Besuch kurz vor der Entscheidung

Glyphosat-Gegner ziehen vor CSU-Geschäftsstelle

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Bevor es losging, sprach Simone Rabura einleitende Worte zu den Demonstranten, die im Verlauf noch zahlreicher wurden.

Kempten – „Herr Paintner, Herr Geyer, wir wollen Sie auf unsere Seite ziehen!“, sagte Simone Rabura. In einer gelben Warnweste hatte sie sich vor Tobias Paintner, CSU-Geschäftsführer

des Bundeswahlkreises Kempten-Lindau-Oberallgäu und Fabian Geyer, dem Vorsitzenden des CSU-Ortsverbands Kempten-Mitte aufgestellt.

Hinter Rabura bildeten rund 50 Demonstranten einen Halbkreis um den Eingang der CSU-Geschäftsstelle. In den Händen hielten sie große Papierschmetterlinge, -vögel und -bienen. Einige Demonstranten waren in weiße Ganzkörperanzüge gehüllt und hatten Sprühgeräte zur Unkrautvernichtung auf den Rücken geschnallt, im Gesicht eine Atemmaske. „Stoppt Glyphosat, kein Gift auf unsere Saat!“, war einer der Slogans, der an diesem Abend in der Gerberstraße widerhallte.

Der Grund für die Demonstration: Die Zulassung des Unkrautvernichters endet am 15. Dezember. Wie es danach weitergehen soll, darüber kommt die EU-Kommission seit Monaten zu keiner Entscheidung.

Zuletzt war am 9. November über eine Zulassung für weitere fünf Jahre abgestimmt worden – ohne Ergebnis. Im Ständigen Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel hatten an diesem Tag 14 Länder für die Verlängerung der Zulassung gestimmt und neun dagegen. Fünf Länder hatten sich enthalten, darunter Deutschland. Für eine Entscheidung müssen sich aber mindestens 16 Staaten einig sein. Dass Deutschland sich bei den Abstimmungen enthält, liegt an der Uneinigkeit zwischen dem von Barbara Hendricks (SPD) geführten Bundes-Umweltministerium und dem Landwirtschaftsministerium unter Christian Schmidt (CDU).

Um auch CDU/CSU von der Schädlichkeit des Totalherbizids zu überzeugen, versammelten sich am Donnerstag letzter Woche Glyphosat-Gegner an 91 ihrer Geschäftsstellen in ganz Deutschland. Die Bürgerbewegung campact hatte dazu aufgerufen.

„Studien haben nachgewiesen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Missbildungen bei Ferkeln und der Glyphosatmenge auf dem Futter der Sauen besteht!“, referierte Rabura vor den beiden CSU-Männern. In Sri Lanka sei Glyphosat jetzt verboten, da tausende von Feldarbeitern an einer Nierenerkrankung litten, die im Zusammenhang mit dem Unkrautvernichter stehe; Studien würden ein vermehrtes Auftreten von Lymphomen durch das Spritzmittel belegen und seit 2010 sei Glyphosat als Breitbandantibiotikum zugelassen, „das wir auf unsere Felder sprühen!“, empörte sich Rabura und erntete lautstarke Reaktion der Glyphosat-Gegner.

Viele der Demonstrationsteilnehmer trieb das Artensterben um, zu dem Glyphosat beiträgt. Auf den un- und beikrautfreien Äckern fehlt Insekten und Vögeln die Nahrungsgrundlage; Bienen macht der Wirkstoff orientierungslos.

Auch von einem Plagiat des Berichts des Bundesinstituts für Risikobewertung sprach sie: Große Teile der Studie, die das Mittel hinsichtlich seiner genverändernden Wirkung als unbedenklich einstufen, seien eins zu eins von Monsanto kopiert worden. „Das ist lächerlich!“, so die Organisatorin. Man dürfe die Untersuchung keinesfalls als Entscheidungsgrundlage heranziehen, forderte sie.

Ein für Landtagsabgeordneten Thomas Kreuzer und Bundestagabgeordneten Gerd Müller gedachtes Plagiatsgutachten übergab Rabura. Ungünstig, dass diese sich am Donnerstag in München befanden, wo über die künftige CSU-Führung entschieden werden sollte. Dass das Schreiben an die richtigen Stellen gelangt, versprach der Geschäftsführer.

Richtig aufgebracht wurden einige Demonstranten darüber, dass auch Fabian Geyer betonte, „nicht der richtige Ansprechpartner“ zu sein. Seine Eltern hätten zwar eine Landwirtschaft und würden auch Herbizide einsetzen, was das im Genauen sei, das wisse er nicht. Sein Gebiet sei die Bildung.

„Aber sie sind doch auch ein Mensch!“, kam es aus den Reihen der Demonstranten. „Schon seit 30 Jahren gibt man die Entscheidung immer weiter!“, „Deutschlands Enthaltung ist feig!“. Ein Landwirt rief aufgebracht, dass man ihm und seinen Kollegen versprochen hätte, dass der Einsatz von Glyphosat die eingesetzte Menge von Herbiziden senken würde. „In Südamerika sind es jetzt 850 Prozent mehr als vorher!“, rief er.

Die Demonstranten schafften es zwar nicht, den beiden CSU-Männern eine Meinung zu entlocken, doch versprachen diese, für Einzelgespräche offen zu sein. Geyer wollte als Fürsprecher sogar persönlich beim Bundeslandwirtschaftsminister anrufen, dieses Versprechen nahm ihm ein Teilnehmer ab.

Wird die Aktion etwas verändern? Ich glaube schon, urteilt ein Demonstrant. Gerade jetzt, wo die politische Lage „etwas instabil ist“, seien die Chancen höher.

Pessimistischer zeigt sich ein junges Paar: „Es ist sehr traurig, dass die Politik so verzahnt mit der Wirtschaft ist“, urteilen sie. „Richtig heftig“ finden die beiden, dass sich ein Politiker nicht mit dem Thema Glyphosat auseinandersetzt. „Auch wenn das nicht mein Fachgebiet ist, kann ich mich doch informieren“, sagt die Frau.

Susanne Kustermann

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