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Das Stadtarchiv Kempten – Teil 1

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Von: Dr. Willi Vachenauer

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Eine Kopie des Freiheitsbriefes von König Rudolf I. aus dem Jahr 1289 Stadtarchiv Kempten Historie
Eine Kopie des Freiheitsbriefes von König Rudolf I. aus dem Jahr 1289. © Stadtarchiv/Vachenauer

Kempten – Das Stadtarchiv am Rathausplatz kann ohne Übertreibung als historisches Gedächtnis Kemptens bezeichnet werden.

Denn in ihm sind geschichtlich bedeutsame Schrift- und Bildquellen der unterschiedlichsten Art aus sieben Jahrhunderten für die Nachwelt aufbewahrt.

Es gibt viele Menschen, die sich für die Geschichte der Stadt Kempten und seiner näheren Umgebung interessieren. In den meisten Fällen finden sie Antworten auf ihre historischen Fragen in der Standardliteratur zur Geschichte der Stadt Kempten, wie z.B. in dem vor einiger Zeit in der zweiten Auflage erschienenen Werk des Verfassers „Kempten – Eine Zeitreise durch die Geschichte der Stadt“.

Wer aber darüber hinaus gehende historische Interessen hat, für den ist der Weg zum Kemptener Stadtarchiv eine hervorragende Möglichkeit, um seinen Wissensdurst zu befriedigen. Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck und seine Mitarbeiter freuen sich auf jeden Geschichtsfreund, der mit entsprechenden Problemstellungen an sie herantritt. Nach kurzer Anfrage gibt es dann entweder sofort die gewünschten Antworten oder es werden vom Archivpersonal die relevanten Unterlagen bereitgestellt, die dann im Lesesaal des Stadtarchivs durchgearbeitet werden können.

Aufgaben des Stadtarchivs

Als Archiv ist hier nicht nur ein Gebäude gemeint. Es könnte sich auch um einen Raum oder um einen Einrichtungsgegenstand, wie z.B. ein Behältnis handeln, in dem aufbewahrungswertes Archivgut in unterschiedlicher Form erhalten wird und für die Öffentlichkeit zugängig ist. Gesetzliche Grundlage für die Archivarbeit bildet das bayerische Archivgesetz vom 22.12.1989 und die Satzung der Stadt Kempten für das Stadtarchiv (Archivgebührensatzung) vom 25. März 1994. Aus diesen Bestimmungen gehen auch die näheren Aufgaben für die Archivarbeit hervor.

An erster Stelle steht dabei die Übernahme, die Pflege und die Erschließung des Verwaltungsschriftgutes, das historisch und rechtlich bedeutsam ist. Archivwürdige Materialien sind aber auch Unterlagen aus privaten Beständen, von Betrieben und Verbänden, die in irgendeiner Form geschichtliche Relevanz haben. Die vorhandenen Bestände des Archivs sind dabei ständig durch das Sammeln von stadtgeschichtlich wichtigen Unterlagen zu ergänzen und damit auf dem neuesten Stand zu halten.

Eine weitere wichtige Archivaufgabe liegt in der wissenschaftlichen Erforschung der Stadtgeschichte. Dazu gehören die Bereitstellung von entsprechendem Archivmaterial für die Heimatforschung und die Beratung zu Forschungsvorhaben. Hierzu zählen vor allem eine Vielzahl von Veröffentlichungen in einschlägigen Medien, wie z.B. dem „Allgäuer Geschichtsfreund“ oder auch im „Altstadtbrief“.

Des Weiteren gehört dazu die Vermittlung von historischem Wissen an verschiedene Interessengruppen. Das sind Vortragsreihen bei unterschiedlichen Institutionen der Erwachsenenbildung sowie die Weitergabe von gewünschten Informationen an verschiedene Medien. Aber auch das Organisieren von Führungen und Ausstellungen bildet eine wichtige Aufgabe des Archivs. Hinzu kommen noch die Organisation der Archivbibliothek sowie die Beratung und Betreuung der Archivbenutzer, die unterschiedliche Ansprüche haben.

Auch in Fragen des Denkmalschutzes wird das Stadtarchiv wegen seiner historischen Expertise geschätzt. Gerade dann, wenn es um die Beurteilung stadtgeschichtlich bedeutsamer Bausubstanz geht. Dieser Aufgabenkomplex stellt hohe Ansprüche an das Fachwissen, die Flexibilität, an das Organisationstalent und die Kommunikationskompetenz des Archivleiters und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Das heutige Stadtarchiv

Das heutige Stadtarchiv befindet sich seit einem Beschluss des Kemptener Stadtrates vom 24. Oktober 1919 im Neubronner Haus am Rathausplatz. Wegen der Menge des zu archivierenden Materials und des teils schlechten baulichen Zustandes der Räume dieses Hauses kam es in den Jahren von 1977 bis 1983 zu umfassenden Erweiterungen des Archivs. Dabei wurde das Neubronner Haus, Rathausplatz Nr. 5 mit dem alten Zollamt, Rathausplatz Nr. 3, baulich verbunden und konnte am 11. Mai 1985 in nunmehr vergrößerter Form seinen Betrieb aufnehmen.

Über das Stadtarchiv gibt es umfangreiche Darstellungen, die bisher in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht worden sind. Oft sind dabei als Autoren besonders die verschiedenen Stadtarchivare aufgetreten, wie z.B. der heutige Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck, dem wir mehrere Aufsätze zu diesem Thema verdanken, die z.B. im Altstadtbrief und im Allgäuer Geschichtsfreund veröffentlicht sind.

Die Bestände des Stadtarchivs

Die umfassenden Bestände des heutigen Stadtarchivs sind in verschiedene Abteilungen unterteilt:

Historisch bedeutsame Urkunden: In der Zeit der Säkularisation und Mediatisierung ab 1802/103 kamen der gesamte Urkundenbestand der Fürstabtei Kempten und ungefähr die Hälfte der Urkunden der einstigen „Freien Reichsstadt Kempten“ nach München. Diese Archivmaterialien befinden sich heute im Staatsarchiv Augsburg und stehen dort für Forschung und interessierte Personen zur Verfügung.

Im Kemptener Stadtarchiv befinden sich heute die seinerzeit nicht fortgebrachten reichsstädtischen Urkunden, die sich auf insgesamt 1.768 Stück belaufen und den Zeitraum von 1336 bis 1802 abdecken. Davon betreffen 48 Urkunden die frühe Zeit des 14. Jahrhunderts. Aus dem 15. Jahrhundert finden sich 522 und für den Zeitraum des 16. Jahrhunderts werden 460 Urkunden im Stadtarchiv gelagert.

Für das 17. Jahrhundert gibt es nur 249 entsprechende Urkunden. Kein Wunder, denn es ist die Zeit des 30-jährigen Krieges, dessen Ereignisse sowohl das Stiftsland als auch die „Freie Reichsstadt Kempten“ hart getroffen hatte und neben unsagbarem Leid, Tod, und Zerstörungen auch Verluste an Archivmaterial mit sich brachte. Im 18. Jahrhundert steigt dann die Zahl der Urkunden wieder auf 482 Stück.

Zu den ältesten Urkunden in diesem Bestand zählt der Freiheitsbrief von König Rudolf I., vom 17. Juni des Jahres 1289.

Eine dem Original entsprechende Kopie, die sowohl den Text, als auch das dazugehörige Siegel zeigt, kehrte im Jahr 1994 nach Kempten zurück und ist heute im Lesesaal des Stadtarchivs zu sehen. Das Original befindet sich im Staatsarchiv Augsburg. Durch dieses Dokument gewährte Kaiser Rudolf von Habsburg der städtischen Bürgerschaft am 17. Juni 1289 kaiserlichen Schutz vor Übergriffen durch den Abt. Kempten ist in diesem Dokument als „Oppidum“ (= befestigte Stadt) und als „Reichsstadt“ bezeichnet. Mit diesem Status wurde sie – zumindest formalrechtlich – aus der Abhängigkeit des Stiftsherrn gelöst und dem König direkt unterstellt. Aber die Bürgerschaft erhielt ihre endgültige Freiheit erst durch den sogenannten „Großen Kauf“ am 6. Mai 1525 und Kempten konnte sich ab da eine „Freie Reichsstadt“ nennen.

Ratsprotokolle: Neben den Urkunden zählen sie zu den wichtigsten Dokumenten des Altbestandes des Kemptener Stadtarchivs. Diese Ratsprotokolle liegen in insgesamt 85 Bänden vor und umfassen die Zeit von 1517 bis 1802. Bedauerlicherweise sind sowohl der älteste Band von 1477 bis 1516 und die Bände der Jahrgänge von 1549 bis 1562, von 1581 bis 1589 und der Band von 1643 bis 1652 nicht mehr vorhanden.

Aus diesen Ratsprotokollen, die von den jeweiligen Stadtschreibern angefertigt und aufbewahrt wurden, lassen sich interessante Erkenntnisse zu sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Vorgängen sowie Informationen zum damaligen Ordnungs- und Polizeiwesen und zu kirchlich-religiösen Ereignissen gewinnen.

Städtische Chroniken: Diese Chroniken kann man durchaus als Geschichtsbücher der damaligen Zeit beschreiben. Daraus lassen sich geschichtliche Zusammenhänge erkennen, auch wenn sie im Licht der heutigen Forschung nicht immer als zuverlässig gelten.

Hier ist einmal die Chronik von Christoph Schwarz zu nennen, der 1601 bis 1615 als Prediger in Kempten wirkte. Von ihm stammt eine umfassende Chronik, die von den Anfängen von Stift und Stadt bis ins Jahr 1595 reicht und wegen ihrer umfangreichen Darstellungen auch heute noch eine geschichtlich interessante Fundquelle darstellt.

Die Chronik von Bartholomäus Holdenried oder Holdenriedt. Holdenried hatte zwischen 1554 und 1599 das Amt des Kemptener Stadtschreibers inne. Aus seiner Feder stammen neben bedeutsamen Urkunden und Dokumenten zur Kemptener Stadtgeschichte auch eine Chronik für die Zeit von 1543 bis 1599. Er hat auch das erste Bestandsverzeichnis des Kemptener Stadtarchivs erstellt. Sein Name findet sich neben anderen Namen von Magistratsmitgliedern der protestantischen „Freien Reichsstadt Kempten“ auf der größten und schwersten Glocke im Turm der St.-Mang-Kirche. Sie heißt Salve („Grüß dich!“) und wurde 1581 gegossen.

Die Glocke „Salve“ mit dem Namen des „Bartholomeo 
Holdenried“. Stadtarchiv Kempten Chronik
Die Glocke „Salve“ mit dem Namen des „Bartholomeo Holdenried“. © Vachenauer

Eine weitere Chronik stammt von Peter Gebhart. Gebhart, der aus einer alteingesessenen hiesigen Bürgerfamilie stammt, verfasste eine Chronik für die Jahre 1600 bis 1802. Neben geschichtlichen Abläufen findet man darin Kupferstiche, Landkarten und andere historisch interessante Dokumente, sowie Namenslisten der Kemptener Bürgermeister und der Fürstäbte des Stifts.

Kemptener Zunftbücher: Nach Einführung der Zunftverfassung ab den 1378er Jahren organisierten sich auch die Handwerker in Kempten in Zünften. Dieser Vorgang, bei dem es ab 1419 zur Gründung der ersten Zünfte in Kempten kam, ist neben der handwerksgeschichtlichen Bedeutung für die Stadt, auch als ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Unabhängigkeit der Stadtbürgerschaft von der Einflussnahme durch den Fürstabt zu verstehen.

Zünfte stellten äußerst komplexe soziale Gemeinschaften dar. Sie umschlossen nicht nur die Arbeitswelt der Handwerker, sondern umfassten sein gesamtes Leben vom Lehrling bis zum Meister und darüber hinaus. Gemeinsam feierte die Zunftgemeinde religiöse und weltliche Feste und die Mitgliedschaft endete im Regelfall erst mit dem Tod des Meisters. Zünfte kümmerten sich um die Ausbildung ihres Nachwuchses, überprüften die Qualität der Erzeugnisse, sorgten sich um in Not geratene Mitglieder und übernahmen in Krisenfällen wichtige Aufgaben in Kempten.

Kemptener „Rothgerber“ in typischer Kleidung. Zunft
Kemptener „Rothgerber“ in typischer Kleidung. © Ehemaliges Allgäu Museum Kempten

Seinerzeit gab es den sogenannten „Zunftzwang“. Damit durften nur Mitglieder einer Handwerkszunft ein Gewerbe in Kempten betreiben. Alle, die außerhalb der Zunft produzierten, die sogenannten „Bönhasen“, „Pfuscher“ oder „Störer“, stellten eine Konkurrenz für die organisierten Stadthandwerker dar, die ihre Arbeits- und Einkommensbasis beschnitten. Deshalb wurde dieser Personenkreis auch in Kempten von den Zünften verfolgt und mit Androhung von Strafen an der Ausübung seiner Tätigkeit gehindert.

All diese Aspekte sind in den Zunftordnungen dargestellt. Eines der ältesten Dokumente dieser Art ist „Der Schmidt Zunfft alter artickelbrieff“ aus dem Jahre 1419, von dem der Stadtschreiber Magister „Bartholomeus Holdenriedt“ am 28. Mai 1560 handschriftlich eine Kopie erstellt hat. Darin ist bestätigt, dass er dieses Dokument „abgeschrieben“ hat „von dem Rechten besigelten original“. Er gab sich darin auch folgende Amtsbezeichnung: „M(agister) Bartholomeus Holdenriedt, genannt Schmidt publicus et approbatu Notarius, der Zeitt Stattschreiber und Bürger alhie zu Kempten.“

Auch das handschriftlich verfasste Zunftstatut der Kramer zu Kempten stammt aus dem Jahre 1419. Die Kemptener Zünfte besaßen ihre eigenen Zunftherbergen, in denen sich die Handwerker nach Feierabend trafen, wo sie ihre Versammlungen abhalten und ihre Feierlichkeiten begehen konnten. Das Zunfthaus der Kemptener Schmiede stand in der Nähe des Rathauses, (heute Rathausplatz/Ecke Kronenstraße). Kennzeichnend bei diesem Haus war, dass neben dem Gemälde zwei Sprüche standen, die gerade heute noch zum Nachdenken anregen sollten. Sie lauteten: „Der soll kommen in die Welt, der tueth, was Jedermann gefällt“ und „einem jeden recht zu thon, wird sich niemand understohn“.

Zunfthaus der Schmiedezunft, aufgenommen vor 1902 Kempten
Zunfthaus der Schmiedezunft, aufgenommen vor 1902. © Archiv Singer

Das Zunfthaus der Kramer befand sich in der heutigen Gerberstraße 4, das der Weber in der Gerberstraße 24. In dieser Straße lagen auch die Zunfthäuser der Bäcker und Schuhmacher, während die „Müßiggengelzunft“ ihr Zunfthaus in der heutigen Vogtstraße hatte.

In den Zunftstuben befand sich auch in der Regel die Zunftlade, die man auch als Archiv der jeweiligen Zunft sehen kann, da sich in ihr die Satzungen und alle wichtigen Dokumente der jeweiligen Zunft befanden. Diese handschriftlich erstellten Zunftbücher, wie z.B. das Statutenbuch der Kemptener Schmiedezunft, beinhalten viele Informationen, die aus handwerks-, wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Sicht bedeutsam sind. Da in ihnen auch die Ausbildung des Handwerkernachwuchses beschrieben ist, bieten sie auch interessante pädagogische Aspekte. Heute befinden sich vor allem noch in der Gerberstraße an verschiedenen Häusern Schrifttafeln, die auf die verschiedenen Zunfthäuser verweisen.

Hier geht es weiter mit dem Stadtarchiv Kempten - Teil 2

Lesen Sie auch: Der Kemptener Schlachthof und das Metzgereihandwerk: Spannungsbeladene Geschichte

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