"Der Pflegemarkt ist ratzleer"

Das Aktionsbündnis wünscht sich beim Gespräch mit Bezirkstagspräsidenten Jürgen Reichert einen Schulterschluss mit dem Bezirk Schwaben: Ulrich Gräf, (v.l.) Geschäftsführer der Allgäu-Pflege aus Sonthofen, Dr. Philipp Prestel, Diplom-Gerontologe bei AllgäuStift, Jürgen Reichert, Henriette Vogt (Leiterin der Pro Seniore Residenz), Gerhard Heiligensetzer (Geschäftsführer vom Heinzelmannstift), Verena Fleischer (Leiterin vom Seniorenwohn- und Pflegeheim Spital), Marianne Baur (Pflegedienstleiterin des Heinzelmann-Stifts) und Wolfgang Grieshammer (Geschäftsführer der Diakonie Kempten Allgäu). Foto: moriprint

Mehr pflegende Hände für mehr zu pflegende Menschen. In Zahlen ausgedrückt nannte das Allgäuer Aktionsbündnis „Pflege im Aufbruch“ bei einem Gespräch mit Bezirkstagspräsidenten Jürgen Reichert im Haus Oberallgäu in Sonthofen die Zahl von einer zehnprozentigen Erhöhung des Personalschlüssels bis 2014. Dies sei ein erster wichtiger Schritt, um einen drohenden Pflegekollaps zu verhindern, versuchte Dr. Philipp Prestel, Diplom-Gerontologe beim AllgäuStift und Mitglied in der Steuerungsgruppe des Aktionsbündnisses, den obersten Chef vom Bezirk Schwaben auf dieses Ziel einzuschwören.

Auch wenn dieser kein Zahlen-Bekenntnis zur Personalaufstockung machte, so zeigte er sich zumindest doch solidarisch: „Ich sehe die Brisanz.“ Es sei wichtig, hier weitere Partner und Politiker ins Boot zu holen, überzeugende Argumente zu sammeln und über eine Großveranstaltung Anfang 2013 die Thematik schwabenweit zu verdichten, lautete das Angebot zum „Schulterschluss“ von Jürgen Reichert. "Brauchen mehr Schüler" Offenbar verblüfft erfuhr der Bezirkstagspräsident in dem Gesprächskreis erstmalig von einem existenziellen Pflegenachwuchs-Notstand in Kempten und dem Oberallgäu. Ulrich Gräf, Geschäftsführer der Allgäu-Pflege gGmbH aus Sonthofen: „Der Pflegemarkt ist ratzleer. Die Altenpflegeschulen in Immenstadt und Kempten bräuchten mehr Schüler und können der Nachfrage der Pflegeeinrichtungen bei weitem nicht nachkommen.“ Im Bundesdurchschnitt bleibe eine Pflegefachkraft nur rund fünf Jahre im Beruf. „Dazu kommt die Abwanderung in Krankenhäuser, in den Sanitätsfachhandel oder ins Ausland“, so Marianne Baur, Pflegedienstleiterin des Heinzelmann-Stifts in Kaufbeuren. Der Pflegeberuf, so Wolfgang Grieshammer für die Diakonie Kempten Allgäu und das Wilhelm-Löhe-Haus, müsse wieder attraktiver werden, brauche die Anerkennung in der Gesellschaft – „und bessere Arbeitsbedingungen“. Die Pflegenden, so Gräf, seien in einer Sandwich-Position – Druck erfolge von beiden Seiten. Auf der einen Seite verändertes Klientel, mehr Demenz und gerontopsychiatrische Erkrankungen mit einem intensiveren Zeitaufwand an Pflege, auf der anderen Seite mehr Bürokratie und Pflegenotstand. Sonthofens 1. Bürgermeister Hubert Buhl argumentierte: „Man muss den Bürgern die finanziellen Zusammenhänge und Verknüpfungen erklären, die es über das Gesetz mit den Kranken- und Pflegekassen gibt. Aufklärung tut not.“ Einen ersten Erfolg hatte das Allgäuer Aktionsbündnis „Pflege im Aufbruch“ mit ihrer Protestaktion im Juli erreicht. Eine Woche lang legten Pflegende in mehr als 24 Heimen im heimischen Allgäu für zehn Minuten zur Besinnung und zum gemeinsamen Gebet die Arbeit nieder. Bewohner und Angehörige schlossen sich diesem Protest an. Bei dem aktuellen Gespräch mit Bezirkstagspräsidenten Reichert übergaben Ulrich Gräf und Philipp Prestel jetzt stellvertretend für das Aktionsbündnis Listen mit 4300 Unterschriften von Personen, die diese Aktion namentlich unterstützten. Gräf sagte dazu: „Unsere Mitarbeiter jammern nicht. Sie pflegen mit Herz, Qualität und Engagement. Wir als die Unternehmen haben daher eine Fürsorgepflicht für unsere Mitarbeiter.“ Entlastung könne es eben nur durch mehr „helfende Hände“ geben. Gespräch mit Bahr Als nächstes strebt das Allgäuer Aktionsbündnis „Pflege im Aufbruch“ einen Besuch bei Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer an. Er ist für Oktober in München geplant. Zum Ende des Jahres ist schließlich noch ein Fachgespräch mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr vorgesehen. Im September soll Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert darüber hinaus eine Auflistung zur aktuellen Altersstruktur und Verweildauer des Allgäuer Pflegepersonals bekommen. Folgen des Nachwuchs-Notstandes: Es gibt wieder eine Warteliste für Neuaufnahmen, denn immer weniger Pflegepersonal muss mehr zu Pflegende versorgen. „Wir sind bereits im demographischen Wandel angekommen, wobei die weiteren Entwicklungen bis 2040 zu riesigen Herausforderung für uns alle werden“, sind sich die Initiatoren des Allgäuer Aktionsbündnisses einig.

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Erlebnistag im Grünen Zentrum
Erlebnistag im Grünen Zentrum
Stadtgeschichte: Die Kemptener Illerbrücken im Wandel der Zeit Teil 2
Stadtgeschichte: Die Kemptener Illerbrücken im Wandel der Zeit Teil 2
Langjähriger Leiter der Arbeitsagentur offiziell verabschiedet
Langjähriger Leiter der Arbeitsagentur offiziell verabschiedet

Kommentare