Meine erste Autofahrt unter Strom

Der Kreisbote testet das E-Auto-Angebot der Stadt

Lutz Bäucker testet das E-Auto der Stadt Kempten für den Kreisboten.
+
Am Kabel hängt alles – manchmal auch das Auto fest.

Kempten/Oberallgäu/Isny – Die Stadt fährt europaweit vorneweg: Seit ein paar Wochen bietet sie am „Mobilpunkt“ in der Grabengasse zwei stromgetriebene Autos zum Ausleihen an, die im Rahmen eines EU- Pilotversuches die Lust der Kemptener Bevölkerung auf Strom unter der Motorhaube herausfinden sollen. Unser Reporter hatte Lust und unternahm seine erste Fahrt mit einem elektrogetriebenen Automobil.

Viele Interessenten – wenig Nutzer

Ohne Papierkram geht gar nichts. Bei der Anmeldung im Büro des AÜW muss ich einen Haufen Unterschriften leisten, Ausweis und Führerschein werden kopiert, die Registrierung kostet einmalig 39 Euro. Ich bekomme eine persönliche Chipkarte - meine Eintrittskarte in die E-Mobilität. Das Interesse an den beiden „Renault-Zoe“- Pkws in der Grabengasse ist offenbar groß: Es gibt viele Anmeldungen. Sie sind bisher aber wohl eher eine Option – bei der Online-Terminbuchung über „Flinkster“ finde ich viele freie Tage, auch kurzfristig .

Am Kabel hängt alles

Punkt 13.30 Uhr drücke ich meine Karte auf das Öffnungsmodul hinter der Windschutzscheibe des weißen „ Zoe“. In der Kurzanleitung aus dem Handschuhfach lese ich: „Punkt 4: Ladekabel entriegeln und abstecken, im Kofferraum verstauen.“ Leichter gesagt als getan. Ich finde den Entriegelknopf ewig nicht, mein E-Mobil hängt wie eine Klette an der blauen Tanksäule fest. Meine gebuchte Zeit läuft – pro Stunde zieht der Betreiber sieben Euro von meinem Konto ab. Doch irgendwann kann ich das mächtige schwarze Ladekabel endlich abnabeln, in den Kofferraum wuchten und losfahren.

Völlig anderes Fahrgefühl

Nein, ich fahre nicht, ich schwebe, ich gleite dahin! Lautlos, wie auf weichen Wolken, ja, ein noch nie erlebtes Gefühl schwereloser Mobilität erfasst mich. Kein Motordröhnen stört die Kommunikation mit der Beifahrerin, begleitet von gedämpften Plaudereien steuere ich das flotte französische Elektrowägelchen auf die Autobahn Richtung Allgäuer Dreieck. Ich drücke das nun Strompedal genannte Teil unter meinem rechten Fuß zu Testzwecken mal ganz durch – huiiiii, der kleine Franzose saust unglaublich fix los und hinterlässt kein noch so winziges Abgaswölkchen in die Allgäuer Voralpenluft…

Wo ist die nächste Ladesäule?

Guten Gewissens erweitere ich spontan den Radius der Kreisboten-Testfahrt. Mein Blick schweift sicherheitshalber immer mal wieder zum blau leuchtenden Balken der Batterieanzeige: Von 100 Prozent in der Grabengasse rutscht er langsam aber sicher auf 91 Prozent am Immenstädter Marienplatz und verliert auf den Serpentinen des Zaumbergs noch mehr an Kapazität. Kurz vor Maierhöfen steigt trotz des sehr entspannten Cruisens über die wenig befahrenen Sträßchen des Westallgäus mein Blutdruck: „78 Prozent“ meldet der blaue Balken. Aufladen in Maierhöfen? Im Ortsteil Linden gibt’s eine Ladesäule, hab ich mir notiert, sicher ist sicher. Doch da hängt schon ein großer E-SUV am Tropf. Also weiter nach Isny. In der Maierhöfener Straße ist auch besetzt. Gottseidank, am Unteren Graben steht noch eine Säule mit württembergischem Strom – und sie ist sogar frei! Das läßt den E-Automobilisten durchatmen. Ohne eine Liste mit verfügbaren Stromtankstellen an Bord geht in den gegenwärtigen Gründerjahren der E-Mobilität gar nichts!

Günstige Betriebskosten

18,9 Kilowattstunden Strom verbraucht unser Testwagen auf 100 Kilometern. Bei einem Stundenpreis von etwa 31 Cent macht das knapp sechs Euro für 100 Kilometer. Das ist deutlich günstiger als bei Autos mit Verbrennermotoren. Allerdings gibt es große Preisschwankungen zwischen den Stromanbietern. Und an Schnellladesäulen kann es richtig teuer werden. Mir ist das heute egal – das Angebot vom Kemptener „Mobilpunkt“ kostet pauschal sieben Euro pro Stunde, nicht billig, aber alles inklusive.

Angst vor dem Liegenbleiben

Ich jage den „ Zoe“ nochmal die 15-Prozent-Steigung des Wirlinger Berges hinauf – das zieht den Saft aus dem Akku. Macht nichts, bis zur Grabengasse in Kempten reicht es locker, die beim Elektroautofahren allgegenwärtige Angst vorm Liegenbleiben ist bei dieser Testfahrt unbegründet. Im normalen Alltag beeinträchtigt sie allerdings den Spaß und die Nachfrage nach der neuen Mobilität enorm. Die Reichweite der aktuellen E-Modelle ist noch viel zu gering, die Ladeinfrastruktur in Deutschland reicht hinten und vorne nicht. Immerhin, der „Mobilpunkt“ in Kempten ist ein Anfang für Fahrten in der Stadt, mit viel Luft nach oben.

Lutz Bäucker

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gestaltungsbeirat diskutiert über eine mögliche Umnutzung für „Kleine Basilika“ Eberhardstraße 4 
Gestaltungsbeirat diskutiert über eine mögliche Umnutzung für „Kleine Basilika“ Eberhardstraße 4 
ARD-Filme komplett im Allgäu gedreht
ARD-Filme komplett im Allgäu gedreht
Corona-Ticker: Verschärfungen für Freizeit- und Bildungseinrichtungen
Corona-Ticker: Verschärfungen für Freizeit- und Bildungseinrichtungen
Der Felderhaldetunnel wird 14 Tage lang gesperrt 
Der Felderhaldetunnel wird 14 Tage lang gesperrt 

Kommentare