»Es war das Beste für mich«

Der junge Afghane Ahmad lebt gerne in Deutschland, ist integriert ohne seine Wurzeln zu leugnen 

Ahmad Raza Alawi und Restaurantleiter Adi Hölzli vom Starlet
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Ahmad Raza Alawi (r.) kam noch vor der Flüchtlingswelle nach Deutschland. Zur Zeit arbeitet der junge Afghane als Koch im „Starlet“ von Restaurantleiter Adi Hölzli (l.), der bisher durchweg gute Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht hat.

Kempten – Schon als Kind verließ Ahmad zusammen mit seiner Familie seine Heimat in Afghanistan. Er und seine Familie gehören dem Volksstamm der Hazara an, einer Volksgruppe, die im zentralen Hochgebirge Afghanistans zu Hause ist.

Neben den Paschtunen und den Tadschiken bilden sie die drittgrößte ethnische Volksgruppe in Afghanistan. Hazara spechen persisch und gehören wie diese religiös betrachtet zu den Schiiten. In der muslimischen Welt entbrennt der Streit zwischen Sunniten und Schiiten um die Frage, wer Nachfolger des Propheten Mohammed sei. Sunniten sind der Überzeugung, Mohammed habe keinen Nachfolger ernannt, Schiiten sehen in Mohammeds Cousin und Schwiegersohn Ali den legitimen Nachfolger des Propheten. Bis heute wird dieser historische Zwist von Machteliten der muslimischen Welt missbraucht, um Zwietracht zwischen den Gläubigen zu säen. Unter dem Einfluss ausländischer Großmächte eskalierten diese Spannungen zu kriegerischen Auseinandersetzungen.

Ein Leben auf der Flucht

Nach ihrer Flucht aus Afghanistan gerät die Familie Ahmads auch in Pakistan schnell wieder in die Rolle von Außenseitern, die Opfer von ethnischen Spannungen werden. Sunnitische Extremisten sehen in den Schiiten aus Afghanistan eine Gefahr für ihre Vorherrschaft. Ahmad erzählt von vielen Bombenanschlägen in der Provinz Belutschistan, die er als Jugendlicher dort erlebt hat. „Als Kind war ich neugierig und hatte wenig Angst. Wenn Bomben explodierten, habe ich mitgeholfen, die Hände und Füße von Opfern in Tüten einzusammeln“, so Ahmad Raza Alawi. Für die Familie aber war klar, dass Ahmad sein Glück an einem anderen Ort der Welt suchen sollte.

Im Jahr 2014, Ahmad war 17 Jahre, entschloss sich der Sohn der Familie Raza Alawi, die Heimat zu verlassen und nach Deutschland zu gehen. Die Flüchtlinge in Belutschistan haben ein konkretes Bild von Europa, sagt Ahmad. Sie wissen, dass Deutschland ein freies und friedliches Land ist, ein Land mit Bildungs- und Aufstiegschancen. Als Botschafter ihres Landes geniessen die deutschen Soldaten zudem in Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans einen guten Ruf, anders als die unbeliebten Amerikaner und die ehemaligen russischen Besatzer. Über Exil-Afghanen in Deutschland wissen sie zudem, dass Deutschland einen Sozialstaat besitzt, der Flüchtlingen hilft. Noch vor der großen Flüchtlingswelle machte sich Ahmad auf die Reise. Die gesamte Strecke von rund 6000 Kilometern legte Ahmad zu Fuß, mit dem Auto oder dem Bus zurück.

Dabei durchquerte er den Iran, die Türkei, Griechenland, den Balkan, bis er schließlich über Ungarn und Österreich nach München gelangte, wo er seinen Asylantrag stellte. „Flüchtlinge können nur unter Gefahr Länder wie den Iran oder die Türkei durchqueren. Dabei ist man auf das Netzwerk gut organisierter und reichlich zu entlohnender „Flüchtlingshelfer“ angewiesen, so Ahmad. Daher dauerte seine Überquerung der iranisch-türkischen Grenze ganze vier Tage, so engmaschig wurde Ende 2014 die Staatsgrenze von türkischem Militär kontrolliert, das Schießbefehl hatte.

Odyssee durch Eurasien

Ein wahrer Hotspot für Flüchtlinge wurde im Verlauf der Flüchtlingskrise die türkische Metropole Istanbul. Hier werden die Überfahrten zu den griechischen Inseln inklusive Bustransfer an die Ägäis „gebucht“. Mit einem Schiff, das mit 36 Personen deutlich überfrachtet war, setzten Ahmad und seine Begleiter nachts auf eine griechische Insel über. „Als Flüchtling darfst du in Griechenland einen Monat legal bleiben, danach kommst du für 18 Monate ins Gefängnis. Man sollte diese Zeit nutzen, um weiter Richtung Deutschland zu kommen“, so Ahmad. Von Athen machte sich seine Gruppe auf nach Mazedonien und später Serbien. Hier würden Militärs und Grenzschutzpolizei schnell übergriffig und würden grundlos auf Flüchtlinge einschlagen, sagt Ahmad. Ziel sei es, Angst zu erzeugen, doch mit einem kleinen Obolus, ließe sich die schmerzhafte „Behandlung“ vermeiden.

Nach seiner Odyssee erreichte der junge Afghane München. Von der Aufnahme und der Behandlung durch die bayerischen Behörden kann Ahmad nur Positives berichten. Zuerst kamen er und die anderen in größere Sammellager, wo es im Laufe von 2015 aufgrund der Überbelegung zu Spannungen kam. Für Ahmad fielen dabei häufig Afrikaner durch hohe Gewaltbereitschaft auf. „Ich habe keinen Konflikt gesucht, habe das getan, was mir Betreuer gesagt haben, und bin mit dieser Haltung stets gut gefahren.“ Nach einem Jahr ging es nach Kempten. „Meine Betreuer haben gesagt, das ist die Stadt, in der du leben wirst“, erinnert sich Ahmad. Und heute, vier Jahre danach, freut er sich, dass es ihn ins Allgäu verschlagen hat. Allerdings hat er auch andere Orte in Deutschland besucht. „Hamburg und Frankfurt sind beliebte Städte bei den Afghanen“, sagt er.

Ahmad besuchte die Berufsschule III und begann im Anschluss eine Lehre als Koch. Der junge Afghane kam aber nach eigenem Bekunden mit seiner Chefin nicht zurecht, brach seine Lehre ab und fand als Beikoch Anstellung im „Starlet“. Restaurantleiter Adi Hölzli ist voll des Lobes über seinen Mitarbeiter. „Ahmad arbeitet schnell und zuverlässig, er hat sich voll in unser Team integriert.“ Hölzli wünscht sich beispielhaft für Ahmad, dass Flüchtlinge, die sich integrieren wollen, die nicht straffällig werden, die die deutsche Sprache erlernen und die für ihr eigenes Leben aufkommen, schneller eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Dazu bedarf es eines deutschen Einwanderungsgesetzes, das von Politikern öffentlichkeitswirksam eingefordert, aber bisher von niemandem umgesetzt wurde.

Herz und Verstand

Manchmal hat Ahmad Heimweh. Er vermisst seine Familie, vermisst die ungezwungene Art, wie Menschen in seiner alten Welt miteinander umgehen. Doch die Schattenseiten sind Ahmad stets parat: „In Afghanistan und Pakistan leben die Menschen von der Hand in den Mund. Es gibt unendlich viele Tagelöhner, die jetzt in der Quarantäne ihre Familien nicht mehr ernähren können. Und es gibt keine Sicherheit.“ Auf die Frage nach seinem Glauben bekennt sich Ahmad zum Islam. Er trinkt keinen Alkohol, isst kein Schweinefleisch und lebt nach den Geboten des Koran. In seiner Haltung zu Frauen ist er den Vorstellungen des Islam verhaftet. Einen Schleier zu tragen, der das Haar bekleidet, würde er von seiner Geliebten verlangen. Auf die Frage, ob die Auserwählte auch eine Deutsche sein könnte, antwortet Ahmad mit einem Augenzwinkern lächelnd: „Kann man deutschen Frauen trauen?“

Jörg Spielberg

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