Heiße Diskussion

Schwein oder nicht Schwein? Das ist hier die Frage

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Polarisierte mit ihrem Vortrag: Gisela Sengl (M.); hier mit Parteikollegen aus der Region (v.l.): Klaus Trunzer, Vorstandssprecher des Kreisverbandes Kempten; Joachim Borghoff (Betzigau); Theo Dodel-Hefele, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Kemptener Stadtrat; Evelyn Lunenberg, Vorstandssprecherin des Kreisverbands Kempten.

Betzigau – Unrentabel, umweltschädlich, schlecht fürs Tier: Die konventionelle Fleischproduktion im großen Stil hat viel mehr Nachteile als Vorteile. Das war die Aussage der agrarpolitischen Sprecherin der bayerischen Grünen im Landtag, Gisela Sengl bei ihrem Vortrag in Betzigau.

„Massentierhaltung im Allgäu – das hält kein Schwein aus!“ lautete der Titel der Veranstaltung, zu dem die Grünen ins Bürgerzentrum geladen hatten. Anlass war der Neubau eines Schweinemaststalls mit 1300 Plätzen in Sterklings – einem Weiler nordöstlich von Kempten. Seit seiner Baugenehmigung durch den Kemptener Stadtrat diskutieren die Bürger darüber und auch bei der Betzigauer Veranstaltung wurde die Diskussion lebhaft geführt.

An einigen Stellen von Gisela Sengls Vortrag stöhnten die Besucher auf: 0,75 Quadratmeter Platz reichen in der konventionellen Landwirtschaft aus, um ein 100-Kilo-Schwein zu halten. Vier Wochen vor dem Abferkeln stehen die Sauen im engen Kastenstand. Auch Spaltenböden und das Abschneiden der Schwänze, die sich die Schweine aus Langeweile und Enge abbeißen, genehmigt der Gesetzgeber. Einen Auslauf und Einstreu schreibe er allerdings nicht vor. Die Politikerin warb für biologische Landwirtschaft, wo vergleichbare Schweine 1,3 Quadratmeter Platz, Stroh und Auslauf hätten.

Aber Sengl, die auf ihrem Hof Gemüse produziert, sprach nicht nur über die Landwirtschaft, sondern auch über Fleischkonsum. Denn der beschleunige den Klimawandel und den Ressourcenverbrauch: „70 Prozent der Emissionen, die mit Nahrung zu tun haben, sind tierischen Produkten geschuldet“, sagte sie. Ein fleischloser Tag würde 14 Prozent der Treibhausgase einsparen. Auch der Verbrauch von Wasser-, Humus- und Diesel sei bei der Fleischproduktion am größten.

„Früher war Fleisch ein Luxusprodukt, ein wertvolles Lebensmittel, heute wird es verramscht“, rief Sengl. Es verdienen nicht nur die Landwirte am Fleisch. 78 Prozent des Ladenpreises sei für Verpackung, Verarbeitung, Zusatzstoffe, Handel und Transport gedacht. Dadurch, dass die Landwirte nur noch 22 Prozent des Verkaufserlöses bekommen, müssten die Abläufe im Stall effizient, reibungslos und billig sein. Und weil Platz teuer sei, müsse daran gespart werden. Auch die Subventionierung nach Betriebsflächen-Größe würde dazu beitragen, dass die Landwirte auf Masse setzten. „Nach dem Krieg machte es Sinn, die Nahrung zu subventionieren, damit viel erschwingliche Nahrung produziert werden konnte, aber heute müssen wir Qualität subventionieren“, forderte die Landwirtin.

Die Schäden von konventioneller Landwirtschaft im großen Stil seien noch gar nicht abzusehen und schwer zu beziffern: Verlust der Artenvielfalt (etwa durch Monokulturen und Pestizide, Anmerkung der Redaktion), kaputte Landschaften, Treibhauseffekt und Antibiotika-Resistenzen. Dafür müssten spätere Generationen und die Allgemeinheit aufkommen. „Die ökologische Landwirtschaft ist die ehrlichere, weil der Verbraucher hier schon für den Umweltschutz zahlt“, so Sengl.

Sie sprach sich auch vehement gegen den Export aus. Ein immer größerer Teil der deutschen Schweineproduktion gingen heutzutage ins Ausland: „Die Teile werden eingefroren, verpackt und verschifft – und die Gülle bleibt bei uns“, wetterte sie.

Haltung kontrollieren?

Im Grünen Aktionsplan setzt sich die Partei für Direktzahlungen für Tierschutz- und Umweltleistungen ein. Die Haltungsform sollte nach Meinung der Grünen ähnlich wie bei Eiern verlässlich auf der Packung gekennzeichnet sein. Sie haben ein Konzeptpapier für die Haltung von Tieren erstellt und machen sich für Kontrollen stark. „Lieber weniger aber sinnvolle Gesetze, die auch eingehalten werden“, sagte Sengl dazu.

Einige der anwesenden Landwirte waren mit einzelnen Aussagen der Grünen-Politikerin nicht einverstanden und fühlten sich angegriffen: Die Kontrollen von TGD und Veterinäramt seien jetzt schon zahlreich. Sengl antwortete, dass es bei diesen Kontrollen um andere als um die von ihr geforderten Dinge gehe. Allgemeine Uneinigkeit herrschte über den Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft und in der Humanmedizin.

Landwirt Willi Karg aus Betzigau wies darauf hin, dass es den Tieren in der Landwirtschaft heutzutage „viel besser gehe als vor 50 Jahren“, wo gerade die Kuhställe noch eng und dunkel waren. Die Schweineställe seien geschlossen, weil keine Emissionen entweichen dürften. Der Landwirt befürchtete mit dem neuen Immissionsschutzgesetz, seinen neuen, offenen Stall schließen und eine Luftanlage einbauen zu müssen. Die politischen Rahmenbedingungen seien heute überhaupt nicht mehr freundlich für kleine Betriebe, sondern nur noch für große.

Sengl hielt dagegen, dass wenn ein Betrieb keine Förderung mehr erhalte, keine Haltungs-Kontrollen mehr stattfinden. Somit könnten die Ställe überbelegt werden, was ihrer Erfahrung nach auch passiere. Sie bekräftigte ihre Forderung nach Haltungsstandards.

Auch der Maststall, der nach Betzigau kommen soll, war Thema: Biolandwirt und Stadtratsmitglied (Grüne) Theo Dodel-Hefele hat im Bauausschuss gegen den geplanten Stall gestimmt. Bei der Grünen-Veranstaltung erklärte er warum: Die Bauherren-Familie habe in Waltenhofen bereits 2200 Mastplätze und 300 Mutterschweine. Eine Vergrößerung des Betriebs sei dort „wegen Problemen mit Anwohnern“ nicht möglich, weshalb der Bau bei Betzigau geplant werde. 3400 Tiere könnten mit 2,6 Durchgängen pro Jahr gemästet werden. 

Der große Gülleanfall von 5000 Kubikmetern müsse mit 150 Lastzügen weggefahren werden, weil um das Anwesen herum nicht genügend Flächen vorhanden sind, um sie auszubringen. Die Wiesen, die als Schweinefutter „völlig uninteressant“ sind, seien „im halben Allgäu“ verteilt und reine „Gülle-Entsorgungsflächen“. Mit zwei Kilometern pro Stunde würden die Gespanne beim Ausbringen über die Felder fahren, wodurch beträchtliche Mengen an Gülle pro Quadratmeter zusammenkämen. Auch das Futter müsse zum Hof gefahren werden.

Widersprüche zu den Aussagen von Dodel-Hefele taten sich auf, als Landwirt und stellvertretender Bauernverbands-Kreisobmann Andreas Hummel auf den Stall des Anstoßes zu sprechen kam. Hummel habe Kontakt zu der Landwirts-Familie gesucht. Derzeit besitze sie 110 Schweinemütter, die Ferkel für die Mast mit 900 Plätzen produzierten. Nach dem Umzug würde der Waltenhofener Stall aufgegeben. Zwei Drittel der produzierten Schweine würden im Oberallgäu bleiben und in Durach geschlachtet, ein Drittel ginge nach Ulm. Auch die Futtermittel kämen aus der Region. Aus dem Gras, das auf den Wiesen anfällt, werde Silage produziert, die Landwirte kaufen.

Hummel, der seine Milchviehhaltung gerade auf Bioproduktion umstellt, wunderte sich darüber, dass er in seiner Haltung „praktisch nichts ändern“ muss, um die Biostandards einzuhalten. Das gehe vielen Bauern so. Er hält es für falsch, bio und konventionell gegeneinander auszuspielen.

Die Oberallgäuer Bauernverbands-Kreisbäuerin Monika Mayer warb dafür, den Schweinemastbetrieb als „Chance“ zu sehen. Firma Feneberg brauche Betriebe von einer gewissen Größe, um Waren abnehmen zu können. Derzeit komme das Feneberg-Schweinefleisch aus Landsberg. Vielleicht könne hier ein Kontakt entstehen, meinte sie und fragte: „Wo gibt es das schon, dass ein Schweinemastbetrieb, sein Futter zu 100 Prozent aus der Region bezieht?“

Daraufhin wiederholte Sengl ihr Credo, dass es nicht allein auf die Regionalität ankomme, sondern auch darauf, wie die Tiere gehalten werden. Wenn diese sich nicht bewegen könnten, sei das nicht tiergerecht.

Susanne Kustermann

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