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»Das Patriarchat der Dinge«

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Die Autorin Rebekka Endler punktete beim Bewegten Donnerstag mit ihrem Erstlingswerk.
Die Autorin Rebekka Endler punktete beim Bewegten Donnerstag mit ihrem Erstlingswerk. © Screenshot: Brock

Kempten – Für Katharina Simon ist Rebekka Endlers Erstlingswerk „eines der genialsten feministischen Bücher der letzten Jahre“.

Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Kempten und die Kölner Autorin zogen das Publikum – 53 Leute hatten sich zur Online-Lesung zugeschaltet – an diesem „Bewegten Donnerstag“ hinein in ihr lebhaftes Gespräch.

Wer sich gefragt hatte, was es mit dem Titel der Veranstaltung auf sich hat, bekam zum Einstieg als Augenöffner eine Geschichte geliefert: Als Endler einmal in Italien, die lange Schlange vor der Frauentoilette ignorierend, die Männertoilette benutzen wollte, wurde sie von der Reinigungsfrau beschimpft und mit dem Wischmopp vertrieben. Dieses Erlebnis ist jedoch mehr als eine lustige Anekdote, mehr als „Pippifax“ (sic!), weil dahinter ein System steht. Das Toilettenthema wurde zum Aufhänger ihrer Forschungen. Dabei erfuhr sie, dass Frauen im ländlichen Indien täglich bis zu drei Stunden nach einem Ort suchen müssen, an dem sie sich sicher und ungestört erleichtern können. Endler begriff, dass unsere Umwelt von Männern für Männer gestaltet ist. Sie begann zu recherchieren und hat festgestellt, dass dazu bereits viel Wissen zusammengetragen wurde, Veränderungen jedoch auf sich warten lassen.

Wie unterschiedlich der Wert von Tätigkeiten eingeschätzt wird, je nachdem ob sie von Frauen oder Männern durchgeführt werden, hat sie in ihrer Kindheit bemerkt: Während der Vater abgeschirmt vom Kinderlärm im eigenen Zimmer lernen durfte, stand der Mutter kein Rückzugsraum zur Verfügung. Ob Nähmaschine, Mikrowelle-Kombigerät oder Bohrmaschine, sie konnte sämtliche Elektrogeräte bedienen und hat sich eine männliche Domäne angeeignet, was auch immer wieder hervorgehoben wurde. Überhaupt wurden Staubsauger und Co. damals als „Befreiung der Hausfrau“ bejubelt, wenngleich sie in der Realität nur die Erwartungen hochgeschraubt haben. Die zur „Managerin des Haushalts“ geadelte Frau griff dann nicht selten zu „Frauengold“, um mit einem Schuss Alkohol den Alltag erträglicher zu machen …

Die bei Kindern so beliebten Überraschungseier sind ein aktuelles Beispiel für geschlechtsspezifisches Marketing. Es gibt das klassische Ü-Ei und das rosarote Ü-Ei, ein Extraprodukt für Mädchen. Sie lernen dabei, dass sie nicht zur Norm gehören. Es wurde auch mal ein Laptop entwickelt, „speziell für die Bedürfnisse der Frau“, ein pastellfarbenes, mit Blumenranken verziertes, weniger leistungsfähiges Ding, ein minderwertiges Produkt. Das dahinterstehende antiquierte Rollenverständnis löste einen Aufschrei aus, worauf es schnell wieder vom Markt genommen wurde.

Endler ist überzeugt, dass „Gendermarketing Kinder in die Rosa-Hellblau-Falle“ stößt und führt dazu ein erschütterndes Beispiel an. Zwölfjährige Mädchen wurden einmal in typischen rosa Klamotten, einmal in neutrale Farben gekleidet fotografiert. Als die Betrachterinnen und Betrachter nach ihren Assoziationen zu den Bildern gefragt wurden, hielten sie die Mädchen in Rosa für weniger schlau und weniger kompetent als die in neutralen Kleidern. „Das gesellschaftliche Stigma steckt in uns allen, wir verewigen die tradierten Rollenbilder“, stellte die Autorin beinahe resigniert fest.

Dass auch die Dummys für Crash-Tests ausschließlich am männlichen Körper ausgerichtet sind und die Tests an Dummys mit männlicher Durchschnittsgröße in Standard-Sitzposition durchgeführt werden, kann für Frauen tödliche Folgen haben. Tatsächlich haben Frauen ein 47 Prozent höheres Risiko als Männer, trotz Sicherheitsgurt bei einem Autounfall schwer verletzt zu werden. Da es zu teuer ist, neue Frauen-Dummys zu entwickeln, bleiben die Überlebenschancen ungerecht verteilt. Für Endler eine erschreckende Folge des Kapitalismus.

„Was machen wir denn jetzt, was tun?“ wollte Simon wissen. Endler empfiehlt, auch über Design im kommunalen Raum zu sprechen und sich einzumischen, wenn es um die Gestaltung des öffentlichen Raumes geht. Unter dem Stichwort Smart-City wird die Digitalisierung der Stadt Kempten mit einer Fördersumme im zweistelligen Bereich vorangetrieben. Frauen sollen sich nicht mit Worthülsen zufriedengeben, vielmehr kundig machen und mitreden, denn dass Technik nicht differenziere, sei ein Trugschluss.

„Das Internet hat das Design demokratisiert, was die kapitalistische Marktwirtschaft aushebeln kann“, freute sich die Autorin und nannte beispielhaft die Entwicklung von Fußballschuhen für Frauen, die Crowdfunding ermöglicht hat. Ihr Kernanliegen fasst Endler in einem Satz zusammen: „Betrachten wir die Welt als variable Spielwiese, die wir für uns passend machen müssen!“

Die ans Gespräch der beiden Fachfrauen anschließende Diskussionsrunde fiel kurz aus. Vielleicht war das Thema, der Zusammenhang zwischen Patriarchat und Design, für viele noch neu und mussten die Tatsachen erst mal verdaut werden.

Hinweis: Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und wird einen Monat lang auf der Website: Digitales Museum I Kempten-Museum-Zumsteinhaus veröffentlicht.

Kommentar

Als frauenbewegte Aktivistin der höheren Semester durfte ich mich an diesem Bewegten Donnerstag in feministischer Gymnastik üben, d. h. mir auf die Schultern klopfen: Hat

Rebekka Endler doch neben dem eher neuen Aspekt „Design“ einige altbekannte Themen aufgegriffen, die auch meine Herzensanliegen waren und sind. Dass sie das Wort Patriarchat, bei dem manche (Männer?) schmerzhaft getroffen zusammenzucken, so selbstverständlich benutzte, hat mir Spaß gemacht. Weniger spaßig fand ich ihre bemüht „gendergerechte“ Sprechweise, dass sie den Knacklaut, der wie ein kleiner Schluckauf klingt, ertönen ließ und öfter die „Cis-Frauen“ erwähnt hat. Endlers Motiv, Frauen sprachlich sichtbar zu machen, ist aller Ehren wert und auch das meine. Dafür gibt es jedoch angenehmere Möglichkeiten, die weniger elitär und akademisch abgehoben daherkommen.

Übrigens: Dass der Mann das Maß aller Dinge ist, fiel mir bereits als Jugendliche auf, nämlich beim ersten Anblick der berühmten Zeichnung des vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci. Dieser athletische Mann mit den idealen Proportionen begegnet mir auch jedes Mal, wenn ich meine AOK-Gesundheitskarte zücke. Die Gleichung Mensch = Mann gilt offenbar immer noch. Möge Endler recht behalten, wenn sie diagnostiziert „dem Patriarchat schwimmen die Felle davon“.

Elisabeth Brock

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