Abenteuerliche Kulturgut-Rettung 

Das Leben(swerk) des Kemptener Kunstmalers Franz Weiß wurde per Zufall geborgen 

am 1. Juni, jährte sich der Todestag des Kemptener Kunstmalers Franz Weiß zum
40. Mal.
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Am 1. Juni jährt sich der Todestag des Kemptener Kunstmalers Franz Weiß zum 40. Mal.

Kempten – Es hat(te) eine bewegte Geschichte, dieses sogenannte ‚Haus Bavaria’ an der Ecke Bodmanstraße/ Adenauerring, die nicht nur das architekturforum allgäu in seiner Publikation ‚randnotiz.28’ aufgreift. Auch der Gestaltungsbeirat der Stadt Kempten hatte sich vehement für den Erhalt des zugunsten eines Neubaus inzwischen dem Erdboden gleichgemachten markanten Gebäudes eingesetzt. Nach Nutzungen als Wirtshaus und später als Kindergarten, lebte und wirkte dort der weit über Kemptens Grenzen hinaus bekannte Kunstmaler Franz Weiß, der es 1959 erworben hatte. Und eben dieser am 1. Juni 1981 verstorbene und besonders Kempten mit seinem Schaffen prägende Künstler sollte sich mit dem Fall des Hauses nochmals so richtig in Erinnerung bringen – wenn auch eher zufällig.

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Als langjährige Eigentümerin war die Witwe von Franz Weiß wenig pfleglich mit dem „Kulturerbe“, wie es in besagter randnotiz heißt, umgegangen und das Gebäude war unübersehbar zunehmend dem Verfall preisgegeben. Nach ihrem Tod im Juni 2018 wurde das Haus von den Erben öffentlich zum Kauf angeboten. Einige Kemptener bedauern, dass nicht die Stadt zugegriffen hat, sondern ein privater Investor, der das – von fachlicher Seite bestätigt – teilweise schwer marode Gebäude durch einen Neubau ersetzt. Viel interessanter aber war (und ist) das Innenleben des alten Gemäuers – zumindest für den Kemptener Künstler Guido Weggenmann, der nicht nur durch die Kunstkaden an der Königstraße einen Namen in der Szene hat. Ihn verbindet eine abenteuerliche Geschichte mit den einstigen Weiß’schen Räumlichkeiten. 

Zunächst war es das von Franz Weiß gezeichnete Wahlplakat in einem Antiquitätenhandel, das den Kemptener Künstler Guido Weggenmann in Berührung mit dem Nachlass brachte.

Zufall oder Fügung?

Angefangen hat es Ende letzten Jahres in Sonthofen und zwar bei einem An- tiquitätenhändler, in dessen Schaufenster Guido Weggen- mann ein Wahlplakat entdeckte, gezeichnet von Franz Weiß. Nachdem er es erworben hatte, habe ihn ein anderer Antiquitätenhändler, der den Kauf beobachtet hatte, angesprochen, er habe noch mehr Arbeiten des Künstlers. In dessen Laden fand Weggenmann ein erkleckliches Konvolut an Weiß-Arbeiten vor. Da es sich bei Franz Weiß um „einen der wichtigen Bürger Kemptens“ handelt, hat er das Kemptener Kulturamt über seine Entdeckung informiert, das sich daraufhin einen Teil des Konvoluts gesichert hat.

Entwurf des tanzenden Paares zur ersten Allgäuer Festwoche nach dem Krieg ...
... ein Motiv, das Franz Weiß als Festwochenplakat immer wieder variierte.

Wie auf viele andere Kemptener, übte aber auch das zum Abriss freigegebene ‚Haus Bavaria‘ Anziehungskraft auf Weggenmann aus, wenn zunächst auch nur, um noch vor dem Abriss Details des Verfalls fotografisch zu dokumentieren, wie er im Gespräch mit dem Kreisboten erzählt. Das sei im Sommer 2020 gewesen. Und wie es der Zufall wollte, „war der Hausbesitzer gerade da“, der beim Räumen gewesen sei. Dieser habe ihm nicht nur die Erlaubnis erteilt sich im Haus umzusehen, sondern auch mit- zunehmen, was er finde. In den ehemaligen Wohnräumen in der ersten Etage war es eine knallorangefarbene Wandlampe aus den 1970er Jahren, die ihm ins Auge gestochen ist (sie hat bereits ihren Platz in Weggenmanns Atelier gefunden).

Aber noch immer völlig überwältigt erzählt er davon, wie er das wohl seit dem Tod des Malers unangetastete Atelier und das angrenzende Materiallager mit raumhohen Regalwänden entdeckte. Dabei bedeutet „unangetastet“ auch, dass alles unter einer dicken Staub- und in einigen Bereichen auch einer dicken Schicht aus Schimmel, der „wie Haare aus der Wand gewachsen ist“, konserviert war. „Da waren Pigmentfarben aus den 1920er und 30er Jahren“, Kreidegrund, große Fünf-Kilo-Farbdosen, riesige Staffeleien, bereits grundierte Leinwände und Pinsel, die Weggenmann ebenfalls den 1920er Jahren zuordnet, denn seither „wickelt man keine Pinsel mehr in Seidenpapier“. Die Sachen „hat seit seinem Tod sicher keiner mehr in der Hand gehabt“, ist Weggenmann überzeugt.

Einige „Schätze“ werden im Chaos sicher verloren gegangen sein.

Ein Leben unter Staub

Im Atelier seien bergeweise Arbeiten des Malers gelegen, von denen einige allerdings total verschimmelt gewesen seien, viele aber in einwandfreiem Zustand, darunter Plakatentwürfe zur Allgäuer Festwoche, die er viele Jahre lang als Gesamtwerk gestaltet hat und für die er zum Start im Jahr 1949 als Markenzeichen das tanzende Paar schuf, das er in abgewandelter Form Jahr für Jahr erneut einsetzte; oder der Originalentwurf, mit dem Allgäuer Brauhaus seither für sein Büble-Bier wirbt; Werbegrafiken für Edelweiß u.a.m.; dazu kartonweise Skizzen, Reliefbilder ... private Fotos (nicht alle jugendfrei) und auch verschiedenste Korrespondenzen, meist fein säuberlich auf der Schreibmaschine getippt. In einem Schreiben vom 27. Juni 1959 beispielsweise beklagt sich ein enttäuschter Franz Weiß beim damaligen Kemptener Oberbürgermeister August Fischer darüber, dass er den Auftrag für das Mosaik-Wasserbecken am Zumsteintor nicht bekommen hatte, sondern Heinz Schubert. Wie er Fischer wissen lässt, „ist der Existenzkampf eines Künstlers mehr als tragisch. Wie lange braucht er bis er anerkannt wird. Wie oft muss er seinen Stil umstellen, um Aufträge zu haben, seit auch die Kunst modisch wurde. Wie wird er kritisiert oberflächlich und unverstanden vom Laien und von der Presse. Wenn er dann älter wird und nicht gute Freunde hat die zu ihm halten, wird er langsam ausradiert.“ Auch habe er sich trotz mancher verlockender Angebote der Stadt Kempten verschrieben, obwohl es manche nicht verstehen konnten. Und weiter: „Ich habe in der schweren Zeit dem Allgäuer Menschen in Form von Festen und Umzügen Freude gespendet, damit diese wissen, dass es noch wert ist zu leben“, während seine „Widersacher“ ihre Geschäfte nach außerhalb verlegt hätten und ihm danach auch noch neidig gewesen seien. Wie Dr. Willi Vachenauer in seinem zweiteiligen Artikel über Leben, Werk und Wirken des gebürtigen Münchners Franz Weiß („Heute fast vergessen – Franz Weiß“ im Kreisboten vom 12. Februar Teil 1 und 11. März 2020 Teil 2) schreibt, hatte Weiß nach dem Zweiten Weltkrieg 1947 für die Menschen den ersten Rosenmontagsball im Kornhaus mit viel Engagement organisiert sowie den Stadtnikolaus und das Stadtchristkind initiiert und organisiert. Entsprechend groß ist Weiß’ Enttäuschung in seinem Brief an OB Fischer, in dem es weiter heißt: „Dass die ersten Fresken im Allgäu für ein Butterbrot gemacht werden mussten, um den schwerfälligen Allgäuer überhaupt zu gewinnen, das nur nebenbei. Als Dank muss ich jetzt erleben, wie man mit System meine Person ausschalten will und erschütternder- weise unterstützen Sie das.“ Geradezu „kränkend“ empfindet Weiß „die Lösung, jeden Auftrag in Form eines sogenannten Wettbewerbes zu vergeben, um dann Freiheit zu haben bei der Vergabe und nach Aussen den Anstand zu wahren“.

„Milchmädchen“ – ob sie jemals im Milchzelt der Festwoche ein- gesetzt wurden?

Mitläufer oder Überzeugungstäter?

Weggenmann bedauert, dass das Haus verloren ist. Mindestens „das Atelier hätte ich erhalten“, sagte er. Wie auch das untere Treppenhaus habe es noch nicht so schlimm ausgesehen. Je weiter er nach oben gegangen sei, umso schlimmer sei der Zustand des Gebäudes gewesen. Zu den oberen Geschossen sei kein Zugang mehr gewesen, da Teile der Decke und der Treppe weggebrochen seien. Trotzdem sei von dem riesigen Haus der größte Teil noch ganz okay gewesen. Weggenmann hätte es gut gefunden, im Erdgeschoss vielleicht ein Café einzurichten und das Atelier als Museum zu gestalten. Nicht nur, weil „Kempten und das ganze Allgäu voll ist von Weiß-Werken“ und es zum besseren Verständnis seines Schaffens eine Dokumentation brauche. Vor allem aber wegen der Nazivergangenheit des Malers, der jung in die Partei eingetreten sei, zwischen 1939 und 1944 an der nationalsozialistischen Großen Deutschen Kunstausstellung teilgenommen habe und dabei Werke u.a. nach Obersalzberg an Adolf Hitler verkauft habe. Noch vor Kriegsende sei Weiß wieder aus der Partei ausgetreten. War er ein Mitläufer oder ein Überzeugungstäter? Weggenmann weiß es nicht, hätte aber den ehemaligen Wohn- und Schaffensort des Künstlers „ideal gefunden, um die Geschichte aufzuarbeiten“.

Umstritten ist Weiß wegen seiner mehrmaligen Teilnahme an der „Grossen Deutschen Kunstausstellung“ und Bildverkäufen an u.a. Hitler.

Bei aller Begeisterung über das, was er unerwartet in dem Gebäude vorgefunden hat, räumt er ein, „es hat auch etwas Bedrückendes in so einen Raum zu kommen“, in dieses Atelier, in dem der Künstler gearbeitet habe; „und dann dieser Dreck und Schimmel und dass es niemanden mehr interessiert“.

Rettungsaktion II

Auch den Architekten Franz Schröck, Geschäftsführer architekturforum allgäu, hat das verfallene Gebäude zur Dokumentation inspiriert. Ende Januar hatte er sich dorthin auf Motivsuche begeben und ein offenes Haus vorgefunden. Da er es ohne Genehmigung des Eigentümers nicht betreten wollte, hatte er zumindest einen Blick durch die Tür und Fenster geworfen und weiteren Handlungsbedarf in puncto Kulturgutrettung festgestellt. Guido Weggenmann hatte ja nur einen Bruchteil der Fundstücke mitgenommen – der Rest war offenbar einfach von oben ins Erdgeschoss geworfen worden, um entsorgt zu werden.

Ein ausgelebtes Künstlerleben, ein Lebenswerk – unbeachtet, zurückgelassen ...
... verlöschend, zerbrochen.

Der Hauseigentümer wollte aber niemanden mehr in das einsturzgefährdete Haus lassen und verwies darauf, dass eine professionelle Entrümpelungsfirma bereits alles in die Hand genommen hätte. Am ersten Tag der Abbrucharbeiten konnte Schröck wenigstens noch einen ganzen Schwung gut erhaltener bis restaurierungsbedürftiger Werke von Franz Weiß aus dem Eingangsbereich und dem Bauschutt-Container retten.

Guido Weggenmann ist begeistert von den Zeichenblättern, die unter seinen Fundstücken sind.

„Aus meiner Sicht sind seine Arbeiten von herausragender handwerklicher Qualität, vor allem seine ‚Kunst-am-Bau- Werke‘ sind hervorzuheben“, sagt Schröck, bei dessen Aktion viele Fassaden- und Innenraum-Gestaltungsentwürfe zutage getreten waren. Dies betreffe auch die Skizzen seiner mannigfaltigen Bühnenbild-Entwürfe. „Was Maß, Proportion und eingesetzte Technik betrifft“, würden seine Werke von großer Könnerschaft zeugen. „Auch die diversen Plakatentwürfe (nicht nur für die Festwoche, sondern z. B. auch für das Allgäu als Ausflugsziel) könnten sich viele Grafiker unserer Zeit zum Vorbild nehmen. Nicht zu vergessen, sein umfangreiches Wirken (in unserer Zeit würde man sagen: CI-prägendes Wirken) für die Schuh-Firma Salamander ist mittels der Fundsachen dokumentiert“, so Schröck.

Wünschenswert wäre seines Erachtens „eine kunsthistorische Aufarbeitung seines Lebenslaufes und überregional bedeutsamen Lebenswerkes, verbunden mit einer entsprechenden Publikation und Ausstellung“.

Übrigens wurden alle Fundstücke aus Rettungsaktion II über den Heimatverein an die Stadt Kempten übergeben.

Christine Tröger

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