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Der Holocaust-Überlebende Abba Naor erzählt seine Geschichte

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Abba Naor trägt sich am 23. März 2022 in Anwesenheit von Oberbürgermeister Thomas Kiechle (li.) und Stadtrat Alexander Hold (re.) ins Goldene Buch der Stadt Kempten ein. Jetzt steht dort in hebräischer Schrift „Wenn man daran glaubt, ist es kein Wunder. Ein Überlebender der Shoa wird empfangen mit großer Ehre in dieser Stadt.“
Abba Naor trägt sich am 23. März 2022 in Anwesenheit von Oberbürgermeister Thomas Kiechle (li.) und Stadtrat Alexander Hold (re.) ins Goldene Buch der Stadt Kempten ein. Jetzt steht dort in hebräischer Schrift „Wenn man daran glaubt, ist es kein Wunder. Ein Überlebender der Shoa wird empfangen mit großer Ehre in dieser Stadt.“ © Brock

Kempten – Diese Geschichtsstunde wird den jungen Leuten des Carl-von-Linde-Gymnasiums wohl unvergessen bleiben. 

Als der 94-jährige Abba Naor ausführlich berichtet, wie er als Kind die Verfolgung der litauischen Juden erlebt hat, herrscht respektvolle Stille im Klassenzimmer. Naor spricht mit ruhiger Stimme, auch wenn es um unvorstellbare Grausamkeiten geht, die ihm, seiner Familie und der gesamten jüdischen Bevölkerung im kleinen katholischen Litauen in der NS-Zeit angetan wurden.

Naors Familie war vor rund 500 Jahren aus Spanien und Portugal vertrieben worden und führte in Litauen ein „normales, wunderbar schönes“ Familienleben. Wie andere Minderheiten, beispielsweise Sinti und Roma, lebten jüdische Menschen mit allen ihren Nachbarn eng zusammen, nicht nur nebeneinander.

Umso größer der Schock, als die baltischen Länder ohne Vorwarnung von den Kommunisten besetzt und gleich darauf litauische Juden nach Sibirien geschickt wurden. 1941 floh die Familie vor der Bombardierung in Kaunas, Naors Geburtsstadt, nach Vilnius, wo sie von mitfühlenden Leuten aufgenommen wurde.

Zurück in Kaunas musste die Mutter mit drei Kindern erleben, wie sie von ihren litauischen Nachbarn geächtet wurden. „Das geben sie bis heute nicht zu; in der europäischen Kulturhauptstadt gibt es immer noch offenen Antisemitismus“, bemerkte Naor. In Kaunas wurden zwei Ghettos geschaffen und eine gewisse Beruhigung trat ein beim Gedanken: „Wir sind unter Deutschen, unter Menschen mit Kultur.“

»Überleben war Zufall«

Doch die Ermordung der Bewohner und Bewohnerinnen des Ghettos begann und wurde unter genauer Buchführung mit größter Grausamkeit fortgesetzt. Von den etwa 60.000 jüdischen Kindern sind nach dem Krieg 350 übriggeblieben: „Eines davon bin ich. Überleben war Zufall.“ Einer der Hauptverantwortlichen war der SS-Standartenführer Karl Jäger. Er wurde erst 1959 verhaftet, berief sich vor Gericht auf Befehlsnotstand und nahm sich im Gefängnis das Leben.

Naor ersparte seinem Publikum keine schaurigen Details, z.B. dass Babys lebendig in Gruben mit Toten geworfen wurden, und zeigte auch historische Aufnahmen der Erschießungen und das Foto eines Gehenkten. Einige junge Leute haben sich damals gewehrt, sind in den Wald gelaufen, kamen an Gewehre und wurden als Partisanen akzeptiert, sagte Naor. Im Ghetto gab es plötzlich eine Schule und Bücherlieferungen, „wir durften wieder Kinder sein, auch wenn wir ständig Hunger hatten“. Für etwas Extraverpflegung mussten die Musiker unter den Eingesperrten für ihre Peiniger singen und spielen.

Unvermittelt kam dann der Befehl, das Ghetto zum Konzentrationslager zu machen. Und wieder klammerten sich die Überlebenden an die Hoffnung, mit einem Arbeitsausweis als Handwerker ihr Leben zu retten. Doch die Front kam näher, die Häftlinge mussten Leichen ausgraben und verbrennen, um Spuren zu verwischen. Kinder, Alte und Kranke wurden aus dem Lager gebracht und zur Vernichtung nach Auschwitz geschickt. „Viele europäische Länder haben mitgemacht – das ist die Wahrheit. Außer Dänemark. Dieses Land hat seine jüdische Bevölkerung in Booten nach Schweden in Sicherheit gebracht“, erinnerte sich Naor. Tatsache sei aber auch, dass Juden und Jüdinnen in Polen noch nach dem Krieg umgebracht wurden. Ebenso wahr sei, dass es deutsche Offiziere gab und den Feldwebel Anton Schmid – „merkt euch den Namen!“ – die Verfolgten das Leben retteten und dies mit dem eigenen Tod bezahlt haben: „Sie sind Menschen geblieben.“ Naor musste im Alter von 16 Jahren durch den Zaun des KZ mitansehen, wie seine Mutter und sein kleiner Bruder nach Auschwitz deportiert wurden.

Er selbst kam in tagelanger Fahrt im Viehwagon ohne Essen und Toilette ins KZ Stutthof, dann in die Lager Utting und Kaufering, die zum KZ Dachau gehörten. Die Häftlinge mussten sich primitive Erdhütten bauen, in denen jeweils 50 Männer auf Stroh lagen.

Vernichtung durch Arbeit

„Vernichtung durch Arbeit!“ war das Ziel. „Der Hunger und die Läuse haben uns verrückt gemacht“, berichtete Naor. Ende April 1945 wurden die erschöpften Gefangenen auf den Todesmarsch getrieben. Irgendwann waren die Wachen weg und amerikanische Soldaten da. Abba Naor wurde am 2. Mai 1945 bei Waakirchen befreit. Da war er 17 Jahre alt.

„Ich habe längst Frieden mit Deutschland gemacht“, sagte der Holocaust-Überlebende gleich zu Beginn seiner Erzählung und schloss mit dem Appell: „Denkt nach, Kinder, und macht das Richtige. Sorgt dafür, dass die Welt vernünftiger wird!“

Dass die Schülerinnen und Schüler fast drei Stunden konzentriert bei der Sache waren, beweist, wie tief sie der Bericht dieses hochbetagten Zeitzeugen bewegt hat.

Elisabeth Brock

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