur von Rechtsgelehrten erwarten konnte. Im Jahr 1789 den 29. März feierte derselbe sein Amtsjubiläum“. Theodor Andreas Faulhaber (1708 – 1805) übte das Amt des Stadtschreibers, Registrators, Kanzleiverwalters und Archivars in der Zeit von 1748 bis 1798 aus. In den Jahren zwischen 1812 und 1819, in der Phase historisch bedeutender Veränderung durch Säkularisation und Mediatisierung, folgte der gebürtige Kemptner Joseph Mechel (1788 oder 1789 – 1859) in dieses Amt. Danach verwalteten die Depotregistratur bis 1828 ein Herr Segin und dann ein Herr Lorenz. Nach einer längeren Unterbrechungszeit übte der Archivar Otto Konrad Rieder ab 1882 dieses Amt aus. Ihm folgte Friedrich Dobel (1819 – 1891). Danach kam Willy Kaiser (1890 – 1969) im Jahre 1919 auf diese Stelle, der die Aufgabe hatte, den Umzug ins Neubronner Haus zu organisieren. Offensichtlich kam er mit den daraus entstehenden Anforderung aber nicht zurecht und musste schon nach einjähriger Arbeit Platz für seinen Nachfolger in Person von Friedrich Heinrich Hacker (1880 – 1950) machen, der dann den Umzug ins neue Archivgebäude nach seinem Amtsantritt im November 1920 vollzog. Hacker übte dieses Amt ab 1920 bis 1947 aus. Hacker, der auch ab 1916 als Geistlicher Rat in der Altkatholischen Gemeinde Kempten wirkte, leitete ab 1918 die Vereinsbücherei des Historischen Verein Kemptens, dem Vorgänger des heutigen Heimatverein Kempten.

Im Jahre 1920 übernahm er die Leitung der Kemptener Stadtbibliothek, die seinerzeit noch im Stadtsteueramt in der Kemptener Salzstraße untergebracht war.

Ein Stadtratsbeschluss vom 19.11.1920 übertrug ihm die weitgehend ehrenamtliche Leitung des Kemptener Stadtarchivs. Damit verbunden war eine freie Dienstwohnung im zweiten Stock des Archivgebäudes und eine Aufwandsentschädigung von 100 Reichsmark pro Monat. Hacker war ein Bekannter des Kemptener Bürgermeisters Dr. Otto Merkt, mit dem er auch die Passion zur Heimatforschung teilte. Auch die Tätigkeit in der altkatholischen Gemeinde, der auch Dr. Merkt angehörte, verband diese beiden Männer.

Auf Hacker folgte Friedrich Zollhöfer, (1897 – 1975), der das Amt des Stadtarchivars von 1947 bis 1969 ausübte.

Sein Nachfolger war Dr. Wolfgang Haberl (1927 – 2012). Er leitete das Kemptener Stadtarchiv 23 Jahre lang. Unterstützung fand er dabei von mehreren Mitarbeitern, u.a. von Hans Flach, Mitarbeiter in der Restaurierungswerkstatt, von Franz Leister und dem Sachbearbeiter Roland Riedel.

Dr. Wolfgang Haberl folgte Friedrich Zollhöfer ins Amt des Stadtarchivars.
Dr. Wolfgang Haberl folgte Friedrich Zollhöfer ins Amt des Stadtarchivars. © Stadtarchiv

Seit 1992 leitet der Historiker Dr. Franz-Rasso Böck, geboren 1957 in Pfronten, das Kemptener Stadtarchiv. Dr. Böck, der die zeitgemäße DV-Ausstattung initiierte, wird in seiner Arbeit als Kemptener Stadtarchivar von mehreren Personen unterstützt.

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