Teil 2 

Das Weidachschlössle:  Vom zinspflichtigen Acker des Hochmittelalters bis in die Gegenwart 

Das Weidachschlössle mit Wirtschaftsbauten und Garten.
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Das Weidachschlössle mit Wirtschaftsbauten und Garten.

Wer auf der Kemptener Rottachstraße ab Zentralfriedhof in Richtung Innenstadt unterwegs ist, kommt an einem etwas verwahrlost wirkenden Kemptener Baudenkmal vorbei. Es ist das geschichtsträchtige Weidachschlössle, das vielleicht etliche Kemptener nicht einmal mehr dem Namen nach kennen.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie.

Der dreistöckige Bau hat einen Treppenturm mit spitzem Dach, der sich auf der Westseite an das Gebäude anschmiegt, und auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich ein gotisches Treppengiebeldach. Das Schlössle steht auf einer verwilderten Wiese und wirkt ganz verloren zwischen Wohnhäusern und anderen Zweckbauten. Wegen seines traurigen Zustandes musste man bis vor kurzem glauben, dass seine Tage gezählt sind, da die Fenster zerbrochen oder mit Brettern vernagelt sind, die Fassade verblasst ist und sich vor dem Haus Schutt ansammelte. 

Mitglieder der Familie König spielten im 30-jährigen Krieg in Kempten eine besondere Rolle. Als sich am 2. August 1632 die evangelische Kemptener Bürgerschaft nach einer Abstimmung im Rat mehrheitlich dazu entschloss, die schwedischen Truppen bei der Zerstörung des katholischen Klosters vor den Toren der Stadt zu unterstützen, stimmten nur Bürgermeister Dorn, Stadtamtmann Martin Geiger und Ratsmitglied Vincenz König dagegen. Wegen ihrer ablehnenden Haltung sollen sie danach sogar von den Andersdenkenden bedroht worden sein. Kurze Zeit später traf die Familie König in diesem Krieg ein hartes Schicksal. Nach der Erstürmung der Reichsstadt Kempten durch kaiserliche Truppen im Januar 1633 verlangten die Kaiserlichen 76.000 Gulden als Kontributionszahlungen von Kempten. Da die Stadt diese nicht zahlen konnte, verschleppte man am 9. Januar 1633 eine Reihe von Kemptener Bürgern als Geiseln ins Gefängnis nach Tirol. Unter den Unglücklichen befanden sich mehrere Ratsherren, Bürgermeister Dorn sowie (bezeichnenderweise) Vincenz König und seine beiden Söhne Hans Jacob und Tobias König. Von dort kamen sie am 29. Februar wieder zurück nach Kempten. Da die Stadt Kempten aber trotz aller Bemühungen die verlangten Gelder nicht bezahlen konnte, wurden auf Anordnung des kaiserlichen Generalkommissars Ossa am 9. April 1633 in aller Frühe der alte Vincenz König sowie seine Söhne erneut als Geiseln verhaftet und zusammen mit zwei anderen Ratsmitgliedern bei großer Kälte auf einfachen Leiterkarren nach Kufstein ins Gefängnis transportiert. Dort in Gefangenschaft verstarb Hans Jacob König auch wegen der dortigen harten Bedingungen kurze Zeit später.

Nach dessen Tod ging das Weidachgut an seine beiden Kinder, die aber schon relativ früh verstarben. Es erbte ihr Neffe Vinzenz König und schließlich seine Witwe Sabine König, geborene Lauber. Aus einem Dokument vom 20. September 1725 geht hervor, dass sie das Schlössle an ihren Sohn, Hieronymus Bartholomäus König, (geboren 1663, verstorben 1735) vererbte. Um diese Zeit wurde das gesamte Anwesen mit einem Wert von 4800 Gulden veranschlagt. Hieronymus Bartholomäus König, wurde im Jahre 1726 Bürgermeister zu Kempten. Seine Ehe mit der Memmingerin Anna Barbara Albrecht blieb kinderlos. 

Daher vermachte er sein Gut im Weidach an Caspar Ade, damals noch Mitglied des Rats und dann ab 1752 bis 1759 Kemptener Bürgermeister und an seinen Neffen, Johann Georg König, von Beruf Handelsherr und nebenher noch Beisitzer des Gerichts. Schon wenige Jahre später, am 1. Juli 1738, veräußerten die beiden Erben ihr Gut im Weidach vor dem Pfeilertörle gegen eine Summe von 4700 Gulden an den Kemptener Bierbrauer und Schwanenwirt Johann Zorn (in der heutigen Bäckerstraße), der ab 1760 acht Jahre im Rat der Stadt Kempten saß. Dieser erwarb kurze Zeit nach dem Kauf im Jahre 1739 vom Kemptener Brauer und Wirt der Gastwirtschaft zum Mohren (heute St. Mang-Platz) eine Fischgrube, um gefangene Fische darin aufzubewahren, und einen Baumgarten vor dem Pfeilertörle. Aus Altersgründen übergab Zorn 1764 seine Schwanenwirtschaft und 1768 auch sein stattliches Anwesen im Weidach an seinen jüngsten Sohn Jacob. Nach dem Tode von Johann Zorn begann unter seinem Sohn Jacob die Zerschlagung des einst so ansehnlichen Grundbesitzes. 

Weidachschlössle in den 1950er Jahren.

Denn schon im Januar 1771 beantragte dieser, wahrscheinlich wegen seiner hohen finanziellen Außenstände, die Aufteilung der Grundstücke an ihn und seine Schwäger, den Papiermacher Johann Lucas Schachenmayr und an Michael Bachschmid. Interessanterweise sollte die Aufteilung durch Losentscheid erfolgen. Dabei erhielten Zorn und Schachenmayr gemeinsam das Schlösslein sowie die zugehörigen Wirtschaftsgebäude. Wegen seiner hohen Schulden forderten die Gläubiger von Jacob Zorn die Rückzahlung ihrer geliehenen Gelder. Da er aber ihren Forderungen nicht nachkommen konnte, musste er am 12. April des Jahres 1771 bei der Stadt seine Zahlungsunfähigkeit anmelden. Daraufhin hielten sich die Gläubiger nun an seine Grundstücke im Weidach. Auf einer öffentlichen Versteigerung (damals „Gant“ genannt) ersteigerte am 18. Juni 1771 der Bäckerobmann Michael Ade, ebenfalls Gerichtsbeisitzer, die Grundstücksanteile des Jacob Zorn im Weidach. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass bei der Gant Ade nur als Strohmann für den Miteigentümer Lucas Schachenmayr fungierte. Da er zuvor schon von seinem Schwiegervater Johann Zorn 1767 Grundstücke im Weidach erworben hatte wollte Schachenmayr bei der Versteigerung seines Schwagers nicht öffentlich in Erscheinung treten. Längere Zeit hören wir nun nichts mehr von eventuellen Eigentümerwechseln im Weidach. Erst 1823 tritt dann eine gewisse Anna-Barbara Pfeiffer, geborene Schachenmayr, die Witwe des Wirts der Gaststätte zu den Sieben Hansen (Gerberstraße) als Eigentümerin in Erscheinung. Sie wird nun amtlich geführt als Eignerin des „Oekonomiegutes mit Kegelbahn und Kegelhaus, Gärten und Äcker am Weidach und der Iller“. Ob die Einrichtung der Kegelbahn auf ihre Initiative zurückgeht, oder ob das Kegelhaus schon früher bestand, bleibt dabei ungewiss. 

Es ist auch möglich, dass sie dann den Kegelbetrieb mit einer Sommergaststätte im Weidach verbunden hätte, da sie ja als Wirtsfrau einschlägige Erfahrungen mitbrachte. 1823 vermählte sich die Witwe mit Christoph Schwarz aus Memmingen, der damit Miteigentümer wurde. Nach dem Tode der beiden Eigentümer im Jahre 1856 und 1857 kam eine Zeit, in der die Eigentümer der Güter im Weidach relativ häufig wechselten. Offensichtlich wurde ab dieser Zeit auf dem Gut nur eine kleine Landwirtschaft im Nebenerwerb betrieben. 

Wahrscheinlich aus diesem Grund erwarb im Jahre 1882 das Schlössle ein gewisser Peter Wahl, seines Zeichens Oekonom und Maschinenbaugehilfe. Die Berufsbezeichnung Maschinenbaugehilfe zeigt, dass in dieser Zeit bereits die Industrialisierung in Kempten begonnen hatte. Schon kurze Zeit später verkaufte Wahl sein Schlösschen am 20. September 1886 an den aus Ottobeuren stammenden Oekonom Rafael Weiß, der das Anwesen an seinen Sohn gleichen Namens weitervererbte. Von diesem Rafael Weiß hören wir später im Zusammenhang mit den Gedenktafeln und Gedenksteinen, die auf die Initiative des ehemaligen Bürgermeisters Dr. Otto Merkt zurückgehen. So bittet Merkt in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Historischen Vereins Allgäu am 19. Juni 1926 in einem Brief den damaligen Eigentümer Weiß um die Erlaubnis, eine Gedenktafel am Weidachschlösse anbringen zu dürfen. 

Um es Weiß schmackhafter zu machen, schreibt Merkt dazu: „Eine Haustafel gib dem Haus für ewige Zeiten einen eigenen Namen und unterscheidet dadurch dieses Haus von der Masse der anderen Häuser, welche lediglich ihre Hausnummer haben.“ Nachdem Weiß die Erlaubnis dazu gab, fertigte der Kemptener Steinmetz Max Röhrle die Tafel mit der Inschrift „Weidacher Schlößle“ an. Die Kosten für die Tafel betrugen 6,20 Mark und für das Anbringen kamen noch 3,20 Mark dazu. Die Rechnung ging an den Historischen Verein Allgäu. Wer dann letztendlich die Rechnung beglich, ist nicht zu ersehen. 

Im Jahre 1938 kaufte die Stadt Kempten Weiß das Schlössle ab. Während des Krieges und in der Nachkriegszeit nutzte die Stadt das Gebäude, für dringend benötigte Notwohnungen. 

1957 erwarb dann der Kemptener Kunstmaler Franz Weiß von der Stadt das Gebäude. (Siehe dazu den Artikel über den Kunstmaler im Kreisboten vom 11. März 2020). Weiß ließ das Schlössle in viel Eigen- initiative im Jahre 1963 zunächst im Außenbereich und dann auch im Gebäude selber renovieren. Er richtete im Schlössle erst sein Atelier und später drei Appartements ein. 

Baufällige Räume im Schlössle.

Nach seinem Tod im Jahre 1982 blieb das Schlössle lange Zeit unbewohnt. Die Witwe des Kunstmalers, Rita Weiß-Eckart, kündigte an, dass sie das denkmalgeschützte Gebäude verkaufen wolle. Daraufhin gab es genügend Kaufinteressenten, sogar der Heimatverein Kempten gab ein Angebot ab. Auch drei Oberbürgermeister hatten seit Ende der 980er Jahre vergeblich den Versuch unternommen, mit der Witwe über eine Sanierung zu verhandeln. Aber sie konnte sich fast zwei Jahrzehnte zu keiner Verkaufsentscheidung durchringen, so dass das Weidachschlössle in eine Art Dornröschenschlaf fiel. 

Im Laufe der Zeit wuchsen um das Haus Bäume und Sträucher und es wurde damit ein fast romantisches Versteck, in dem sich auch unberechtigte Personen wohlfühlten, die am und im Gebäude ihre deutlichen Spuren hinterließen.

Eingeschlagene Fenster, aufgebrochene Türen, zerstörte Einrichtungen und die im Laufe der Zeit langsam verfallene Außenfassade zeugen davon. Nachdem das Weidachschlössle von einem Sulzberger Unternehmer gekauft wurde, naht nun wohl die Rettung des geschichtsträchtigen Weidach-schlössles.

Dr. Willi Vachenauer

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