Deftig erotisch

Einen Abend voller Liebeskunst und Lebenslust erlebten die gut 70 Besucher bei der Lesung aus Bocaccios Novelle „Decamerone“ im Rahmen des APC-Sommers mit dem „Duo Vocale“. Sinnlich, deftig erotisch, frivol aber auch rührend und voll derber Komik sind die Fantasien der zehn sonst ganz sittsamen Protagonisten, die Boccacio mit deutlicher, oft auch hintergründiger Sprache in seinem „Zehntagebuch“ preis gibt.

Um der im Jahr 1348 in Florenz wütenden Pest zu entfliehen, begeben sich sieben junge, befreundete Damen edlen Geblüts und drei junge Männer, von denen jeder in eine der Damen verliebt ist, für zehn Tage in ein der Stadt nahe gelegenes Schlösschen. Der aus dem griechischen abgeleitete Titel „Decamerone“ liefert bereits Hinweise auf die Rahmenhandlung, in der an zehn Tagen zehn junge Menschen jeweils zehn Geschichten und zehn Balladen zum Besten geben. Jeder Tag steht unter einem bestimmten Motto, dem die Geschichten folgen müssen. Bevor Boccacio in die eigentliche Geschichte einsteigt, zeichnet er das Bild der Peststadt, in der die Menschen schon drei Tage nach Erscheinen der Pestbeulen verstarben. „Sie mieden sich und ließen sich gegenseitig im Stich“, sparte auch der rezitierende Schauspieler Fridtjof Stolzenberg die erschütternden Szenen nicht aus. Eine gewaltige Portion an Hohn und Spott für die Geistlichkeit, für Büßer und Eiferer bergen besonders die pikanten Novellen. Mit einer handvoll ausgesuchter Episoden zog Stolzenberg seine Zuhörer rund zwei Stunden lang in Bann eines der sinnlichsten und zugleich moralischsten Bücher, wie er meinte. Mit klangvollen Stimmfarben erweckte er unter anderem Masetto von Lamporecchio zum Leben, der sich stumm stellt und Gärtner in einem Nonnenkloster wird. Schon bald sucht eine Nonne nach der anderen bei ihm zu liegen, im Glauben, er könne ja nicht darüber reden. Und „Masetto ist willig“. Als letzte behält die Äbtissin ihn gleich mehrere Tage in ihrer Kammer. Da wird es ihm dann doch zu anstrengend und er bekennt zum Schrecken aller, nicht stumm zu sein. Als reicher Mann kehrte er schließlich nach Hause zurück und die Nonnen „brachten mehrere Mönchlein zur Welt“. Einst nur mit einer Axt ausgezogen, dachte der Glücksritter bei sich: „So verfahre Gott mit denen, die ihm Hörner aufsetzen“, schloss Stolzenberg die Novelle. Von einer „wegen ihres Hochmuts“ unerfüllten Liebe handelte „Die gespenstische Mädchenjagd“, bei der am Ende die Frauen den Wünschen Männer „viel geneigter sind als zuvor“. Oder „Die Geschichte von Spinellocio Tanena und Zeppa die Mino“, die nach (außer-) ehelichen Irrungen und Wirrungen mit der jeweiligen Frau des anderen schließlich in einem freizügigen Vierergespann „ohne Gezänk und Streit“ endet. Optimale Abstimmung Thematisch passend auf die Novellen abgestimmt waren auch die musikalischen Intermezzi mit italienischen und französischen Liedern des 16. bis 18. Jahrhunderts, die Stolzenberg zusammen oder im Wechsel mit der Sopranistin Nicole Wieland sang und auf der Gitarre begleitete. Einer der Höhepunkte, darunter sicher das französische Volkslied „Maman, dites-moi“, das Wieland mit warmer, glasklarer Stimme unter die Haut gehend intonierte. Inspiriert hatte das „Decamerone“ auch den am Abend anwesenden Isnyer Maler Friedrich Hechelmann. Einige seiner für eine Neuauflage des Buches entstandenen Illustrationen waren rund um das Konzert in den kleinen Thermen zu besichtigen. Nicht ohne Witz lassen seine Figuren den Betrachter über so manch menschliche Unvollkommenheit schmunzeln.

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