Am eigenen Leib erfahren

Demenz erleben, begreifen, verstehen

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Auf dem Demenz-Pfad wandeln – das geht nur mit liebevoller Unterstützung.

Kempten – Wenn sich junge Leute schwere Überschuhe, Bandagen und eine rausch-simulierende Brille anlegen und damit unsicher tapsend einer Fußspur folgen, bekommen sie ein Gespür dafür, wie sich Menschen mit Demenz fühlen, wie sie ihre Umgebung wahrnehmen und ihren Alltag erleben.

Wer mit behandschuhten Fingern Münzen aus dem Geldbeutel kramen oder mit der normalerweise nicht zum Schreiben benutzten Hand seinen Namen krakeln muss, wird, weil’s so schwierig und das Ergebnis so dürftig ist, bald frustriert, verunsichert und deprimiert. Wenn es gilt, Gerüche zu identifizieren, blind ertastete Gegenstände zu benennen, geraten auch Jüngere und Gesunde schnell an ihre Grenzen. Zusätzlich verunsichert wird man, wenn der anleitende Referent einen ungeduldigen und unaufgeklärten Angehörigen mimt und drängt: „Oma, jetzt streng dich halt an!“

Wir befinden uns auf dem interaktiven Demenzpfad, der am Montag im Rahmen der Tage der seelischen Gesundheit von der Alzheimergesellschaft nach Kempten ins Pfarrzentrum von Christi Himmelfahrt geholt wurde. Martin Proske aus Binswangen, der den außergewöhnlichen und kreativen Beruf eines Humortherapeuten ausübt, hat die Mitmach-Stationen für alle Sinne konzipiert und führte Studierende der Ergotherapie- und Altenpflegeschulen ins Thema ein: Wo kommt Demenz her? Wir wissen es nicht, wir wissen nichts! Die Demenzforschung bietet nur Momentaufnahme, Erklärungsversuche, die morgen schon wieder überholt sind. Laut Proske ist sie gescheitert. Trotzdem bietet er drei gute Botschaften zur Prävention. Erstens haben wir, da das Gehirn bereits ab dem 17. Lebensjahr altert, reichlich Zeit, hohe geistige Reserven anzulegen, die später unserer Selbstständigkeit zugute kommen. Als soziale Wesen brauchen wir Menschen zum sozialen Austausch und den zu pflegen ist die zweite bewährte Vorbeugungsmaßnahme. Die dritte besteht aus körperlicher Bewegung – „Ich turne bis zur Urne“, wie es ein alter Herr fröhlich formuliert hat.

Nicht kulturabhängig

Eine These lautet, dass sich bei den heute Hochbetagten aus der Kriegsgeneration, Traumata aus der Vergangenheit im Alter wieder bemerkbar machen und Demenzsymptome auslösen können. Wenn das Gehirn altert, ist die linke, für die kognitiven Leistungen zuständige Gehirnhälfte anfälliger, sie kann „austicken“, während die rechte, für Emotionen zuständige, meist noch lange intakt bleibt. Demenz ist nicht kulturabhängig, die Korrelation mit dem Alter ist jedoch belegt. Betroffenen ist in den frühen Stadien schmerzlich bewusst, dass sie dabei sind, ihr selbst zu verlieren, wenn sie mit nervösen Fingern Münzen aus dem Geldbeutel kramen oder mit der linken Hand ihren Namen krakeln müssen, erreichen dann aber oft einen Zustand, der Humor und Selbstironie zulässt. Auch das ist eine tröstliche Nachricht.

Die Fachkraft der Alzheimergesellschaft Allgäu, Gisela Schmitz, berät und betreut pflegende Angehörige, schult Freiwillige für den Umgang mit Menschen mit Demenz und begleitet die Familien mit ihren je unterschiedlichen Unterstützungsbedürfnissen. Über alle Kümmernisse hinweg sollten wir aber nicht vergessen, dass die Pflege eines geliebten oder liebgewonnenen Menschen mit einem alternden Gehirn auch eine erfüllende, bereichernde Aufgabe sein kann, die innige Momente kennt und auch Raum bietet für Leichtigkeit und Lachen.

Dass diese pfiffige Veranstaltung von der regionalen Alzheimergesellschaft, dem Caritasverband, der Diakonie und Bayerischem Roten Kreuz Kempten/Oberallgäu gemeinsam getragen wird, ist wirklich erfreulich und ganz im Sinne von Punkt zwei der Demenzprävention: Sozialer Austausch, soziale Kontakte schützen, Einzelgängertum dagegen gefährdet...

Der Demenzpfad ist ein ungewöhnlicher Beitrag zur Entstigmatisierung demenzieller Hirnveränderungen und schließlich auch zur Entdramatisierung der Folgen unserer hohen und noch immer höher werdenden durchschnittlichen Lebenserwartung. Weil das frühere Schreckenswort „Krebs“ inzwischen vom Schreckenswort „Demenz“ abgelöst worden ist, brauchen wir solche Aktionen dringend.

Elisabeth Brock

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