"Das Opfer entwürdigt"

Von „krasser Selbstsucht des Angeklagten“, „eiskalter Vorgehensweise“ und „besonderer Schwere der Schuld“ sprach am vergangenen Mittwochnachmittag der vorsitzende Richter am Landgericht Kempten, als er das Urteil gegen den unter Mordanklage stehenden Michael K. begründete. Das Gericht verurteilte den 28-jährigen Füssener zu lebenslanger Haft. Die Strafkammer, bestehend aus drei Richtern und zwei Schöffen, zog K. für seine Tat damit in vollem Maße zur Verantwortung, mildernde Umstände sahen sie nicht. Der ehemalige Zeitsoldat war angeklagt, im August vergangenen Jahres seine Freundin Sulanee G. erwürgt, dann ihren Leichnam zerstückelt und im Wald versteckt zu haben.

„Ich musste noch diskutieren, ächz“, soll Sulanee G. am Abend des 16. August vergangenen Jahres ihren Bekannten im Internet-Spiel „World of Warcraft“ per Chat übermittelt haben, nachdem sie einige Minuten nicht am Computer war. Später am Abend, ab etwa dreiviertel zwölf schrieb sie wieder über 20 Minuten lang nichts, ehe sie sich schließlich ganz ausloggte. Dann brachen die letzten Minuten im Leben der 23-jährigen Frau an. Ihr Lebensgefährte soll sie laut Anklage erwürgt haben. Die Kammer war überzeugt davon, dass G. sich von ihrem Freund trennen wollte. Der hatte sich, wie der Vorsitzende ausführte, in ihr leben „eingeklinkt“. Er habe ihr Lügengeschichten aufgetischt, nur von ihrem Geld gelebt, er habe sie „von Anfang an benutzt“, erklärte er. Mit der Trennung hätte K. sowohl seine Wohnung als auch sein Einkommen verloren. Dazu kam die Eifersucht, denn G. hatte offenbar bereits eine neue Beziehung begonnen. Diese Mischung hatte der Staatsanwalt zuvor als K.’s Motive aufgezählt, aus seiner Sicht alles niedrige Beweggründe. Damit sei ein so genanntes Mordmerkmal bereits erfüllt, erklärte der Anklagevertreter in seinem Plädoyer. Ein zweites solches Merkmal sei die Heimtücke. Schon Tage vor der Tat habe K. seiner Freundin angedroht, sie umzubringen, die Tat sei also geplant gewesen. Wegen dieser besonderen Schwere der Schuld beantragte er lebenslange Haft, der Vertreter der Nebenklage schloss sich an. Zweifel an Mordabsicht K.’s Verteidiger sah jedoch einige Unklarheiten. Er zog in Zweifel, dass G. sich wirklich habe trennen wollen, sie habe das laut einer Zeugin schon zehnmal angekündigt, aber nie vollzogen. Auch habe sie sich von K.’s Todesdrohung im Streit Tage vorher offenbar nicht eingeschüchtert gefühlt. „Bei Lebenslang kann man nicht mit irgendwelchen Wahrscheinlichkeiten kommen“, meinte er. Sein Mandant habe die Tat nicht vorbereitet und hatte kein Motiv, denn, so der Verteidiger, er habe keinen Gewinn aus G.’s Tod ziehen können. Von Heimtücke und niedrigen Beweggründen wollte er nichts wissen und plädierte auf Totschlag. Entwürdigung des Opfers K. habe die Tat vielleicht nicht genau geplant, sich aber dennoch mit dem Gedanken beschäftigt, seine Freundin angesichts der Trennung zu töten, so der vorsitzende Richter. Das beweise die Todesdrohung. „Er hat ihr das Lebensrecht abgesprochen“. Auch die Kammer erkannte in der Tat Heimtücke und niedere Beweggründe. Die allein hätten aber noch nicht dazu geführt, dass sie dem Angeklagten eine besondere Schwere der Schuld anlasteten, sondern auch sein „eiskaltes Vorgehen“. K. hatte zugegeben, die Leiche seiner Freundin zwei Tage später zerstückelt und die einzelnen Teile im Wald versteckt zu haben. Warum erst zwei Tage später? Der Tag nach der Tat war ein Sonntag, erst am Montag konnte K. sich das nötige Werkzeug kaufen. Den Sonntag habe er genutzt, um stundenlang „World of Warcraft“ zu spielen, während seine Freundin tot in der Wohnung lag. Von Entwürdigung und Verhöhnung seiner ehemaligen Lebenspartnerin sprach der Vorsitzende. „Der Angeklagte hat nicht eine Frage einigermaßen konkret beantworten können“, kritisierte er. Sein Bewusstsein sei nicht durch Alkohol oder Drogen getrübt gewesen. K. habe zudem in keiner Weise dazu beigetragen, den Angeklagten Klarheit zu verschaffen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, noch kann K. Revision einlegen. Sein Verteidiger deutete jedoch an, darauf zu verzichten.

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